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StartseiteKalenderblattVon Leben und Tod in der sibirischen Verbannung14.06.2016

Litauische Schriftstellerin Dalia GrinkevičiūtėVon Leben und Tod in der sibirischen Verbannung

Der 14. Juni 1941 markiert für die baltischen Länder ein traumatisches Ereignis: Auf Befehl Stalins wurden weite Teile der Bevölkerung verhaftet und in sowjetische Arbeitslager deportiert. Nur wenige haben das überlebt. Eine von ihnen war die junge Litauerin Dalia Grinkevičiūtė. Ihre Erlebnisse hielt sie in einem Tagebuch fest, das lange Zeit vergraben war.

Von Friederike Kenneweg

Holzbretterzaun und Stacheldraht am ehemaligen Straflager Perm 36, das bis 1989 von der Sowjetunion als Gefängnis für Dissidenten und andere Häftlinge benutzt wurde, aufgenommen am 24.07.2009. Die Anlage wird heute als GULAG-Museum benutzt. (dpa / Matthias Tödt)
Gerade erst 14 Jahre alt war Dalia Grinkevičiūtė, als der stalinistische Terror ihre friedliche Kindheit in Litauen jäh unterbrach. (dpa / Matthias Tödt)

"In der Nacht des 14. Juni wurde ich von einem Milizionär geweckt. Einem Litauer. Er befahl mir, mich so wie ich war zu den Eltern zu begeben. Im Schlafzimmer der Eltern sah ich meine Mutter, kreidebleich im Gesicht, und einen auf den Vater gerichteten Revolver. Ein Tschekist aus Smolensk las laut vor: '...lebenslänglich in die entlegenen Gebiete Sibiriens ...'"

Gerade erst 14 Jahre alt war Dalia Grinkevicute, als der stalinistische Terror ihre friedliche Kindheit in Litauen jäh unterbrach. Am 14. Juni 1941 setzten auf Befehl aus Moskau im gesamten Baltikum Massenverhaftungen ein. Etwa 50.000 Menschen aus Litauen, Lettland und Estland wurden von den sowjetischen Besatzern in Richtung Sibirien deportiert. Ein Jahr zuvor war die Rote Armee mit Rückendeckung durch den Hitler-Stalin-Pakt in die unabhängigen baltischen Republiken einmarschiert und hatte die jeweiligen Regierungen entmachtet. Alle, die der anschließenden Sowjetisierung im Weg standen, wurden verhaftet oder erschossen.

"Ich blicke mich um, mich packt blankes Entsetzen. Weit und breit Tundra"

"Dalia ist 1941 mit der ersten großen Massendeportationswelle ... zusammen mit ihrer Familie deportiert worden. Und wie die meisten Familien, wurde der Vater vom Rest der Familie getrennt, wurde ins Lager gebracht, wo er auch 1943 verstarb. Und sie mit dem Bruder und ihrer Mutter, sie wurden erst mal nach Westural gebracht, und dann später weiter Richtung Norden auf die Insel Trofimowsk, ca. 500 km hinter Polarkreis."

Die Übersetzerin Vytene Muschick hat die Lebenserinnerungen von Dalia Grinkeviciute ins Deutsche übertragen und unter dem Titel "Aber der Himmel – grandios" herausgegeben. Von der Ankunft auf der kargen Insel heißt es dort:

"Ich blicke mich um, mich packt blankes Entsetzen. Weit und breit Tundra, Tundra, nackte Tundra und nochmals Tundra. Ich möchte mich am liebsten an einen der Lastkähne klammern und schreien: 'Lasst uns, lasst uns nicht hier, wohin habt ihr uns gebracht!', aber die Lastkahn-Karawane entfernt sich, wir bleiben auf der unbewohnten Insel Trofimowsk zurück, auf der bald der zehnmonatige Polarwinter anbrechen wird."

Etwa 450 Litauer, zumeist Alte, Frauen und Kinder, bauen mit bloßen Händen aus Ziegeln, Holzstämmen und dem Moos der Tundra einfache Behausungen, in denen sie nur dürftig gegen die Kälte des arktischen Winters geschützt sind. Unterernährt und geschwächt von der harten körperlichen Arbeit, werden sie schon bald von Skorbut, Typhus und anderen Krankheiten heimgesucht.

"In unserer Eishöhle bin ich mit Wesen zusammen, die früher einmal Menschen waren. Die früher einmal gelacht haben, geflirtet, die andere besuchten, selber Gäste empfingen. Jetzt schweigen sie. Sie wurden am 14. Juni vernichtet und liegen als halbtote Gestalten in Baracke Nr. 13."

Dalia Grinkeviciute gehört zu den wenigen Verbannten, die den eisigen Winter überleben. Im Jahr 1949 gelingt ihr, gemeinsam mit ihrer todkranken Mutter, die Flucht zurück nach Litauen. Doch in der Sowjetrepublik halten sich die beiden Frauen illegal auf. Sie müssen sich bei Bekannten in Kellern, Verschlägen oder Dachböden verstecken. In dieser bedrängten Situation beginnt Dalia ihre Erinnerungen festzuhalten, auf 229 eng beschriebenen Manuskriptseiten.

"So wie das beginnt, ohne Kapiteleinteilung, dieses Manuskript, so endet es auch abrupt, weil Dalia nach dem Tod ihrer Mutter 1950 gespürt hatte, dass sie observiert wird. Und das war für sie sehr wichtig, dass dieses Manuskript überlebt. Und sie hat diese losen Blätter in ein Weckglas gesteckt und in dem Garten ihrer Eltern vergraben."

Kurz darauf wird Dalia Grinkeviciute verhaftet und, weil sie eine Zusammenarbeit mit dem KGB ablehnt, erneut deportiert. Im Jahr 1956 darf sie nach Litauen zurückkehren, wo sie als Ärztin in einem Provinzkrankenhaus arbeitet. Das Manuskript überdauert versteckt in der Erde die Zeit der sowjetischen Okkupation. Erst im Jahr 1991 werden die Blätter mit den Erinnerungen an die Toten von Trofimowsk zufällig wiederentdeckt. Heute liegen sie im Museum, und die Geschichte von Dalia Grinkeviciute gehört zum litauischen Nationalerbe.

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