Samstag, 01. Oktober 2022

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Leukämie
Bei Muscheln ist Krebs ansteckend

Die Sandklaffmuschel-Populationen vor der Ostküste Nordamerikas schwinden. Der Grund ist eine Form von Blutkrebs, die bei den Tieren immer häufiger auftritt. Als Ursache wurden die zunehmende Umweltverschmutzung oder Viren vermutet. Doch nun liefern US-Forscher im Fachmagazin Cell eine überraschende Erkenntnis.

Von Lucian Haas | 10.04.2015

    Muscheln und Schnecken liegen auf dem Sand, im Hintergrund das Meer
    Irgendwie müssen die Tumorzellen aus einer Muschel hinaus in eine andere hinein gelangen - sogar über große Distanzen hinweg. (picture alliance / dpa/ Klaus Nowottnick)
    Der Virologe Stephen Goff von der New Yorker Columbia University bekam vor einigen Jahren unverhofft den Hilferuf einer Meeresforscherin. Carol Reinisch suchte schon länger nach der Ursache einer Krankheit, die bei Sandklaffmuscheln an der gesamten Ostküste der USA und Kanadas auftritt. Die Muscheln leiden unter einer Form von Leukämie, bei der sich bestimmte Zellen in ihrer blutähnlichen Körperflüssigkeit, der Hämolymphe, unkontrolliert vermehren, bis die Tiere daran sterben. Carol Reinisch glaubte, dass ein Virus hinter der Krankheit steckt. Stephen Goff erinnert sich:
    "Sie erzählte mir von dieser Muschelkrankheit, von der ich nie zuvor gehört hatte. Wir forschen hier an Retroviren, besonders dem Maus-Leukämie-Virus. Über Muscheln wussten wir bis dahin gar nichts. Sie aber sagte: Ich schicke Dir einige leukämiekranke Muscheln, ich schicke Dir Proben der Hämolymphe und der darin enthaltenen Zellen. Könntest Du bitte nachschauen, ob ein Virus darin vorkommt. Und wir sagten: Klar können wir das."
    "Es handelt sich um eine ansteckende Form von Krebs"
    Als Stephen Goff die erkrankten Muscheln und deren Hämolymphe untersuchte, fand er zwar keine Viren, aber auffällige genetische Veränderungen in den Tumorzellen. Um deren Ursprung zu entschlüsseln, sequenzierte und verglich er die DNA der Tumoren mit dem Erbgut anderer Zellen der Muscheln. Die Proben dazu stammten von verschiedenen Sandklaffmuscheln, gesammelt zwischen New York und dem kanadischen Prince Edward Island, teilweise mehr als 500 Kilometer voneinander entfernt.
    "Wir fanden heraus, dass alle Tumorzellen genetisch gar nicht zu den Tieren passten, in denen sie vorkamen. Die Tumoren entwickelten sich nicht aus den typischen Zellen der Tiere. Zudem waren alle Tumoren, die ganze Ostküste hoch und runter, genetisch untereinander identisch. Das lässt sich nur dadurch erklären, dass dieser Tumor sich als Zellklon von Tier zu Tier verbreitet. Es handelt sich also um eine ansteckende Form von Krebs."
    Noch ist vollkommen unklar, wie sich die Tumorzellen im Meer verbreiten. Sandklaffmuscheln sind sesshafte Tiere, die ihr Leben im Schlick vergraben verbringen und kaum einmal direkten Körperkontakt untereinander haben. Dennoch müssen die leukämischen Tumorzellen irgendwie aus einer Muschel heraus und in eine andere hinein gelangen – und das sogar über große Distanzen hinweg.
    "Auf gewisse Weise ähnelt das der Entwicklung von Metastasen bei einem Menschen. Es ist eine wichtige Frage der Krebsforschung, wie Tumorzellen an einem Ort den Tumor verlassen, sich über Blut oder Lymphe verbreiten und schließlich eine neue Stelle im Körper finden, wo sie sich wieder anheften und zu sekundären Tumoren führen. Was wir bei den Muscheln beobachten, ist so etwas wie die erweiterte Version davon. Die Tumorzellen können sogar in einen anderen Körper wandern und sich dort erfolgreich ansiedeln. Wir brennen darauf, zu verstehen, wie sie das schaffen."
    Beim Menschen unwahrscheinlich
    Dass auch Menschen sich in ähnlicher Weise mit Tumoren anderer Menschen anstecken könnten, hält Stephen Goff für sehr unwahrscheinlich.
    "Wirbeltiere wie der Mensch besitzen ein starkes Immunsystem, das einen fremden Tumor wie diesen einfach abstoßen würde. Wenn jemand an Leukämie erkrankt ist, würde ich mir keine Sorgen darüber machen, mich mit Leukämie anzustecken."
    Bei Weichtieren mit einem weniger weit entwickelten Immunsystem ist das aber offenbar möglich. Stephen Goff und Carol Reinisch wollen als nächstes erkunden, inwieweit Leukämie auch bei anderen Muschelarten durch Ansteckung verursacht wird. Vielleicht könnten sich die Tumorzellen sogar nicht nur über Körper-, sondern auch über Artgrenzen hinweg verbreiten.