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Literatur und Krieg

Die irakische Exilliteratur hat in den letzten 40 Jahren maßgeblich die Entwicklung der arabischen Sprache und Dichtung bestimmt. Und trotz des Sturzes von Saddam Hussein wagen sich angesichts des drohenden Bürgerkrieges viele Intellektuelle noch nicht zurück in den Irak. In Berlin wurden nun zum Abschluss der irakischen Kulturwochen die Arbeiten von Exilliteraten vorgestellt.

Von Frank Hessenland | 26.02.2006

    "Der Wind ist eine blinde Mutter, die über Leichen stolpert. Der Mond ist ein Lichtfriedhof und die Sterne sind Frauen die weinen. Die Schultern des Windes waren müde geworden. Ein Satellit fragte ihn nach seinem Weg. Seine Krücke antwortete 'Bagdad'. Eine Palme verbrannte."

    Wenn der Exil-irakische Autor und Übersetzer Sinan Antoon seine Gedichte über den Irak liest, handeln sie meist vom Krieg. Der 36-jährige Doktorand für arabische Literatur an der Georgetown University in Washington verließ den Irak mit 22, kurz nach dem ersten Golfkrieg. Er wollte nach der amerikanischen Besetzung 2003 dorthin zurückkehren, scheiterte aber schon nach wenigen Wochen an den schwierigen Lebensumständen

    "Es ist zu gefährlich. Die Sicherheit ist vollkommen zusammengebrochen. Ich wollte zurück, aber es ist nicht einfach."

    So wie Sinan Antoon geht es den meisten der etwa vier Millionen Iraquis, die ihr Land unter der Diktatur verlassen haben. Sie haben Angst. Vor allem auch Wissenschaftler und Künstler, Kultur-Fachleute aller Richtungen leben im Irak gefährlich. Zwischen 400 und 1000 Professoren sollen seit 2003 gezielt umgebracht worden sein, heißt es auf der Konferenz zu irakischer Literatur in den Berliner Kunstwerken. Und niemand erhebt seine Stimme gegen die Gewalt im Land, so scheint es. Stattdessen hat sich dort die alte Garde nationalistischer Baath Partei Dichter, die vom Anblick amerikanischer Panzer in Bagdad überrumpelt wurden, inzwischen als Anti-Saddam Dichter profiliert. Man stimmt neue Loblieder an auf die neuen Machthaber der religiösen Parteien in den mehr als 100 neu gegründeten Parteizeitungen und Radiostationen. Die irakische Exilliteratur, die in den letzten 40 Jahren maßgeblich die Entwicklung der arabischen Sprache und Dichtung bestimmt hat, bleibt weitgehend außen vor. Irakische Literatur war lange Zeit synonym für moderne politische Poesie, sie verkam unter Saddam Hussein jedoch zu plattester Lobhudelei des Krieges. Die Exil-Autoren orientieren sich mittlerweile um, befreien sich vom Pathos der nationalheroischen Gedichte, sagt zumindest Samuel Shimon von Banipal, der einzigen englischsprachigen arabischen Literaturzeitschrift, einem zentralen Forum iraksicher Literaten.

    "Ich glaube das irakische Schreiben wurde jetzt immer autobiografischer in den letzten Jahren. Schriftsteller konzentrieren sich auf sich, ihre persönlichen Geschichten, Familien, Gesellschaften. Sie drücken sich da zum ersten Mal frei und individuell aus. Auch in der Form tut sich viel. Die Sätze werden kürzer, bescheidener und wir lösen uns von der hoch tönenden Sprache des Koran. Wir beginnen auch Romane zu schreiben. Kein irakischer Dichter schrieb zuvor Romane. Jetzt geht das los. Das ist gut."

    Um eine gewichtige kulturelle Stimme darzustellen, ist die Zeitschrift Banipal mit 2000 Abonnenten zu klein, sind die irakischen Schriftsteller noch zu sehr durch Exilerfahrung, Entwurzelung in ihrer Identität erschüttert. Das arabische Verlagswesen arbeitet aus politischen Gründen noch zu unprofessionell, und der Westen ist noch zu wenig an arabischen Schriftstellern interessiert. In Deutschland machen sie beispielsweise nur 0,3 Prozent der belletristischen Veröffentlichungen aus. Es wird noch Jahre dauern bis der erste Roman über den heutigen Irak erscheint, sagt Shimon. Wenn er denn kommt, so sind sich die meisten in den Kunstwerken anwesenden Dichter einig, wird er wohl ein Roman über den Zerfall des Irak sein, als über seine Einigung. Sinann antoon:

    "Das Land fällt auseinander. Es driftet in einen Bürgerkrieg. Alles, was viele von uns vor dem Krieg prophezeiten, wird nun Wirklichkeit. Doch selbst wenn es keinen Bürgerkrieg gäbe, würde es Jahrzehnte dauern, bis die Situation in zivilem Sinne bereinigt würde. Also ich bin sehr pessimistisch."