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StartseiteCorso"Kein Mensch, der ständig raus muss"27.01.2014

Liedermacherin"Kein Mensch, der ständig raus muss"

Die Musikerin Desiree Klaeukens mag Musik mit Sinn und Bedeutung. Ihr Debüt-Album "Wenn die Nacht den Tag verdeckt" beinhaltet elf Folk-Pop-Songs, mit autobiografischen, deutschen Texten, die für ein alternatives, junges Lebensgefühl stehen.

Von Peter Backof

Besucher stehen in einer Schlange vor dem Sage Club in Berlin in der Heinrich-Heine-Straße. (picture-alliance/ ZB / Jens Kalaene)
Die Liedermacherin Desiree Klaeukens hat sich Berlin als Wahlheimat ausgesucht. (picture-alliance/ ZB / Jens Kalaene)
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"Wenn die Nacht den Tag verdeckt"                                                                                                                                                                                                 Debüt-CD der Musikerin Desiree Klaeukens, 27 Jahre alt und gelernte KFZ-Mechanikerin. (Release bei Tapete Records am 31.01.2014)

"Das ist mein Tempo, wenn ich Auto fahre, mich hinter nen Lastwagen klemme und herum träume. Und mir Texte überlege. Ich mache das gern: Fahr´ gern Auto und denk´ nach!"

"Mit einem Kofferraum voller Staub"- wie es in dem Song heißt -  in gemütlichem Tempo herum tuckern: das Auto als Sinnbild: dass auch das Hirn unterwegs ist? Wäre doch wunderbar, wenn ein Automobil seinen Namen einlöste, sich wirklich von selbst bewegte und Desiree Klaeukens nur noch texten könnte.

"Kann passieren dass man selber gerade emotional angeschlagen ist und das als Ventil benutzt. Oder man fühlt sich total gut, sitzt im Auto, bekommt Ideen. Aber manchmal ist es auch so,  dass ich die Wohnung gerade putze: es kann überall sein."

Es gibt immer ein lyrisches Ich und ein lyrisches Du in den elf Songs auf "Wenn die Nacht den Tag verdeckt“. Selbst erlebte, anonym verdichtete Geschichten, die sich über Jahre angesammelt haben. Selten reimen sich die Verse, meistens nicht. That´s life, sagt Desiree Klaeukens, die ihre erste Gitarre vor elf Jahren bekam, als 16-jährige Gymnasiastin in Duisburg. 

"Und so ein Peter Bursch-Buch, das hatte ich dann bekommen. Da hab ich dann... joah: ich hab nur noch Gitarre gespielt."

Bis die Hornhaut die Fingerkuppen verdeckte. "Here Comes the Sun"von den Beatles ist auch in dem Peter Bursch-Buch. Den Einfluss hört man. Mit neunzehn dann, hätte nach dem Abitur ein Studium kommen können, Desiree machte aber lieber eine Lehre, als Kraftfahrzeugmechanikerin.

"Ich habe sehr lange Handball gespielt und mache einfach gern was mit den Händen, mit Kraft."

Erste eigene Songs aufgenommen und auf MySpace postiert, dafür kontroverse Kommentare geerntet, von "genial!"über "so deep!"bis "geht ja mal gar nicht!“. Eine Hip Hopperin aus Duisburg zu sein, war übrigens nie eine Option: sie wollte Musik machen wie ihre Vorbilder, die neueren deutschen Liedermacher: Tom Liwa - oder Niels Frevert: dieser - Hamburger Singer-Songwriter und gut zwanzig Jahre älter als sie - hat sie dann sozusagen entdeckt, im Internet:

"Ja, und er hat mir so ein bisschen in den Hintern getreten, dass ich das auch ernst nehme und dass ich das machen soll."

Eher allmählich rutscht sie in die Szene mit den konsequent deutschen Texten: sporadische Auftritte mal vor Tom Liwa, mal vor Gisbert zu Knyphausen. Dann der Umzug: Duisburg - Berlin, das sind genau diese 600 Kilometer aus dem Song. Florian Glaessing, mit dem sie das Duo "Kokse"gründet, hatte sie angelockt und überhaupt das Lebensgefühl, da müsste nach dem Abschluss der KFZ-Lehre etwas Neues kommen.

Altbauzimmer mit Riesenfenstern, Parkettboden und Regalsystem aus gesammelten Obstkisten - wir schauen uns das Video "Warm in meinem Herz"an, gedreht tatsächlich in ihrer echten Bleibe: mehr Sein als Haben, typisch Berliner Hipster Bude? Desiree, die fast immer Wollmützen trägt, aber nicht, weil das stylisch sei, sondern weil sie schnell friere, wiegelt ab und verweist auf das Telefon in dem Video. Stimmt, ein Modell aus den 1990ern. Hip wäre etwas anderes.

"Ja, das Hipster-Ding- Ich find´s einfach energetisch viel anstrengender als im Ruhrpott. Die Stadt schläft nie, man rennt immer mit, manchmal muss man sich ´ne Auszeit nehmen und sagen: ich bleib jetzt zu Hause. Ich bin kein Mensch, der ständig raus muss.Und: wenn man nicht viel hat, kann man ja auch nicht ständig raus."

Von der Musik zu leben, dafür reicht es noch lange nicht. Desiree jobbt als Schallplattenarchivarin. Aktueller Karrierestatus: "Vorband sein“. Das klappt mit "Die höchste Eisenbahn“, vom selben - für Desiree neuen Label - Tapete, ganz gut. Mit der Band vorher - "Cäthe"- eher gar nicht. Da kam ein Publikum, das Deutsch Rock hören wollte. Es kam auch schon einmal vernichtende Kritik, über sie und Florian mit ihren besinnlichen Tönen und ihren zwei Gitarren.Wenn man sie überhaupt wahrnahm.

"Das ist manchmal sehr undankbar: wir hatten jetzt zwei mal die Situation, dass wir einfach zu spät ankamen und dass natürlich die Hauptband Priorität hat beim Soundcheck. Dann wurde gesagt von hinten: wir müssen jetzt die Türen öffnen und wir hatten überhaupt noch keinen Soundcheck gemacht. Dementsprechend habe ich mich dann auch gefühlt.Es kann manchmal schon echt hart sein."

Das soll ab Mai anders werden: dann wird sie mit Band auf Tour gehen, um den orchestralen Sound auf der CD - mit Schlagzeug, mit Banjo und vor allem mit Klavier - auch satt auf die Bühne zu bringen.

"Aber heute ist es ideal: die Leute unglaublich still, sehr schön, weil jedes Wort von mir aufgenommen wurde."

So beschreibt Desiree Klaeukens ihren idealen Auftritt. Immerhin werde das länger, was über sie geschrieben werde: Gewissermaßen "Genial!"oder "Geht gar nicht!"als Fünfzig-Zeilen-Versionen. Wahrscheinlich sind das Anzeichen einer Musikerkarriere. 

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