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StartseiteKultur heuteEigene Sprache gegen die Gleichförmigkeit19.11.2018

Literaturwettbewerb "Open Mike"Eigene Sprache gegen die Gleichförmigkeit

"Siri, wie weht tut eine Mausefalle?", fragt Kyrill Constantinides Tank. Für seine Gedichte im Stil von Ernst Jandl erhielt der 1990 Geborene beim Open Mike den Lyrik-Preis. Unter anderem wurden beim größten Wettbewerb für junge deutsche Literatur auch Lara Rüter und Yade Yasemin Önder ausgezeichnet.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Open Mike Jahrgangsfoto 2018: Astrid Ebner, Katharina Goetze, Rebekka Greifenberg, Christian Hödl, Felix Krakau, Grit Krüger, Demian Lienhard, Olivia Meyer Montero, Merle Müller-Knapp, Yade Yasemin Önder, Sven Pfizenmaier, Eva Raisig, Lennart Schaefer, Marina Schwabe, Erik Wunderlich, Kyrill Constantinides Tank, Caren Jeß, Caroline Rehner, Lara Rüter, Robert Wenzl. (Mirko Lux)
Open Mike Jahrgangsfoto 2018: Astrid Ebner, Katharina Goetze, Rebekka Greifenberg, Christian Hödl, Felix Krakau, Grit Krüger, Demian Lienhard, Olivia Meyer Montero, Merle Müller-Knapp, Yade Yasemin Önder, Sven Pfizenmaier, Eva Raisig, Lennart Schaefer, Ma (Mirko Lux)
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Der Lyriker Ulf Stolterfoht, früherer Preisträger und in diesem Jahr einer von sechs Auswahl-Lektoren verriet den 20 Autorinnen und Autoren gleich zu Beginn das ernüchternde Geheimnis des Erfolgs: "Wenn man nicht so viel Talent hat, das sage ich jetzt für mich, kann man doch beharrlich sein. Beharrlichkeit ist 100-mal mehr wert als jedes Talent. Ich schwör’s!"

Prosa-Preis für "bulimieminiaturen"

Literatur und Panik vertrügen sich eben schlecht, betonte Lucy Fricke, auch sie ehemalige Preisträgerin und diesjähriges Jurymitglied. Die Früchte ihrer Beharrlichkeit präsentierten in diesem Jahr erstmals mehr Autorinnen als Autoren. Der so genannte literarische Nachwuchs hatte sich schon in Schreibschulen und Universitäten, bei Workshops, Lesungen und Stipendien mit Erfahrung gewappnet. Das gilt auch und ganz besonders für die 1985 in Wiesbaden geborene Yade Yasemin Önder, die für ihre "bulimieminiaturen" den Prosa-Preis des Open Mike erhielt.

"mein mann exmann hat mal gesagt, dass er angst vor meiner volljährigkeit habe, weil er sich vor dicken frauen fürchte, und weil mein vater, das habe ich ihm dummerwiese gesteckt, an seinem achtzehnten geburtstag, den er in der stadt feierte, wo erdogan mal im gefängnis saß, schlagartig, das heißt innerhalb einer sekunde – und man weiß ja, wie kurz eine sekunde ist – vom schlanken minderjährigen zum extrem fettdicken volljährigen mutierte."

Die poetische Prosa von Yade Yasemine Önder montierte temporeich und assoziativ Motive von der Kinderheirat bis zu Hannelore Kohl, von verwesenden Hunden bis zu Telefon-Sex. Önder entsprach damit der von Lektoren und Jury geäußerten Forderung nach überraschenden Formen und einer ganz eigenen Sprache gegen die Gleichförmigkeit.

"Am Rande der Verständlichkeit"

Tatsächlich beschäftigten sich eine Vielzahl der Prosatexte mit gelangweilter Jugendlichkeit, die mal in der Jagd auf Ausländer, mal in einem fiktiven Wimbledon-Tennisturnier in einer Sozialbausiedlung und mal in der spontanen Flucht vor der im wahrsten Sinne sterbenslangweiligen Paarbeziehung mündet. Grit Krüger lieferte eine literarische Reportage über Agenturarbeiter, die in je 1,5 Sekunden entscheiden müssen, ob sie eventuell anstößige Fotos auf einer Internet-Plattform "lassen oder löschen". Die Vorläufigkeit von Beziehungen und alternative Wirklichkeiten in der global vernetzten Welt waren weitere Themen.

"Siri, wie weh tut eine Mausefalle?", fragte etwa der 1990 in München geborene Kyrill Constantinides Tank, der mit seinen Wortkaskaden im Stile Ernst Jandls oder Karl Valentins kunstvoll am Rande der Verständlichkeit blieb und sich damit den Lyrik-Preis sicherte.

Suche nach neuen Geldgebern

Der zweite Lyrik-Preis ging an Lara Rüter, die mit ihren Gedichten über Vergänglichkeit, Müll und gärigen Atem ausgeprägtes Formbewusstsein mit radikaler Subjektivität verbindet – so Juror Steffen Pop in seiner Laudatio. Die Welthaltigkeit von Literatur, das wurde beim diesjährigen Open Mike deutlich, scheint immer weniger Kriterium für die Jury und auch für Verlagslektoren zu sein. Dazu passte auch die Ankündigung, dass der Wettbewerb ab 2020 nicht mehr von der Crespo-Foundation finanziert wird.

Die Frankfurter Bildungs-Stiftung hat inzwischen mit den "Wortmeldungen" einen alternativen Preis für literarische Kurztexte ausgelobt, die ausdrücklich gesellschafts-politische Debatten anstoßen sollen. Der Open Mike sucht also nach neuen Geldgebern, die sich um neue sprachliche Vorstöße und stilistische Versuche der Literatur verdient machen wollen. Dass in der Literatur Realitätsgehalt nichts und Stil alles sein kann, wusste ja bereits Gustave Flaubert, der bekanntlich einen "Roman über nichts" schreiben wollte.

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