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StartseiteCampus & KarriereLobbyarbeit in der Schule02.11.2011

Lobbyarbeit in der Schule

Unternehmen und Verbände stellen Schulmaterial kostenlos zur Verfügung

Kinder und Jugendliche sind die Kunden von morgen. Unternehmen und Verbände haben das zunehmend erkannt und machen PR und Lobbyarbeit in Schulen – am liebsten getarnt als Unterricht.

Von Anja Nehls

Hochglanzmaterial von Unternehmen in den Klassenzimmern (Sascha Schuermann/dapd)
Hochglanzmaterial von Unternehmen in den Klassenzimmern (Sascha Schuermann/dapd)
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So manches Schulbuch ist alt, inhaltlich nicht auf dem neuesten Stand und unansehnlich. Welcher Schüler oder Lehrer greift da nicht vielleicht gern zu nagelneuem Hochglanzmaterial, noch dazu wenn es den Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt wird – und zwar von Unternehmen, Verbänden oder Organisationen. Ganze Agenturen haben sich inzwischen darauf spezialisiert Unterrichtsmaterial zu erstellen und in die Schulen zu bringen, warnt Tatjana Bielke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen

"Das sind teilweise Unterrichtsmaterialien, wo richtig Produktwerbung mit drin ist. Ein Beispiel ist zum Beispiel Kölln Flocken, Haferflocken, wo dann also überall die Verpackungen abgebildet sind oder wo dann auch mal gerne die Ernährungspyramide angepasst wird auf ein Unternehmen, wo dann fachlich auch falsche Informationen drinstehen, damit das für das Unternehmen passt."

Auch am Berliner Werner von Siemens Gymnasium sind ähnliche Angebote schon auf den Tisch des Schulleiters geflattert. Janotta muss dann entscheiden, was in den Papierkorb kommt und was er zur weiteren Prüfung an die jeweiligen Fachlehrer weitergibt.

"Wo wir Angebote haben ist meist im Bereich von Wettbewerben, da kommt viel aus der Wirtschaft, was stark im Kommen ist, ist von Seiten der Energieversorger, Projekte zum Energieeinsparen usw., das ist mit Fragezeichen zu sehen."

Ein ähnliches Beispiel ist My finance coach, Material zum Thema Wirtschaft, Kaufen und Sparen für Sechs- bis Zehnt-Klässler, entwickelt vom Allianz-Finanzdienstleister, der Unternehmensberatung McKinsey und der Werbeagentur Grey. Bei Bedarf kommt der Allianz-Vertreter auch gerne in die Schule. Verbraucherexpertin Tatjana Bielke:

"Und da darf man schon zweifeln, ob die das Handwerkszeug besitzen, pädagogisch guten Unterricht zu machen und natürlich kann man davon ausgehen, dass die bestimmte Interessen damit verfolgen."

Die Verbraucherzentralen haben Unterrichtsmaterial von Organisationen, Unternehmen und Verbänden jetzt auf einer Internetplattform vorgestellt und bewertet. Da gibt es auch viele gute Angebote: Material vom Sparkassenverlag, von Microsoft oder zum Thema Datenschutz von Schüler VZ zum Beispiel. Karl Schwarz, Lehrer am Berliner Werner von Siemens Gymnasium benutzt für seinen Grundkurs Wirtschaft manchmal die Broschüre "Im Kreislauf der Wirtschaft" herausgegeben vom Bankenverband:

"Die Themen, die ich raussuche, da bemühen sie sich, das auch relativ neutral darzustellen. Da geht es um Bedürfnisse zum Beispiel um die Rolle des Staates, um solche Dinge. Das kann man richtig gut übernehmen, da muss man jetzt keine ideologischen bedenken haben. Das ist ganz interessant für einzelne Bausteine, die man nehmen kann, da sind wir auch dankbar wenn wir das kriegen. Nur das Gesamtkonzept, das nehmen wir nicht."

Wie mit Materialien solchen Art umzugehen ist, regelt das jeweilige Schulgesetz, und das ist Ländersache. Um die Schüler bei der Berufsfindung zu unterstützen ist eine Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern, wie Betrieben, Unternehmen oder Verbänden ausdrücklich erwünscht, sagt Dr. Thomas Nix von der Berliner Schulverwaltung. Dabei geht es nicht nur um Bücher und Broschüren:

"Versicherungen bieten häufig Bewerbungstrainings an, Assessment Center um die Schüler darauf vorzubereiten, was sie erwartet, wenn Sie sich nach der Schule um einen Ausbildungsplatz bewerben. Dass da Material dieser Versicherung ausgelegt wird, das ist so, da muss man sich auch nicht blauäugig verschließen, aber es wird nicht für die Versicherung geworben."

Die Lehrer sollen dafür sorgen, dass im Unterricht alles kritisch beleuchtet wird, dass es eventuell eine zweite Meinung oder eine Gegenposition gibt. Wenn das gut funktioniert erscheint dann so manches Angebot aus der Wirtschaft schon in einem ganz anderen Licht.

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