Donnerstag, 29. September 2022

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Liebevoll erbarmunglos - noch ein Goethe für Frankfurt

"Ein Schauspiel für Liebende" nennt Goethe dieses infame Experiment mit Emotionen und Menschen. Vier Figuren geraten ohne eigenes Zutun in eine ausweglos quälende Situation - Andreas Kriegenburg setzt das virtuos in Szene.

Von Cornelie Ueding | 24.01.2011

    Stella, langjährige Geliebte des flatterhaften Fernando, trifft auf Cäcilie, dessen Exfrau. Die ihre und Fernandos Tochter Lucie ausgerechnet Stella als Gesellschafterin zuführt. Beide Frauen, Stella und Cäcilie, trostlos Verlassene, verlassen Liebende. Dieses Los verbindet sie – und Goethes Versuchsanordnung stellt nun die Frage, was geschieht, wenn zwei fraglos Liebende zeitgleich mit dem Objekt ihrer Liebe zusammentreffen. Andreas Kriegenburgs virtuose Antwort: ein Desaster, an dessen Ende eine verzweifelt harmonische "Lösung" steht, der man keinen Glauben schenken kann. Denn diese Rückkehr zerstört das labile Gleichgewicht, das jeder mit sich gefunden hatte. Die durch Schicksal und Erfahrung gereifte Cäcilie hatte gelernt, ihre Liebestrauer zu kontrollieren. Anfangs intoniert sie nur noch Bruchstücke affektgeladener Akkorde auf dem Klavier, leidet introvertiert. Kann sich dann kurz rehabilitiert fühlen, bevor sie, kaum wiedergefunden, schon wieder verlassen, zum Opfer der Liebe, nicht der Perfidie, zu werden droht. Die schwärmerische Stella hatte sich die Rückkehr des Geliebten immer wieder in den Bildern der ersten Zeit ihrer jungen Liebe ausgemalt; sieht sich plötzlich als Wiederauferstandene – und stürzt neuerlich in den Abgrund des Selbstverlusts, als sich Fernando Cäcilie zuwendet. Auch Fernando, der Urheber und Anlass aller qualverwandtschaftlichen emotionalen Kettenreaktionen, leidet, mit einer Spur von Reue, doch seine Rückbesinnung auf das ältere, ernstere Gefühl führt zur Katastrophe. Meisterlich spielt Kriegenburg mit fantastischen Menschendarstellern die minutiösen Empfindungsvarianten und großen Gefühlsumschläge durch – und zwar so, dass die Zuschauer diesem emotionalen Vabanquespiel mit leidenschaftlichem Interesse, ja gebannt folgen – doch erstaunlicherweise ohne jede Empathie, gar Identifikation mit einer dieser hilflos obsessiven, narzisstisch verletzten, erstarrten oder aufgelöst taumelnden Figuren. Mit Ausnahme von Lucie. Diese halb-wüchsige Göre, ein Wunder an Gesten und Zwischentönen: Lisa Stiegler , hat Kriegenburg für seine Frankfurter Inszenierung als Kontrapunkt und eigentlichen Motor des Ganzen entdeckt. Durch das Unglück ihrer Mutter mit in Leidenschaft gezogen, erweist sie sich als unfreiwillig boshafte, ungemein liebenswürdige, durch und durch nüchterne Kommentatorin des Geschehens. Sie allein lebt in der Gegenwart.

    "L: Ihr Herren dünkt Euch unersetztbar. Ich bin auch ohne Männer groß geworden.
    F: Sie haben keinen Vater mehr?
    L: Ich war jung, da er uns verließ, eine Reise nach Amerika zu tun.
    Und sein Schiff ist untergegangen, hören wir.
    .....
    F: Sie sind so ohne Hilfe, ohne Schutz?
    L: Unser Vermögen ist alle Tage kleiner geworden. Dafür ich alle Tage größer. Mir ist nicht bange, meine Mutter zu ernähren."

    Lucie stolpert, stakst, purzelt, kräht und turnt zwischen Rampe, Bettgestell und Reisekoffern durch das Gelände und mischt, mal verstockt, mal rotzig oder gänzlich unbekümmert, das Schattenspiel dieser Gefühlsakrobaten auf, die am liebsten die unendliche Geschichte ihrer Leidenschaft erzählen und erzählen... Und den Rückgewinn der "alten Fesseln" als Triumph feiern. Die gestischen Ausdrucksformen der ihr unbekannten Gefühle hat sie schon drauf. Aber auch wenn sie neu- und wissgierig den Hals reckt, um ja nichts zu verpassen von den zwiespältigen Liebes-Spielen - immer steht ihre Reaktion in Widerspruch zu den Gefühlskaskaden der Erwachsenen. Doch auch darauf ist kein Verlass. Lucie, nicht, wie bei Goethe, ihre Mutter Cäcilia ist es, die am Ende, frei nach Lessings Ring-Parabel, die Geschichte vom siegreichen Kreuzritter erzählt, der aus dem Morgenland des fremden Königs beschützenswertes Töchterlein als Zweitfrau mitbrachte. Ein Kindermärchen. Mit alt-kluger Teenie-Stimme schlägt sie das gewagte Szenarium einer Menage à trois vor und leimt damit auf rabiat harmoniesüchtige Weise die ganze Chose noch mal zusammen. Die drei aufgelösten Akteure sehen sich in Statisten ihrer Leidenschaft verwandelt, ihr eifrig infantiles "ich bin dein" "wir sind dein", mein dein, dein mein… klappert wie eine Repetieruhr. Blackout.
    Kriegenburgs zu Recht umjubelte Aufführung rückt Goethe in die Nähe zu Tschechow. Keine Figur geht als moralischer Sieger von der Bühne. Es siegt das Prinzip Theater als jene Wahrnehmungsmaschinerie, die sprachlich und körpersprachlich das Mysterium unserer Gefühlswelt durchdekliniert: von lustvoll-artistischen Vorspiel-Tändeleien mit echten Bändern und Verwicklungen bis zur Erstarrung des Endes. Ein Theater, das liebevoll erbarmungslos sensibilisiert, ohne zu rühren, und Zeiten überspringt, ohne sich anzubiedern.