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StartseiteWissenschaft im BrennpunktWas wir verlieren, wenn eine Sprache stirbt01.05.2018

Letzte WorteWas wir verlieren, wenn eine Sprache stirbt

Nie zuvor gingen so viele Sprachen verloren wie heute. Nach Schätzung der UNESCO wird zum Ende des 21. Jahrhunderts nur noch die Hälfte der heutigen Idiome existieren. Mit jeder Sprache, die ausstirbt, geht etwas Wertvolles unwiederbringlich verloren.

Von Wibke Bergemann

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Eine indigene Frau protestiert gegen Gewalt gegen Frauen in Guatemala. (AFP / Johan Ordonez)
Besonders die Sprachen indigener Völker sind vom Aussterben bedroht. (AFP / Johan Ordonez)
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"Die Jahai haben ungefähr ein Dutzend Wörter für Gerüche, die zum alltäglichen Vokabular gehören."

Rund 7.000 Sprachen gibt es weltweit, die der Jehai ist eine davon. Was sie riechen, können sie deutlich besser in Worte fassen als wir. 

"Dann gibt es in der Bora-Sprache aber für die unbelebten Gegenstände noch so ungefähr 70 Kategorien nach der Form der Gegenstände, also eine Klasse für lange, dünne Gegenstände, eins für runde Gegenstände, eins für flache Gegenstände, eins für flache Gegenstände mit einer gerade Kante und so weiter."

"All die Sprachen, die noch nicht erforscht wurden, wer weiß, welche Perlen sich da noch verbergen. Deswegen hoffe ich, dass wir mehr Einblicke gewinnen, bevor das alles verloren geht."

Überraschend großes Vokabular für Gerüche

Ganz im Norden Malaysias zieht sich noch weitgehend unberührter Regenwald über die Hügel. Nur eine Straße durchquert dieses Gebiet, der East-West-Highway, ansonsten dichter Dschungel. Hier liegen die provisorischen Dörfern der Jahai: Sie leben als Jäger und Sammler, und betreiben teilweise etwas Landwirtschaft. Ihre Welt ist reich an intensiven Gerüchen. Modrige Hölzer, feuchter Boden, üppige Blüten.

"Das Jahai Wort Ltpit beschreibt den Geruch verschiedener Blumen, Düfte, aber auch von Marderbären, die angeblich wie Popcorn riechen, und der Durianfrucht. Es spielt also keine Rolle, ob etwas essbar ist oder nicht. All diese Dinge haben etwas gemeinsam und das ist ein bestimmter Geruch. Das Wort Jungoz beschreibt den Geruch von Süßigkeiten oder gekochten Zwiebeln. Sie können das Wort nicht für Geschmack verwenden, sondern wirklich nur für den Geruch. "

Als Asifa Majid, Professorin an der Radboud Universität in Nimwegen und am dortigen Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, die Sprache der Jahai erforschte, stieß sie auf ein überraschend großes Vokabular für Gerüche. Mit mehr als 12 verschiedenen Wörtern können sie ausdrücken, was sie riechen.

Drei Jungen der Orang Asli sitzen auf dem Boden im Dschungel und rauchen (imago / Moritz Wolf)Die Jahai sind eine indigene Gruppe der Orang Asli in Malaysia (imago / Moritz Wolf)

Ein fein differenziertes System, das erlaubt, sogar das Aroma von Fleischsorten zu unterscheiden. Europäische Sprachen greifen da meist auf einen Vergleich zurück oder auf die Quelle des Geruchs. Dann riecht etwas wie "verbranntes Gummi" oder "blumig". Die Geruchswörter der Jahai dagegen stehen für sich, so wie bei uns die Farben.

"Wenn ich 'rot' sage, dann kann sich das auf eine Ampel, eine Tomate oder auf mein T-Shirt beziehen. Es gibt eine Eigenschaft, die eine Ampel, eine Tomate und ein T-Shirt gemeinsam haben können, und das ist die Farbe Rot. Genauso ist es mit den Geruchswörtern. Sie beziehen sich auf eine bestimmte Geruchseigenschaft, die ganz verschiedene Gegenstände gemeinsam haben können."

