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Litauen liebäugelt mit neuem Atomkraftwerk

Vor gut drei Jahren wurde das Atomkraftwerk Ignalina in Litauen aus Sicherheitsgründen stillgelegt. Das hatte die EU-Kommission im Rahmen der Beitrittsverhandlungen mit Litauen verlangt. Jetzt hoffen die 28.000 Einwohner der Arbeiterstadt in der Nähe des Kraftwerks auf einen AKW-Neubau.

Von Alexander Budde | 03.04.2012
    Im Zentrum von Visaginas steht die Zeit scheinbar still. Der marode Betonbau des Kulturpalastes mit seinen rostigen Fenstern und Türen lädt nicht zum Verweilen ein. Auch an den Wohnblöcken ringsum bröckeln die Fassaden. So ist Olga´s Gemüsestand derzeit der einzige gesellschaftliche Anlaufpunkt. Hier wird Russisch gesprochen.

    Vladimir Demisch empfängt die Besucher mit dem eisernen Händedruck des Mechanikers. Ein tiefer Schluck aus der Bierdose, und Vladimir erzählt: Aus allen Winkeln der damaligen Sowjetunion strömten sie dereinst in die Atomstadt Visaginas. Auch nach der staatlichen Unabhängigkeit Litauens konnten Fachleute wie der gebürtige Russe Vladimir im Atomkraftwerk Ignalina gutes Geld verdienen. Eine geräumige Wohnung gehörte zu den Privilegien. Der Strom war so billig, dass man damit heizen konnte.

    "1992 habe ich in Ignalina angefangen. 17 Jahre habe ich dort an der Drehbank gestanden. Wir haben Antriebswellen gefräst, Pumpen gereinigt, Rohrleitungen installiert. Ich bin bis heute stolz auf meine Arbeit. Aus politischen Gründen wurde Ignalina still gelegt. Kein Wunder, dass wir frustriert sind: Das Atomkraftwerk war hier in Visaginas der mit Abstand wichtigste Arbeitgeber."

    Reaktor 1 ging im Januar 2005 vom Netz. Im Dezember 2009 fuhren die Techniker auch Block 2 herunter. Die verbliebene Besatzung hält Pumpen, Ventile und Apparaturen in Gang, überwacht die Kühlung, bereitet die Demontage vor. Wie so viele seiner Kollegen blieb Vladimir ohne Arbeit zurück.

    "Ich habe eine Umschulung zum Schweißer absolviert. Eine neue Stelle finde ich trotzdem nicht. Denn viele Betriebe sind in der Krise pleite gegangen.
    Der angebotene Mindestlohn liegt kaum höher als die 200 Euro Sozialhilfe, von der ich jetzt leben soll. Dabei müssen wir jetzt für Heizung und Strom viel mehr ausgeben."

    Noch künden Straßennamen wie "Freundschaft" und "Elektrizität" vom Fortschrittsglauben der Pioniere. Und tatsächlich wird auch in Visaginas noch gebaut: Die EU spendiert Fördergelder für die Pflasterung der Gehsteige. Doch bei Olga´s Kundschaft ist die Stimmung gedämpft:

    "Einstmals stand die gesamte Sowjetunion hinter dem Bau von Ignalina. Litauen hat doch gar nicht genug Fachkräfte um ein neues AKW zu errichten, von den Kosten ganz zu schwiegen. Es sei denn, es würde sich ein Investor finden, der uns unter die Arme greift. So wie Russland es jetzt bei unserem Nachbarn Weißrussland tut."

    Im Dezember vorigen Jahres zog sich mit der koreanischen Electro Power Corporation der damals einzige Interessent von der Ausschreibung für Ignalina zurück. Politischer Druck aus Moskau spiele eine Rolle im Kalkül, munkelten damals Politiker in Vilnius. Doch die regierenden Konservativen trieben den AKW-Neubau unverdrossen voran, um die "Energieinsel" Litauen von ihrer beklemmenden Abhängigkeit von russischem Gaslieferungen zu befreien. Im japanischen Hitachi-Konzern fand man einen neuen Partner. Der Lizenzvertrag über einen 1300 MW Reaktor ebnet den Weg für neue Investitionen am Standort Ignalina. Von fünf Milliarden Euro ist die Rede, Estland und Lettland sollen sich beteiligen.

    Die Abgewickelten von Visaginas hoffen auf den geplanten Neubau. Bis zum Jahr 2020 soll er am Standort entstehen. Doch in den meisten europäischen Nachbarländern überwiegt die Skepis, dass Litauen eine solche Anlage finanzieren und sicher betreiben könnte. Auch Olga, die Unternehmerin, mag an einen neuen Frühling für die Kernkraft nicht glauben. Die Katastrophe in Fukushima habe auch im atomfreundlichen Litauen das Vertrauen in die Technik erschüttert, meint sie. Mürrisch rückt sie Äpfel und Birnen zurecht:

    "Diese Stadt wurde für das Atomkraftwerk gebaut. Schwer zu sagen, was nun werden soll. Selbst Akademiker finden keine Arbeit. Viele junge Leute sind schon weg. Und auch ich werde wohl bald nach Deutschland gehen. Denn hier haben wir keine Zukunft."