
Es geschah vor ein paar Monaten in einem Hochsicherheitslabor, irgendwo in den USA. Ein Mitarbeiter reißt sich die Handschuhe auf, an den Zähnen eines sedierten Affen. Das Tier war mit dem Nipah-Virus infiziert, das bei Menschen eine tödliche Gehirnentzündung auslöst. Niemand wusste, ob sich der Mitarbeiter wirklich angesteckt hatte – doch seine Kollegen wollten kein Risiko eingehen.
"Die Leute aus dem Labor haben mich sofort angerufen und gefragt, ob ich den Antikörper m102.4 vorrätig hätte."
Christopher Broder ist Virologe an der Uniformed Services University in Bethesda, und m102.4 ist ein monoklonaler Antikörper, der vor einer Infektion mit dem Nipah-Virus schützen soll. Die Forscher haben ihn im Labor entwickelt, sie testen ihn schon ganze Weile – offiziell zugelassen ist er noch nicht.
"Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA musste den Notfalleinsatz erst genehmigen. Im Krankenhaus haben sie dem Labor-Mitarbeiter die erste Antikörperdosis dann zwei Tage nach dem Unfall verabreicht. Es gab keine Nebenwirkungen, und heute geht es ihm sehr gut."
Auch wenn man bis heute nicht weiß, ob der Mitarbeiter tatsächlich mit Nipah infiziert war - Christopher Broder war sich damals relativ sicher, dass der Antikörper im Zweifelsfall helfen würde. Er und sein Team hatten ihn nämlich gerade an Affen erprobt, und die ersten Ergebnisse waren vielversprechend: Grüne Meerkatzen, die gezielt mit Nipah infiziert und anschließend mit dem Antikörper behandelt wurden, haben überlebt. Alle. Die entsprechende Studie erscheint heute im Fachblatt "Science Translational Medicine".
"Einige Tiere haben wir sogar erst fünf Tage nach der Infektion behandelt. Nach fünf Tagen hatten sie schon Symptome wie Fieber . Wir haben ihnen den Antikörper am fünften und am siebten Tag gegeben. Die Affen haben nicht nur überlebt, sie sind wieder völlig gesund geworden."
m102.4 hält nicht nur Nipah-Viren in Schach
Über eine Infusion gelangen die Antikörper in die Blutbahn. Sie verhindern, dass die Viren in die Wirtszellen eindringen und sich vermehren. Außerdem sorgen sie dafür, dass die Zellen, die bereits infiziert sind, vom Immunsystem unschädlich gemacht werden. m102.4 hält aber nicht nur Nipah-Viren in Schach, sagt Christopher Broder, sondern auch die eng verwandten Hendra-Viren, die in Australien vorkommen.
"Der Antikörper ist die einzige Therapie, die gegen Nipah- und Hendra-Viren wirksam und auch für Menschen geeignet ist."
Doch der Antikörper muss erst einmal offiziell für Menschen zugelassen werden. In Australien wird zurzeit eine so genannte Phase-1-Studie vorbereitet, in der die Sicherheit des Antikörpers überprüft werden soll – an gesunden Probanden. Anschließend würde Christopher Broder den Antikörper gern dort einsetzen, wo das Nipah-Virus besonders heftig wütet: In Bangladesh.
"Das Virus dort ist besonders gefährlich. Jedes Jahr gibt es Ausbrüche, Menschen können sich auch gegenseitig anstecken. Mal sind zwölf Patienten betroffen, mal fünfzehn. In den letzten Jahren ist jeder Infizierte gestorben."
Die Australier – so ist es zumindest angedacht – würden den Antikörper in Bangladesh kostenlos zur Verfügung stellen, für die Menschen, die bereits am Nipah-Virus erkrankt sind. Nur so könnten die Forscher herausfinden, ob der Antikörper wirklich Leben rettet.