Die Jahai können den Geruch vieler Tiere unterscheiden. Ihr feiner Geruchssinn hilft ihnen im dichten Dschungel Beutetiere auszumachen und schützt sie zugleich vor Gefahren. Nicht umsonst gibt es einen eigenen Ausdruck für den Geruch von "Blut, der Tiger anlockt".

In vielen Sprachen fehlen nur die Worte für Gerüche

Wie gut die Jahai darin sind, Gerüche zu erkennen und zu benennen, konnte Majid in mehreren Experimenten zeigen. Sie hat dafür die Jahai mit englischen Muttersprachlern verglichen. Den Probanden wurden Farbkarten und Papierstreifen mit Gerüchen gegeben, die sie beschreiben sollten.

"Bei den Englischsprechern haben wir eine Asymmetrie gefunden. Sie konnten sich weit besser auf eine Farbe verständigen als auf einen Geruch. Tatsächlich gaben sie für die Gerüche komplett unterschiedliche Beschreibungen ab. Da war keine Übereinstimmung, obwohl es um vertraute Düfte ging wie Zimt, Kaffee und Schokolade. Die Jahai dagegen waren genauso gut darin über Gerüche zu sprechen wie über Farben."

Geruchssinn wird im Allgemeinen als Teil der unbewussten Wahrnehmung angesehen, Gerüche gelten als gar nicht oder nur schwer beschreibbar. Mit ihren Studien zu den Jahai zeigt Majid, dass das keineswegs immer so ist. Tatsächlich kommt es darauf an, welche Sprache man spricht. Der menschliche Geruchssinn kann schätzungsweise eine Million Gerüche unterscheiden - in vielen Sprachen fehlen nur einfach die Worte.

"Natürlich ist Geruch uns wichtig, die Parfumindustrie verdient damit Milliarden. Wir im Westen tun viel dafür, bestimmte Gerüche loszuwerden und durch andere zu ersetzen. Bei den Jahai zeigt sich die Bedeutung von Gerüchen aber auch in ihrem Glauben und in vielen alltäglichen Handlungen. Sie glauben, dass bestimmte Gerüche krank machen und andere heilen. Sie glauben, dass bestimmte Fleischsorten nicht auf dem gleichen Feuer gekocht werden sollten, damit ihre Aromen sich nicht vermischen. Sie glauben, dass Bruder und Schwester nicht zu nah nebeneinandersitzen sollten, weil sich dann ihre Gerüche vermischen, was als eine Art Inzest betrachtet wird. "

Guter Geruchssinn, viele Geruchswörter  - was war zuerst da?

Was war zuerst da? Der besonders geübte Geruchssinn? Eine Kultur, in der Gerüche eine große Bedeutung haben? Oder eine Sprache voller Geruchswörter? Diese Frage kann auch Asifa Majid nicht beantworten. Sie geht aber davon aus, dass sich Kultur, Sprache und Wahrnehmung kontinuierlich gegenseitig beeinflussen.

"Wenn man in eine Gesellschaft geboren wird, in der viel über Gerüche gesprochen wird, dann entsteht da natürlich eine bewusste Aufmerksamkeit. Denn jedes Mal, wenn ich das Wort benutze, wird auch das Konzept aufgerufen. "

Noch gibt es schätzungsweise 1.000 Menschen, die täglich Jahai sprechen. Doch seit den 1970er Jahren werden die Jahai von der malaysischen Regierung zunehmend in festen Ortschaften angesiedelt, in denen auch andere indigene Völker leben und die lokale Sprache "Temiar" dominiert. Der Schulunterricht findet auf Malaysisch statt. Wie lange wird sich da ihre Sprache und ihr Gespür für Düfte noch halten?

