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Lieben, arbeiten, Kinder kriegen

Auch nach 20 Jahren Wiedervereinigung lassen sich die Unterschiede zwischen Ost und West nicht so einfach wegdiskutieren. Es gibt sie, die Mauer in den Köpfen. Das Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung wollte in einer neuen Untersuchung herausfinden, wie unterschiedlich oder wie ähnlich die Lebensverläufe in Ost- und Westdeutschland sind.

Von Ingeborg Breuer | 21.10.2010

    "Mit der Wende war die Erwartung verbunden, dass sich das ostdeutsche Verhalten dem westdeutschen mehr angleicht."

    Einiges habe sich wirklich angeglichen nach 20 Jahren Wiedervereinigung, so Michaela Kreyenfeld, Professorin an der Universität Rostock. Zum Beispiel die Geburtenziffern. Nach der Wende waren sie im Osten drastisch eingebrochen, auf weniger als ein Kind pro Frau. Doch mittlerweile sind sie ungefähr gleich: in Westdeutschland bekam im Jahr 2008 jede Frau im Durchschnitt 1,37 Kinder, 1,4 waren es in Ostdeutschland.

    Das heißt aber nicht, so die Ergebnisse der Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, dass sich auch Familienstrukturen und Lebensverläufe angeglichen haben. Während es etwa im Osten einen Trend zur Einkindfamilie gibt, ist Kinderlosigkeit wiederum ein Phänomen des Westens: Dort haben 21 Prozent der Frauen, die heute zwischen 46 und 50 Jahren sind, keine Kinder. In Ostdeutschland sind es nur 12 Prozent. Michaela Kreyenfeld, Projektkoordinatorin in Rostock, weiß aber noch über andere - erstaunliche - Unterschiede zwischen den beiden Teilen Deutschlands zu berichten:

    "Mit der Wende war die Erwartung verbunden, dass ... die Kopplung von Heirat und Familiengründung enger wird und das ist überhaupt nicht der Fall. Stattdessen ist die Nichtehelichen-Quote nach der Wende noch einmal richtig gestiegen und erreicht jetzt für alle Geburten 61 Prozent und im Westen 25 Prozent."

    Schon vor der Wende lag die Zahl der Frauen, die bei der Geburt des ersten Kindes nicht verheiratet waren, in der DDR wesentlich höher als in der Bundesrepublik. Doch nach 1990 schnellten diese Zahlen noch einmal in die Höhe:

    " In Ostdeutschland im letzten Jahr, im Jahr 2009, wurden mehr als 60 Prozent aller Kinder außerhalb einer Ehe geboren, das heißt, die Mütter waren nicht verheiratet bei der Geburt ihrer Kinder, beim ersten Kind sogar 75 Prozent. Das heißt nur eine Minderheit von etwa einem Viertel ist verheiratet, wenn sie das erste Kind bekommen. Im Westen ist es umgekehrt, die große Mehrheit ist verheiratet. Und das ist der große Unterschied zwischen Ost und West."

    Die Mehrheit der ostdeutschen Kinder wird also nichtehelich geboren. Erst beim zweiten oder dritten Kind entschließen sich Paare dann vermehrt zur Heirat. Manche Demografen sehen das im Zusammenhang mit der Konfessionslosigkeit vieler Ostdeutscher. In den neuen Bundesländern gehören die meisten Mütter nämlich - anders als im Westen - keiner Religionsgemeinschaft an. Michaela Kreyenfeld sieht darin jedoch nicht den einzigen Grund für die Heiratsunlust der Ostdeutschen:

    "Konfessionelle Bindung erklärt das nicht alles. In meinen Augen ist ein ganz wichtiger Aspekt die Frauenerwerbstätigkeit. Die Frauen in Ostdeutschland sind eher erwerbstätig, wenn sie Kinder bekommen, nach der Geburt kehren sie schneller in den Arbeitsmarkt zurück, sind Vollzeit erwerbstätig. Das heißt, diese Sicherheit der Ehe brauchen ostdeutsche Frauen weniger als westdeutsche, wenn sie Kinder bekommen. Westdeutsche Frauen, wenn sie Kinder bekommen, es ist immer noch so, die breite Mehrheit kehrt, wenn überhaupt, in Teilzeittätigkeit zurück und die Heirat ist dann einfach auch eine Notwendigkeit, um die Position der Frau abzusichern, in Bezug auf Altersvorsorge, Krankenversicherung ..."

