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StartseiteEine WeltWarum immer mehr Sunniten zur Hisbollah gehen19.05.2018

LibanonWarum immer mehr Sunniten zur Hisbollah gehen

Die libanesische Hisbollah ("Partei Gottes") gilt als schiitisch geprägt. In jüngster Zeit treten allerdings immer mehr junge sunnitische Muslime in die Partei ein. Viele sind enttäuscht von der Zukunftsbewegung, der Partei von Regierungschef Saad al-Hariri.

Von Björn Blaschke

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Vorne eine große Gruppe junger Männer mit Kopftüchern in Tarnfarben, dann die große Plastik einer Faust mit einem Maschinengewehr in der Hand, dahinter eine große Gruppe Männer mit grünen Kopftüchern und in schwarzen Hemden. (AFP / ANWAR AMRO)
Wird von immer mehr libanesischen Sunniten als Vertretung ihrer Interessen etwa gegen Israel wahrgenommen: die Hisbollah (AFP / ANWAR AMRO)
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Plastikstühle und Klapptische, Tee und Mokka aus Pappbechern - das Kaffee-Haus in einem Viertel Beiruts, das vor allem Sunniten ihr Zuhause nennen, ist bescheiden. Womit es zu Ramees passt. Er wohnt gleich um die Ecke. Der 30-Jährige wirkt schüchtern; wenn er spricht, scheint er hinter seiner großen Brille zu verschwinden. Ramees ist Mitglied einer Partei, die sich im Widerstand gegen Israel sieht; den Staat, der bis heute libanesisches Land besetzt halte – und überhaupt arabisches Land; eine Partei obendrein, die dem mehrheitlich schiitischen Iran nahesteht. Sie selbst wird von schiitischen Libanesen dominiert. Ja, Ramees ist Mitglied der Hisbollah – und das als Sunnit.

"Warum genau die Hisbollah? Weil sie gut organisiert ist. Sie ist die Nummer eins im Land; ganz klar die Nummer Eins!"

Tatsächlich gilt die Hisbollah als Siegerin der jüngsten Parlamentswahl im Libanon, was ihre Anhänger noch in der Nacht nach der Abstimmung lautstark feierten. Viele Libanesen – insbesondere die schiitischen – haben sich offenbar vom Programm der Partei Gottes, wie die Hisbollah zu Deutsch heißt, überzeugen lassen. Nur selten geben hochrangige Hisbollah-Funktionäre Interviews. Mahmoud al-Komati, ein Mitglied des zwölfköpfigen Politik-Rates der Organisation, hat eine Ausnahme gemacht. In einer Stellungnahme für die ARD legte er das Programm der Hisbollah dar:

"Das Wahlprogramm der Hisbollah – darin steht, dass die Hisbollah auf das Projekt des Widerstandes und den Schutz des Libanon setzt. Unser Motto: 'Wir schützen und bauen auf!' Wir schützen den Libanon vor dem israelischen Feind und Terroristen wie denen des IS. Und wir bauen den Libanon auf, in den Bereichen der Wirtschaft, Wohnraum und Bekämpfung der Korruption. Wir fahren zweigleisig: Schutz des Libanon und Aufbau des Landes. Und wir machen keinen Unterschied zwischen Muslimen und Christen; Moscheen oder Kirchen."

Eine überkonfessionelle "Partei Gottes"

Die Hisbollah zeigt sich überkonfessionell, als Organisation, die für alle Libanesen offen ist - unabhängig von den Strukturen, die ansonsten die Gesellschaft prägen; religiösen Strukturen, die besagen: Christliche Politiker sind für Christen da; schiitische für Schiiten; sunnitische für Sunniten. Bereits 1997 rief der Generalsekretär der Hisbollah 1997 die so genannten "Sarayat al-Muqawama" ins Leben, die "Brigaden des Widerstandes". Ein Sammelbecken innerhalb der Hisbollah für nicht-schiitische Libanesen. Und ihnen trat 2008 auch der schüchterne Ramees bei.