"Jahrhundertelang hatten wir im Westen diese Vorstellung von Gerüchen als etwas Unbewusstem. Die Jahai haben uns neue Möglichkeiten eröffnet, über unseren Geruchssinn nachzudenken, dass er nicht so schwach ist, wie wir bisher dachten. " 

Keine Uhren - aber sechs verschiedenen Tempusformen

In brasilianische Amazonas-Gebiet sprechen die Piraha eine Sprache ohne Vergangenheit und Zukunft. Sie leben im Hier und Jetzt, Zukunft und Vergangenheit interessieren sie nicht, meint der Missionar Daniel Everett, der die Sprache erforscht hat.

Auch die Yeli Dnye in Papua-Neuguinea leben ohne Uhren und ohne Kalender. Was aber nicht bedeutet, dass sie ohne Zeit leben. Es gibt rund 20 Nomen, um zu sagen, wann etwas geschieht: vor einem Tag, heute, morgen, in zwei Tagen, in drei Tagen usw.

Mit einem komplexen System von sechs verschiedenen Tempusformen geben auch die Verben relativ genau den Zeitpunkt der Handlung an. Das Verb im Satz ändert sich, je nachdem ob das Ereignis heute oder gestern geschehen ist oder noch weiter zurückliegt. Oder ob es jetzt gerade geschieht, heute noch oder weiter in der Zukunft.

Piraha und Yeli Dnye sind zwei Beispiele dafür, wie unterschiedlich Sprachen allein mit Zeit umgehen.

Nach Schätzungen der UNESCO könnten zum Ende des Jahrhunderts die Hälfte aller heute existierenden Sprachen ausgestorben sein, auch Piraha und Yeli Dnye. Was bedeutet es, wenn diese Vielfalt verloren geht?

"Der Trend ist auch ganz klar, dass es immer weniger Familien sind, in denen die Kinder Bora erlernen, vor allem als Erstsprache. Es gibt Kinder, die Bora überhaupt nicht mehr können, oder nur noch verstehen, aber selber nicht mehr sprechen. "

Die Jungen gehen weg und kehren nicht zurück

Die Bora-Indianer im Amazonas-Regenwald. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden sie zu Tausenden von Kautschukbaronen verschleppt. Die, die die Sklaverei überlebten, leben heute weit verstreut in einem Gebiet zwischen Kolumbien und Peru. Ihre abgelegenen Dörfer werden von keiner Fähre angefahren. Wer in den nächstgrößeren Ort will, um die Krankenstation aufzusuchen oder auf dem Markt etwas Obst zu verkaufen, braucht ein eigenes Motorboot.

Eine Gruppe von Bora-Indianern steht auf einem sandigen Platz. Die Männer haben lange Holzstäbe in der Hand, während die Frauen und Kinder ihnen zuschauen. (imago / Chris Cheadle)Bora-Indianer in Kapitari im Amazonasgebiet in Peru (imago / Chris Cheadle)

Die Jungen gehen weg, um in der Provinzhauptstadt Iquitos eine Ausbildung zu machen, und kehren nicht mehr zurück.

"Die Schule ist nur auf Spanisch. Die hören viel Radio, Fernseher gibt es zum Teil auch. Es gibt inzwischen immer mehr auch Internetzugang und Smartphone und Facebook und so weiter."

Immer mehr Bora gehen dazu über, auch im Alltag Spanisch zu sprechen. Die Zahl der Bora-Sprecher ist schon heute auf zwei- bis dreitausend geschrumpft.

Evidenzsystem mit entsprechenden Verbformen

Über ein Jahrzehnt ist der Sprachwissenschaftler Frank Seifart immer wieder in den Regenwald gefahren, um die Amazonas-Sprache zu erforschen. Zum Beispiel das Evidenzsystem, das es in vielen Sprachen hier gibt: Wer eine Aussage macht, muss immer auch angeben, wie sicher ihr Wahrheitsgehalt ist. Woher nehme ich meine Informationen, vom Hörensagen, gibt es Hinweise oder habe ich es selbst gesehen?