    Mütter in den neuen Bundesländern sind deutlich häufiger erwerbstätig als in der alten Bundesrepublik. Schon bei Müttern mit kleinen Kindern wird das deutlich: 52 Prozent der Frauen im Osten arbeiten bereits wieder Vollzeit, bevor ihre Kinder fünf Jahre sind, im Westen sind das gerade einmal 16 Prozent. An diesem Verhältnis ändert sich wenig, wenn die Kinder älter, das heißt zwischen 10 und 17 sind: Dann sind in den neuen Ländern 64 Prozent der Mütter wieder voll in den Beruf eingestiegen; im Westen bleiben es bescheidene 28 Prozent. Nehmen die ostdeutschen Frauen die Emanzipation ernster als die westdeutschen?

    "Der ökonomische Druck erwerbstätig zu sein, der dürfte auch größer sein im Osten. Aber was auch wichtig ist, die Akzeptanz der Müttererwerbstätigkeit ist viel höher im Osten als im Westen. Das zeigen die internationalen Studien zur Einstellung zur Müttererwerbstätigkeit, dass Westdeutsche einfach häufiger der Meinung sind, dass das Kind leidet, wenn die Mutter erwerbstätig ist, wenn das Kind fremd betreut wird. Die Ostdeutschen haben da weniger Hemmungen."
    Allerdings gibt es nach wie vor ein starkes Gefälle zwischen dem Angebot an Kinderbetreuungsplätzen in Ost und West. In der DDR waren berufstätige Frauen erwünscht, das Angebot an Krippen-, Kindergarten- und Hortplätzen war entsprechend ausgebaut. In Westdeutschland hatte sich dagegen der vorwiegend halbtags geöffnete Kindergarten etabliert. Zwar wurden nach 1990 zahlreiche Betreuungseinrichtungen im Osten geschlossen. Doch da sich die Geburtenrate dort ebenfalls zurückentwickelte, blieb das Betreuungsangebot nach wie vor gut.

    "Kinderbetreuung ist vor allem eine kommunale Angelegenheit, das heißt, die Kommune ist für die Finanzierung zuständig und da haben wohl die ostdeutschen Kommunen andere Prioritäten gesetzt als die Westdeutschen. Ein anderer Punkt, mit der Wiedervereinigung ist ja auch die Geburtenrate drastisch eingebrochen, damit natürlich auch die Anzahl der Kinder, die erst mal betreut werden mussten. Und das hatte erstmals nach der Wende dazu geführt, dass trotz dieses rasanten Abbaus an Kapazitäten es nicht dazu gekommen ist, dass die Versorgungsquote gleichzeitig zurückgegangen ist."

    Nach wie vor, so Michaela Kreyenfeld, wird "im Osten ein ganz anderes Familienmodell gelebt als im Westen". Nach wie vor gehören im Osten Kinder selbstverständlicher zu Lebensplanung und Partnerschaft hinzu. Und Beruf - oder gar Karriere - und Mutterschaft scheint Frauen im Osten weniger unvereinbar als im Westen zu sein. Entsprechend steigt offensichtlich auch die Bereitschaft der Männer, sich am Haushalt und bei der Kindererziehung zu beteiligen, so die Ergebnisse der Rostocker Studie.

    "Das stellt man auch fest, dass es in Ost- und Westdeutschland Unterschiede in der Arbeitsteilung gibt, was die Hausarbeit betrifft und auch die Kinderbetreuung, dass ostdeutsche Männer sich dann doch mehr darum kümmern. Das hat natürlich viel auch damit zu tun, dass die Frauen erwerbstätig sind und die Männer sich dann engagieren müssen."

    Trotz solcher Unterschiede gibt es jedoch auch Übereinstimmungen zwischen Ost und West. So sind sich über 30 Prozent der ost- und westdeutschen Frauen darin einig, dass sie mehr als den gerechten Anteil an der Hausarbeit verrichten. Und dazu passt, dass über 20 Prozent der Männer in Ost und in West durchaus zugeben, dass sie - zu wenig im Haushalt tun.