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Liebe im Kapitalismus

Nicolette Krebitz ist das Kraftzentrum dieser Frankfurter Bankenstudie, die Lust auf das ganz neue deutsche Kino macht. Sie spielt Svenja, die eine Affäre mit dem Chef ihres Mannes anfängt und dabei übersieht, dass der kühle Investmentbanker sich längst aufgegeben hat.

Von Josef Schnelle | 31.03.2011

    "Herr Cordes, darf ich Ihnen meine Frau vorstellen: Herr Cordes - Svenja.
    Die Frau die so gern Martinis trinkt? Ich hoffe sie unterhalten sich gut.
    Ja.
    Entschuldigt, aber ich muss mir den da mal kurz ausleihen."

    Im Herzen der Finanzwirtschaft Frankfurts herrschen biblische Zustände. König David schickte den Mann von Batseba in den Krieg, damit er sie ungestört verführen konnte. Hinterher wollte er seinen General, dem er Hörner aufgesetzt hatte, nur noch schnell loswerden. Er überließ ihn dem sicheren Tod. Die Bibel ist ein Fundus von Kinogeschichten.

    Auch Roland Cordes, Banker des Jahres, ist in "Unter dir die Stadt" ein mächtiger Mann. Jedenfalls kann er seinen Angestellten Oliver mit einem lukrativen Angebot nach Indonesien befördern, wo sich für ihn unerwartete und gefährliche Risiken auftun. Ehefrau Svenja ahnt schon, dass sich die kommende kleine Affäre mit dem Topmanager nun auswachsen und außer Kontrolle geraten wird.

    "Wann bist du denn weg, damit ich Bescheid weiß."

    Svenjas Leben bewegt sich an der Grenzlinie zur Selbstaufgabe, und so sind die Treffen mit Roland Cordes, der als eiskalter Investmentbanker eigentlich so gar nichts ausstrahlt an Leidenschaft und Liebesversprechen, gefährliche Experimente. Aus einem One-Night-Stand mit der Aussicht auf Ausweitung wird eine verrückte Liebe. Svenja benutzt Cordes, um die Grenzen der Normalität auszuloten. Was sie nicht auf der Rechnung hat, ist, dass der kühle Banker sich längst aufgegeben hat. Und dass ihr Mann den Liebesverrat - die Entscheidung für die Karriere - bitter bezahlen wird.

    "Es lässt sich nicht vermeiden, den Todesfall selbst in geeigneter Form bekannt zu geben. Wichtig dabei ist, dass wir die näheren Umstände.... Natürlich müssen wir vorbereitet sein, was Gerüchte betrifft. Es wird morgen, übermorgen eine Hausmitteilung geben, die abgestimmt ist und an die wir uns alle halten werden.
    Plötzlicher Herztod?"

    Regisseur Christoph Hochhäusler bewegt sich in diesem gläsernen Imperium der kalten Leidenschaften von Anfang an mit traumhafter Sicherheit. Die Sinnlichkeit der Paläste der Finanzkultur erschöpft sich in dem absoluten Durchblick, den sie, in Glas erstarrt, vorgaukeln.

    Und das liegt nicht nur an der hervorragenden Kameraarbeit von Bernhard Keller. Verloren wie Nosferatu steht Cordes einmal am äußersten Ende eines Glaskonstruktes und schaut in die immer währende giftgrüne Dämmerung hinaus. Ein eindrucksvolles Symbolbild. Er scheint selbst nicht mehr an eine Rettung seiner Seele zu glauben. Alle hat er ausgesaugt. Jetzt schwinden ihm selbst die Kräfte. Was nützen da noch erfolgreiche Deals.

    "Brennende Fragen: Wie geht es Graff wirklich?
    Das heißt zweitens: Wieviel müssen wir wirklich bezahlen und wie finanzieren wir das Ganze, ohne dass es weh tut. Das wollen wir von Ihnen wissen.
    Es wird 'n bisschen scheppern, aber probieren wir's."

    Christoph Hochhäusler ist als von der französischen Filmkritik stets umschwärmter deutscher Filmemacher und Mitbegründer der "Berliner Schule" immer eine filmische Reise wert. Im seinem Kino kommt zum Beispiel Hauptdarstellerin Nicolette Krebitz, die selbst Filmregisseurin ist, ganz zu sich selbst. Sie ist glaubwürdig als liebende Ehefrau, die ihren Mann davor warnt, wegzugehen, schließlich hatten die beiden ein erfülltes Familienleben geplant. Sie ist ebenso glaubwürdig als Frau "unter Einfluss", die sich an ihre Leidenschaften klammert wie andere an ihr Eigenheim. Aber sie kann auch Rauchringe in die Luft blasen und sich als Objekt der Begierde auf dem Bett räkeln.

    Nicolette Krebitz ist - man kann es nicht anders sagen - das Kraftzentrum dieses Films. Auch wenn ihr Partner, der Theaterschauspieler Robert Hunger-Bühler, tapfer dagegen anspielt. Hochhäuslers Bankenstudie mag seine Drehbuch-Ungereimtheiten haben und gelegentlich ziemlich unzugänglich sein. Lust auf das ganz neue deutsche Kino macht er doch, hoffentlich nicht nur für "Le Monde" und die "Cahiers du Cinéma". Es wäre nicht das erste Mal, dass man in Deutschland seine eigene "Neue Welle" verschlafen hätte.