"Wo ich dann zum Beispiel sagen würde, Zabewa, wenn ich sage, er ging, aber ich habe es nicht selber erlebt, sondern von jemandem gehört. Wenn ich es selber erlebt habe, dann sage ich Zabe. Und wenn ich irgendwelche andere Evidenz dafür habe, weil sein Haus leer ist zum Beispiel, dann sage ich, Zabe aka. "

Für jede Aussage wird die entsprechende Verbform ausgewählt, ganz selbstverständlich, wie im Deutschen etwa das Verb immer eine Zeitform hat: Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Für jede Aussage muss sich der Sprecher also bewusst sein, wie sicher oder unsicher die Information ist.

Wibke Bergemann: "Gibt es ein anderes Verhältnis zur Wahrheit, oder sowas?

Frank Seifart: "Ja, das ist eine gute Frage. Mhm…Also eine Sache ist, das ist jetzt kein Zufall, dass im Tariana und im Bora diese Evidenzsysteme bestehen. Das ist in der ganzen Gegend so, in allen benachbarten Sprachen. Und das zeigt eben, dass das eine gewisse kulturelle Bedeutung hat in dieser Gegend."

Bergemann: "Weißt Du woran ich denke, an Vargas LLosa "Der Geschichtenerzähler", kennst du die Geschichte? "

Seifart: "Ja, das spielt ja auch in der Gegend nicht weit vom Bora, und auch Tariana."

Denn ein Geschichtenerzähler zu sein, heißt ein eingewurzelter Machiguenga zu sein, der die Wälder meines Landes durchstreift, und die Anekdoten, Lügen, Erfindungen, Klatsch- und Scherzgeschichten mit sich nimmt und weiterträgt, die aus dem Volk zerstreuter Wesen eine Gemeinschaft machen und unter ihnen das Gefühl lebendig halten, zusammenzugehören.

Seifart: "Das sind ja Völker ohne Schrift, da gibt es ja große Literaturen auch, die mündlich weitergegeben werden. Und alle möglichen Genres, Ursprungsmythen, Epen, Beschwörungsformeln."

Grammatische Marker für Gegenstände

Eine weitere Besonderheit im Bora: Für unbelebte Gegenstände existieren rund 70 grammatische Marker, die die Form angeben. Ist ein Gegenstand rund und flach oder lang und dünn oder vielleicht rund mit einer graden Kante? Diese Markierung geht an alle dazugehörigen Teile im Satz, auch Adjektive und Verben.

Der Satz, "Meine Zwei-Euro-Münze fiel runter" wäre auf Bora ungefähr: "Meine kleine-flach zwei-flach Münze-flach fiel-flach und so weiter. "

Für die Bora war das Holz der sie umgebenden Wälder immer das wichtigste Material, um Gebrauchsgegenstände, Werkzeuge und Waffen herzustellen. Wenn aber alles aus Holz ist, wird es wichtig, die Form zu unterscheiden. Die Klassifikatoren erlauben eine genaue Differenzierung. Für einen Bora ist klar, ein flaches Holz mit mindestens einer geraden Kante - das ist ein Brett.

Seifart: "Zum Beispiel beim Hausbau die verschiedenen Gabeln und Balken und Elemente, die im Dach verwendet werden."

Bergemann: "Also einer steht oben und sagt, reich mir mal einen großen Balken!"

Seifart: "Ja, oder einen, der eine Gabel hat am Ende."

Auch das ist praktisch: Ein Bora-Sprecher, der ein Fußballspiel kommentiert, muss nicht ein einziges Mal den Ball erwähnen. Dank der Klassifikatoren ist immer klar, dass er von einem runden Gegenstand spricht.

Die Sprache schärft die Wahrnehmung

Seifart hat Experimente durchgeführt und festgestellt, dass die enorme Fülle an Wort-Endungen für die Form, die Bora-Sprecher in ihrer Wahrnehmung sensibilisiert. Den Probanden legte er jeweils drei Kärtchen vor, auf denen drei einfache Gegenstände abgebildet waren. Die Aufgabe lautete, ein Paar zu bilden.

