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StartseiteTag für Tag"Yes! Yes! Yes!"18.08.2020

Life-Coaching"Yes! Yes! Yes!"

Laura Malina Seiler ist ein Superstar der spirituellen Szene in Deutschland. Das verdankt sie vor allem ihrer Internetpräsenz. Ihre Botschaft: Die Kraft zum Glücklichsein liege in jedem selbst, man müsse nur die eigene Schöpferkraft erkennen. Warum wollen das so viele hören?

Von Matthias Alexander Schmidt

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Ein Screenshot aus dem YouTube Video "Glücklich werden in 5 Schritten - Lebe im Hier und Jetzt // Laura Malina Seiler": Die junge Frau steht mit ausgebreiteten Armen auf einer großen Bühne und spricht zu ihrem Publikum (YouTube / Greator / Laura Malina Seiler)
Die Influencerin Laura Malina Seiler verspricht durch ihre Kurse eine spirituelle Optimierung (YouTube / Greator / Laura Malina Seiler)
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"Du nimmst deine Arme nach oben und du stellst dir jetzt vor, wie du dieses universelle göttliche 'Ja', diese Energie aus dem Universum in deinen Körper ziehst, mit Yes-Yes-Yes. Eins, zwei, drei: YES!, YES!, YES! YES!"

Laura Malina Seiler steht auf der Bühne der Münchner Olympiahalle, vor ihr Tausende Menschen im Publikum. Mit geschlossenen Augen reißen sie die Hände in die Luft, ziehen sie zu sich heran, immer und immer wieder, ekstatisch. Coronabedingt sind solche Großevents gerade nicht möglich, aber ihr Programm mit dem Titel "Glücklich werden in 5 Schritten – Lebe im Hier und Jetzt" ist auf YouTube abrufbar.

Spirituelle Weiterentwicklung im Express-Format

Laura Malina Seiler: schlank, lange braune Haare. Die 34-Jährige ist der Superstar der spirituellen Szene in Deutschland, bezeichnet sich selbst als Visionärin und "Mindful Empowerment Coach": Trainerin für achtsame Selbstermächtigung und Selbstwirksamkeit.

"Und triff jetzt hier für dich die Intention, dass du schnell in deine Schöpferkraft kommen kannst, dass du schnell vergeben kannst, dass Transformation schnell passieren kann. Dass du da nicht lange drauf warten musst oder lange dran arbeiten musst."

Energie, Schöpferkraft, Vergebung, Transformation. Ein Mix esoterisch-religiös besetzter Begriffe. Laura Seilers Programm: persönliche und spirituelle Weiterentwicklung in kurzer Zeit. Ein Großteil ihrer Arbeit findet online statt, digital, in den sozialen Medien. Zehntausende schauen ihre YouTube-Videos, folgen ihr im Foto-Netzwerk Instagram. Ihr Podcast gehört zu den meistgehörten in Deutschland, hat mehrere Millionen Abrufe.

Seiler teilt Einblicke in ihren Alltag, gibt Lebenstipps, spirituelle Erkenntnisse und Ratschläge, interviewt Menschen – zunächst kostenlose Angebote. Seilers Botschaft in ihren Werbevideos: Werde glücklich – die Kraft dazu liegt nur in dir selbst:

"Wir selbst halten zu jeder Zeit den Schlüssel in unseren Händen, unser Leben in unser ganz eigenes Meisterwerk zu verwandeln. Denn in dem Moment, wenn wir etwas in unserem Innern verändern, verändert sich alles um uns herum."

"Influencer sind die neuen besten Freunde"

Den Kern ihres kostenpflichtigen Online-Kursprogramms bilden vier Wochen lang per Video begleitete Morgenmeditationen und aufgezeichnete Video-Coaching-Sessions, die sogenannte "Rise Up and Shine Uni" – Steh auf und strahle!

"In den vier Wochen wirst du ein vollkommen neues und kraftvolles Selbstbild entwickeln und den ersten und wichtigsten Schritt gehen, selbst der Wandel in der Welt zu sein, den du dir wünschst."

Diese Schritte auf dem Weg zum eigenen Wandel kosten mehrere Hundert Euro. 20.000 Menschen sollen bereits an Seilers Kursen teilgenommen haben. Ihre Bücher sind Bestseller. Eine eigene Zeitschrift hat sie auch. Moderne Selbstoptimierungs-Spiritualität: ein Millionenbusiness.
In der Sprache der sozialen Medien nennt man Laura Seiler eine "Influencerin", vom englischen Verb "to influence" – beeinflussen:

"Influencer sind weniger die neuen Prominenten als vielmehr die neuen besten Freunde, denen man fast blind vertraut, beinahe alles glaubt und aufmerksam folgt. Die Helden sozialer Netzwerke sind Teil einer Bewegung, die besonders Jugendliche und junge Erwachsene anspricht. Influencer sind die neuen Superstars des Internets. Ob Autos oder Kleidung – was sie mögen und empfehlen, beeinflusst Millionen von Menschen."