"Ich gehöre den Brigaden an. Wir gehen zu Treffen, da sprechen Hisbollah-Leute, trainieren uns und wir gehen gemeinsam in die Berge, machen da so was wie Camping, trainieren dort... Die Hisbollah hilft uns bei allem: Krankhausbesuche – und so weiter. Sie hilft, so weit sie kann. Früher, bei der 'Zukunftsbewegung' half Dir niemand, es sei denn Du kanntest einen von den ganz oben."

Die Zukunftsbewegung – eine Partei, die der amtierende Regierungschef des Libanon, Saad al-Hariri führt, wie Ramees ein Sunnit. Die "Zukunftsbewegung" hat bei der zurückliegenden Parlamentswahl ein Drittel ihrer Sitze im Parlament verloren. Ramees, einst Mitglied der Partei, hatte ihr schon lange zuvor den Rücken gekehrt, 2008 war das. Damals hatte die Regierung des Libanon, ebenfalls geführt von einem Mann der "Zukunftsbewegung", erklärt, die Hisbollah entwaffnen zu wollen. Aber: Wie heute sperrte sich deren Führung dagegen – mit dem Argument, die Hisbollah befinde sich im Widerstand gegen Israel.

Ramees schloss sich 2008 dem Sieger der Kraftprobe an

Statt die Waffen niederzulegen jedenfalls, besetzten Hisbollah-Milizionäre kurzerhand West-Beirut; einen Teil der libanesischen Hauptstadt, in dem ansonsten eher Sunniten wohnen. Den Regierungssitz belagerten sie, bis die Regierung klein beigab. Seither ist klar, wer die Macht im Libanon hat. Ramees war von der Zukunftsbewegung enttäuscht, und wandte sich der Hisbollah zu:

"Ich war hier, Hisbollah-Leute kamen, haben mit Jugendlichen geredet, die enttäuscht waren von der Zukunftsbewegung. Das war alles ein paar Monate, nachdem die Hisbollah in West-Beirut eingerückt war. Dann habe ich mich der Hisbollah angeschlossen."

Wie Ramees sollen heute gut 15.000 Sunniten in der Hisbollah aktiv sein – heißt es aus der "Partei Gottes". Im ganzen Libanon. Allein in Beirut soll sie 2.000 Mitglieder haben. Tendenz steigend, seit der Chef der "Zukunftsbewegung", Saad al-Hariri, im vergangenen Jahr für eine Krise im Land sorgte: Al-Hariri hatte von Saudi-Arabien aus seinen Rücktritt als Regierungschef erklärt – verbunden mit dem Vorwurf Richtung Iran, man wolle ihn umbringen. Umgekehrt warfen der Iran und auch die Hisbollah dem Königshaus von Saudi-Arabien vor, al-Hariri gefangen genommen zu haben.

Bis heute sind die Umstände ungeklärt – al-Hariri kehrte jedoch schließlich zurück in den Libanon und erklärte seinen Rücktritt vom Rücktritt.

"Nein, es wird keinen neuen Krieg geben"

Al-Hariris Glaubwürdigkeit als Repräsentant sunnitischer Libanesen hat unter der Affäre gelitten. Darum wissend hat die Hisbollah im zurückliegenden Parlamentswahlkampf noch einmal richtig Werbung für sich gemacht. Und tatsächlich sind so einige jüngere Sunniten mehr von al-Hariri abgefallen und zur Partei Gottes gegangen, aber auch zur Amal, einer anderen schiitisch geprägten Partei im Libanon.

Die Angst davor, dass die Hisbollah und deren Partner, der Iran, Israel und den USA zu mächtig werden könnten, dass ein neuer Regionalkrieg droht, diese Angst teilt Ramees nicht:

"Nein, es wird keinen neuen Krieg geben... Die Hisbollah ist aber immer bereit. Sie hat immer gute Zukunftsvisionen im Gegensatz zur Zukunftsbewegung und den anderen Parteien. Die Hisbollah plant und denkt zehn oder 20 Jahre voraus. Anders als die anderen Parteien. Die Leute der Zukunftsbewegung denken höchstens an morgen oder übermorgen. Oder sie denken gar nicht."

Die Hisbollah entwickelt sich mehr und mehr zu einer gesamt-libanesischen Kraft. Und das ist nicht nur ein Zeichen ihrer Stärke sondern auch ein Zeichen für die Schwäche der anderen Parteien des Libanon. –bebe, Beirut

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