"Stift, Papier und Nagel, was gehört zusammen? - Stift und Nagel für die Bora Sprecher, weil sie beide lang und dünn sind. "

Seifart verglich die Ergebnisse mit denen von Englisch-Sprechern und sogar von Spanisch-Sprechern aus den gleichen Dörfern. Sein Fazit: Die Sprache schärft die Wahrnehmung. Selbst dann, wenn sie gar nicht sprechen, sondern lediglich aufgefordert sind, die Karten zu sortieren: Die Form ist den Bora-Sprechern immer wichtiger als Material oder Zweck.

"Und das lässt sich eben darauf zurückführen, dass Bora-Sprecher durch ihre Sprache ständig auf diese Formunterscheidung nach lang-dünn versus flach-rund und so weiter gestoßen werden."

Universalisten und Relativisten

"So liegt in jeder Sprache eine eigentümliche Weltansicht. Wie der einzelne Laut zwischen den Gegenstand und den Menschen, so tritt die ganze Sprache zwischen ihn und die innerlich und äußerlich auf ihn einwirkende Natur. Er umgibt sich mit einer Welt von Lauten, um die Welt von Gegenständen in sich aufzunehmen und zu bearbeiten. […] Der Mensch lebt mit den Gegenständen hauptsächlich, ja sogar ausschließlich so, wie die Sprache sie ihm zuführt. Durch denselben Akt, vermöge dessen er die Sprache aus sich herausspinnt, spinnt er sich in dieselbe ein."

Der preußische Humanist Wilhelm von Humboldt war vor etwa 200 Jahren einer der ersten, der sich mit all den fremden Sprachen befasste. In den 50er Jahren löste die nach den Linguisten Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf benannte Sapir-Whorf-Hypothese einen Streit aus. Whorf ging davon aus: Wer anders spricht, denkt auch anders.

Heftiger Widerspruch kam von den Universalisten, ihre These: Sprachliche Strukturen sind angeboren, ganz genauso wie alle grundlegenden Konzepte menschlichen Denkens.

Wibke Bergemann: "Die Diskussion zwischen Universalisten und Relativisten ist überwunden, oder?"

Monique Flecken: "Nein, ich glaube, der Streit zwischen Universalisten und Relativisten wird wohl niemals endgültig geklärt werden. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Ich glaube, die Universalisten haben recht, wenn sie sagen, dass wir alle das gleiche Gehirn, die gleiche Maschinerie in unseren Köpfen haben. Der biologische Aufbau ist immer der gleiche, wir sind alle Menschen."

Was meinen wir mit "Denken"?

Und doch hat die Sprache, Einfluss auf unser Denken. Die Psycholinguistik versucht, diesem Einfluss mit immer ausgefeilteren Techniken auf die Spur zu kommen. Statt kleine, indigene Sprachen zu studieren, sind Sprachwissenschaftler dazu übergegangen, auch die großen Sprachen zu vergleichen.

"Was meinen wir eigentlich mit "Denken"? Man muss die Untersuchung eingrenzen. Ich beschäftige mich mit visueller Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Man kann auch Erinnerung untersuchen. Und natürlich muss man auch das linguistische Phänomen, das man betrachtet, genau eingrenzen. "

Am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik konzentriert sich Monique Flecken auf die Wahrnehmung von Bewegung. Worauf richten Sprecher ihre Aufmerksamkeit, wenn sie etwas betrachten, das sich bewegt? Flecken vergleicht dazu Sprachen, die einen progressiven Aspekt, also eine Verlaufsform haben wie etwa Englisch, Spanisch oder Arabisch, mit Sprachen ohne Aspekt wie etwa Deutsch oder Niederländisch.

Im Experiment sehen die Versuchsteilnehmer einen kurzen Film, eine Frau läuft auf ein Haus zu, ein Auto fährt in Richtung einer Tankstelle, ein Kind läuft über eine Wiese zu einer Kletterwand. Manchmal wird dabei das Ziel erreicht, in anderen Fällen stoppt der Film schon vorher. Dies sind die für das Experiment interessanten Fälle, bei denen sich große Unterschiede zeigen. Nach dem Film sollen die Zuschauer in einem Satz formulieren, was sie gesehen haben.