Das steht in einer 2018 veröffentlichten Studie der Kommunikationsagentur OSK und des Marktforschungsinstituts "concept m" zur Psychologie von Influencern. Aber auf welche Bedürfnisse junger Menschen reagieren Influencerinnen wie Laura Malina Seiler mit ihrer Selbstoptimierungs-Spiritualität?

"Es gibt keine Atempause mehr"

Im Januar hatten wir erstmals angefragt, denn dieser Beitrag war vor Corona geplant. Seilers Büro teilte per Mail mit:

"Leider wird Laura aus zeitlichen Gründen im Januar kein Interview geben können. Ab Februar ist sie verreist. Wäre es (für dich) denkbar, das Interview erst im Mai zu führen?"

Wir baten erneut um ein Gespräch vor Mai. Das kam aber nicht zustande. Wir erhielten nur noch automatische Antwortmails. Zuletzt Ende März:

"Du darfst darauf vertrauen, auch wenn es etwas länger dauert, dass du von uns dann eine persönliche Antwort erhalten wirst."

Eine persönliche Antwort blieb bis Redaktionsschluss aus. Die Influencer-Studie beantwortet die Frage so:

"Die Digitalisierung hat den Konsum von Waren und Medien radikal verändert: Alles ist ständig verfügbar, nur einen Klick entfernt. Es gibt keine Atempause mehr, keine Rituale und Rhythmen. Die Menschen sind oft überfordert von der neuen Vielfalt und suchen nach Halt. Genau da setzen Influencer an: Bewusst oder unbewusst bedienen sie die Sehnsüchte, die die gesellschaftlichen Veränderungen des 21. Jahrhunderts hervorgebracht haben."

Entfremdet und gestresst

Die Globalisierung hat die Welt unüberschaubar gemacht. Dazu kommt eine starke Individualisierung. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, jeder beliebige Lebensentwurf scheint möglich. Schulen und Universitäten sorgen nach wie vor überwiegend für einen Arbeitsmarkt, der ein uneingeschränktes Wirtschaftswachstum garantieren soll – zulasten körperlicher und psychischer Gesundheit.

Junge Menschen erleben einen hohen Zeit- und Leistungsdruck. In der Studie heißt es: "Erfolg verdanken Influencer aber vor allem der Digitalisierung. Die Digitalisierung hat die Art, wie wir Medien nutzen, grundlegend verändert. Früher gab es für die Nachrichten aus aller Welt die Tageszeitung am Morgen, für Unterhaltung am Samstagabend Thomas Gottschalk und für die neuesten Modetrends aus Mailand oder Paris die wöchentliche Lifestyle-Zeitung. Heute gibt es dafür das Internet."

  (imago / Westend61) (imago / Westend61)Meditation fürs Smartphone - Ommm per App
Innere Ruhe und fernöstliche Konzentrationstechniken, das wollen nicht nur Yoga-Kurse, sondern inzwischen auch viele App-Anbieter vermitteln. Aber taugt das was? Ein Selbstversuch.

Informationen, Shopping, Unterhaltung, Pornografie. Alles auf Geräten, die in die Hosentasche passen. Eine Konsequenz: Junge Menschen fühlen sich entfremdet: von der Politik, vom Alltag, erleben die Arbeitswelt oft nicht mehr als sinnstiftend.

Gefühle von Sinn, Zufriedenheit, Glück, persönlicher Freiheit oder innerer Ruhe bleiben auf der Strecke. Gleichzeitig bieten die digitalen Medien Räume für die Sinnsuche, für Spiritualität und Lebensfragen oder Religiosität. Traditionelle Institutionen und Instanzen wie Religionsgemeinschaften antworten dagegen kaum noch angemessen auf solche Fragen nach Transzendenz, also den sich selbst überschreitenden Dimensionen des Lebens.

"Ich glaube, dass jeder sein eigener Gott ist"

Unter diesen Voraussetzungen begeben sich junge Menschen auf die Suche nach sich selbst, nach spiritueller Identität. Laura Malina Seilers Angebot spricht dabei vor allem junge Frauen ab Mitte 20 an:

"Die meisten, glaube ich, haben gar nicht mehr den Bezug zu sich selbst und können diese Frage gar nicht beantworten: Was brauchst du denn, um zufrieden zu sein? Was kannst du machen, um dich besser zu fühlen? Was kann ich tun, um besser mit Stress umzugehen? Was sind eigentlich meine Stärken? Darauf können viele einfach nicht antworten."