"Die Deutschsprecher erwähnen häufiger den Endpunkt: Die Frau geht zu dem Haus. Dagegen reden die Arabischsprecher eher über die Umgebung: Die Frau geht durch eine Landschaft oder auf einer Straße. Sie defokussieren den Endpunkt. Der progressive bzw. unvollendete Aspekt in ihrer Sprache führt dazu, dass ihr Hauptaugenmerk auf dem Verlauf der Bewegung liegt."

Wibke Bergemann: "Ich dachte, dass die Straße… Wenn man genau hinsieht, führt die Straße gar nicht zum Haus sondern biegt nach links ab. "

Monique Flecken: "Oh, ja? "

Bergemann: "Ist das beabsichtigt? "

Flecken: "Nein. Sie bemerken das, weil Sie mehr auf diesen Teil des Videos blicken. Ich selbst habe das gar nicht gemerkt. Das bestätigt unsere Hypothese. Sie achten mehr darauf, ob die Frau wirklich zu dem Haus geht. Während ein Englischsprecher genauer auf die Person schauen würde und wo sie gerade langläuft."

Unterschiedliche Wahrnehmung bestätigt sich

Die Verlaufsform im Arabischen oder Englischen bringt die Sprecher offenbar dazu, stärker auf den Weg zu achten als auf das Ziel. Um den Vorwurf zu vermeiden, in einem Zirkelschluss den Einfluss von Sprache durch Sprache zu testen, wiederholten Flecken und ihre Kolleginnen den Versuch ohne Sprache. Stattdessen wurden die Probanden aufgefordert, auf die Geräusche während der Kurzfilme zu achten. Gleichzeitig wurde per Eye Tracking aufgezeichnet, wohin sie den Blick wendeten. Das Ergebnis war das Gleiche.

Mit Hirnstrommessung im EEG konnte Flecken zudem zeigen, dass dieser Effekt schon in der frühen Bildverarbeitung nach 300 Millisekunden auftritt, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Sprachverarbeitung im Gehirn gerade erst einsetzt.

Ein Hinterkopf, an dem etwa ein Dutzend Elektroden zum Zweckke der Hirnstrommessung angebracht sind   (imago / Ute Grabowsky)Auch die Hirnstrommessung bestätigte unterschiedliche Wahrnehmungen bei Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen (imago / Ute Grabowsky)

"Wenn Leute eine nicht-sprachliche Aufgabe bekommen, wenn sie einen Film sehen und nichts darüber sagen müssen, dann werden Kritiker immer noch sagen, dass sie innerlich etwas formulieren. Und das ist etwas, was ich niemals ausschließen kann. Ich kann die Versuchsteilnehmer nur ablenken, so dass sie keine Zeit für eine verbalisierende Strategie haben. Wenn ich die Hirnaktivität innerhalb von Millisekunden messe, wird es außerdem unwahrscheinlicher, dass Sprache involviert ist."

Sprache lenkt lenkt die Wahrnehmung

"Willkommen. Hier wirst du die nächste halbe Stunde verbringen. Stell dich bitte auf das Laufband."

Im Keller des Max-Planck-Instituts setzt die Doktorandin Julia Misersky einer Versuchsteilnehmerin eine klobige Brille auf und stellt sie auf ein Laufband. In der Virtuellen Realität könnte die Zukunft der psycholinguistischen Forschung liegen.

"Die Leute fragen immer, heißt das: Wenn deutsche Muttersprachler im Alltag herumlaufen, achten sie tatsächlich mehr auf das Ziel oder sind sie mehr daran interessiert, Dinge zu erreichen? Wir haben uns gefragt, wie man das testen könnte. Hier im Labor können die Leute herumlaufen und wir können gleichzeitig messen, wohin sie ihren Blick richten. "

Kein Sprachwissenschaftler würde heutzutage mehr behaupten, dass Sprache das Denken "bestimmt". Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit. Andere Experimente zeigen, dass sich unsere Wahrnehmung ändern kann, etwa wenn wir in ein anderes Land ziehen und eine andere Sprache lernen.