Sagt Magdalena Anna Bożko, die einen kleinen Instagram-Kanal zu Achtsamkeit und Meditation betreibt und Glücksworkshops gibt. Sie fühle sich unter anderem von Laura Malina Seiler inspiriert. Ihr Glück möchte sie nicht in äußeren Dingen suchen, sagt die 33-Jährige. Dazu zählen für sie auch religiöse Heilsversprechen:

"Ich glaube, dass jeder sein eigener Gott ist und jeder in der Verantwortung steht, sein eigenes Leben zu gestalten. Und letztlich ich der Schöpfer meiner Realität bin und nicht jemand anderes. Weil ich einfach weiß, dass ich verantwortlich bin für mein Glück. Und das ist auch nicht irgendein Jesus oder eine Kirche oder irgendein Priester, der mir vorne irgendwas erzählt, der kann mich natürlich inspirieren, das kann ich für mich annehmen, aber letztendlich bin ich dafür verantwortlich. Ja, deswegen bezeichne ich mich als spirituell. Für mich bedeutet Spiritualität einfach, dass ich 100 Prozent ich selbst bin."

Der Deutungsrahmen geht verloren

Der Psychologe und katholische Theologe Jakob Mertesacker forscht zu Transzendenzbezügen der Gegenwart. Im Sinne einer Idee des kanadischen Religionsphilosophen Charles Taylor meint er,

"dass die Gesellschaft quasi nicht wirklich weniger religiös wird, aber Deutungsrahmen für Religiosität verliert. Also, dass Erfahrungen nicht mehr als religiös gedeutet werden, obwohl die Erfahrungen selbst noch vorhanden sind."

Diese Deutungsrahmen-Nische besetzen Angebote wie das von Laura Malina Seiler. Eigentlich nachvollziehbar, dass sich der gesellschaftliche Leistungsdruck, der Zwang zur Selbstoptimierung und Eigenverantwortung auch auf die Gefühle und den spirituellen Bereich übertragen. In einem Instagram-Video sagt Laura Malina Seiler:

"Wir machen uns unsere Gefühle selbst. Und wir hatten ja gestern die Affirmation: Ich bin der Schöpfer meines Lebens. Und wir erschaffen unsere Emotionen selbst. Das heißt: Wir können in jedem Moment etwas Schönes finden, etwas finden, was für Wachstum für uns dienen kann. Da so ein bisschen sich hin zu trainieren, das zu fühlen, was du fühlen möchtest, wird dein Leben komplett verändern. Und wenn du das wirklich verstanden hast, allein dann hast du schon dein Leben transformiert."

"Danach fühlt man sich wieder scheiße leer"

Der Psychologe Jakob Mertesacker meint: "Die Selbstoptimierung anzubieten und zu sagen: Hier, mit dieser Methode schaffst du es, deinem idealen Selbst näher zu kommen oder dein ideales Selbst noch zu übertreffen. Das ist erst mal ein schönes Versprechen, ein Heilsversprechen letztlich, theologisch gesprochen."

Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Wenn Seilers kostenpflichtige Angebote nicht die gewünschte Transformation bringen, ist die jeweilige Kundin selbst schuld. Laura Seiler sieht sich nicht als Teil einer großen Selbstoptimierungsbranche. Der Mensch suche schließlich schon seit Anbeginn der Zeit nach sich selbst. Im ARD-Podcast "Deutschland3000" sagte sie:

"Was ich schon glaube ist, dass die Antwort, die uns unser bisheriges System gegeben hat, also unser kapitalistisches System, dass Glück gleich Konsum ist, dass viele merken, das funktioniert vielleicht fünf Minuten, nachdem man sich was gekauft hat, aber danach fühlt man sich wieder scheiße leer."

"Ein positives Geld-Mindset"

Daher entdeckten Menschen heute uralte Methoden wie Yoga und Meditation wieder neu. Denn:

"Dieses immer nur machen, machen, machen, hustle hustle hustle, so, weiß nicht, ob das der Weg ist."

Seilers Botschaft wirkt widersprüchlich: Wie passt ihre Kritik an Konsum, kapitalistischem System, am "höher, schneller, weiter" mit ihren Coaching- und Meditations-Angeboten zusammen, die das Prinzip der Eigenverantwortung absolut setzen? Mit einem ihrer Coaching-Angebote will sie sogar ein "positives und erfülltes Geld-Mindset" vermitteln, um "blockierende Glaubenssätze über Geld aufzulösen".

Anders als die 68er mit ihrem Marsch durch die Institutionen oder die Greta-Thunberg-Fridays for Future-Generation scheint es unter den heute etwa 30-Jährigen kaum angesagt, für Alternativen zum jetzigen System zu kämpfen. Die systemischen Fehler und Ungerechtigkeiten führen nicht zum Aufruf "Verändern wir gemeinsam die Welt". Stattdessen gilt der individualistische Imperativ: "Verbessere dich selbst!"

"Niemand ist dafür verantwortlich, wie es mir geht. Niemand ist dafür verantwortlich, wie ich mich fühle. Niemand ist dafür verantwortlich, was ich denke. Das bin ich. Und umso mehr du in diese Selbstverantwortung kommst, umso mehr kommst du auch in die Fähigkeit, selber dein Leben erschaffen zu können, weil du eben nicht mehr darauf wartest, dass jemand was für dich macht."

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