"Das zeigt, dass das nicht fest im Hirn programmiert ist. Dass man nicht ein anderes Hirn hat, wenn man eine andere Sprache spricht, sondern dass sich lediglich das verarbeitende System an die Erfahrungen anpasst. Es sind die Erfahrungen, die das System trainieren, etwas auf eine bestimmte Art zu sehen."

Informationen durch Sprache verdichten

Während die Hälfte der Weltbevölkerung eine der 19 großen Sprachen spricht, wie etwa Chinesisch, Englisch oder Spanisch, spricht die andere Hälfte der Menschheit eine der übrigen, schätzungsweise 7.000 kleinen Sprachen - ein schier unendlicher Fundus an kleinen und Kleinstsprachen, mit manchmal verblüffend einfachen Lösungen für komplizierteste Sachverhalte:

"So wie: Ich befürchte, dass die beiden, die gegenseitig in einem ungradzahligen Generationsverhältnis stehen, vielleicht mit Folgen für jemand anderen und ohne, dass eine wichtige Person davon weiß, gehen. Das ist ein Wort in Dalabon, in Australien. "

In Berlin, am Museum für Kommunikation entsteht gerade die Ausstellung: "Was fremde Sprachen anders machen". Frank Seifart betreut sie als Vorstand der Gesellschaft für bedrohte Sprachen.

Wibke Bergemann: "Und wie heißt das Wort? "

Frank Seifart: "Das kann ich jetzt nicht… Ich weiß nicht wie das auf Dalabon ausgesprochen wird. Wekemanumolkundokan. Also jedenfalls noch wesentlich kürzer als die deutsche Übersetzung."

In Seifarts Computer sind alle Schautafeln für die Ausstellung schon fertig. Erste Station: Ein Wort-Sätze. Ein einziges Wort drückt aus, wofür andere Sprachen einen ganzen Satz brauchen, mindestens.

"Außerdem wird mit der Verbform auch noch ausgedrückt, dass einer der beiden Beteiligten eine Schwiegermutter von mir ist."

Jede Silbe eine Information, und alle zusammen ergeben das lange, kaum auszusprechende Wort. Andere Sprachen können sogar noch weiter verdichten. Dritte Station: Bündelung. Dabei stecken die verschiedenen Bedeutungen in einem einzigen Wortstamm.

"Der Geruch nach Regen und Boden am Beginn der Regenzeit. Das ist ein Beispiel aus dem Dalabon. Oder von den Ket in Sibirien: Ein einzelner Baum inmitten einer Menge von Bäumen einer anderen Art."

Verlust von Sprache - und Identität

Die Verdrängung der kleinen Sprachen durch die jeweiligen National- und Kolonialsprachen hat sich beschleunigt - seit die kulturell dominanten Idiome nicht mehr nur von den Eliten gesprochen werden, sondern in alle Ecken und Schichten der Gesellschaften vordringen.
Die betroffenen Gemeinschaften verlieren nicht nur ihre Sprache, sondern auch Identität und geistige Heimat. Dabei ist es oft erst die zweite Generation, der dies schmerzlich bewusst wird.

"Dieses Lied habe ich aufgenommen von einer Frau, deren Großvater Resigaro war, die das von Ihrem Großvater gelernt und sich noch daran erinnern konnte, die aber auch gar nicht so genau weiß, was sie da singt, und das habe ich in Kolumbien aufgenommen und zu den Resigaros in Peru gebracht, die das Land nicht mehr kannten."

Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen versucht, die kleinen Sprachen zu dokumentieren. Damit kann Unterrichtsmaterial für die Schule erstellt werden, um so wenigstens die Mehrsprachigkeit zu erhalten. Es geht nicht nur um das Überleben kultureller Errungenschaften. Seifart zeigt ein Video, in dem ein alter Indianer an die junge Generation appelliert, die Muttersprache nicht aufzugeben - "weil sie sonst aufhören würden, zu existieren."

Die Ausstellung "Was fremde Sprachen anders machen" zeigt das Museum für Kommunikation in Berlin vom 4. Mai bis zum 7. Oktober 2018.

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