Entzündliche Erkrankungen des Darmes geben Ärzten und Forschern viele Rätsel auf. Der "Morbus Crohn" zum Beispiel ist eine relativ neue Krankheit, sagt der Kieler Darmspezialist Stefan Schreiber.
Es ist eine Zivilisationskrankheit. D.h. die gab es vor 100 Jahren so gut wie gar nicht.
Aber mit Lebens- und Ernährungsgewohnheiten allein lässt sich die Entstehung der Krankheit auch nicht erklären. Denn es gibt Familien, in denen eine chronische Entzündung des Darms deutlich häufiger auftritt als in anderen. Die Gene scheinen hier also eine wichtige Rolle zu spielen. Schreiber:
Nun haben wir offensichtlich zwei interessante Dinge hier: das eine ist irgend ein zivilisatorischer Einfluss, den wir nicht kennen, der die Krankheit triggert, auslöst, und einen genetischen Einfluss, der den Boden vorbereitet, um empfänglich zu sein.
Aus Untersuchungen an Zwillingen lässt sich ableiten, dass es wahrscheinlich mindestens zehn bis 15 Gene gibt, die zusammen wirken, um eine solche Empfänglichkeit zu erzeugen für den Morbus Crohn. Zwei dieser Gene sind nun bekannt. Das erste wurde vor knapp drei Jahren entdeckt - unabhängig voneinander von Arbeitsgruppen in Kiel, in Paris und in Chicago. Es ist ein Gen, "CARD 15" oder auch "NOD 2" mit Namen, das einen wichtigen Einfluss hat auf das Zusammenleben von uns Menschen mit unseren Darmbewohnern. Viele Milliarden Bakterien leben in unserem Darm. Sie sind nützlich, denn sie helfen uns bei der Verdauung. Wichtig ist allerdings, dass sie im Darm bleiben und nicht in den Bauchraum oder die Blutgefäße wandern - denn dort wären sie eine tödliche Bedrohung.
Wir müssen also sehr, sehr diffizile und gut ausgearbeitete Verteidigungsmechanismen haben, die dauernd die Bakterien wieder rausschmeißen, die in unseren Körper reinwollen. Gerade in so einem Organ wie dem Darm. Und da ist dieses NOD 2 ganz, ganz wesentlich. Ein uraltes Gen, was man auch in Pflanzen findet. Auch Pflanzen haben dieses Problem, das sie von Bakterien nicht aufgefressen werden wollen.
Ist das Gen defekt, dann funktioniert die fein abgestimmte Abwehr des Darms nicht richtig, der Körper muss - bildlich gesprochen – schwerere Geschütze auffahren, um die Bakterien in Schach zu halten. Das bedeutet, die Darmwand reagiert mit einer Entzündung. Schreiber:
Dieses NOD 2, wenn es verändert ist, dann können die Bakterien sich einnisten, dann muss man chronische Entzündungen bemühen, um sie überhaupt noch auszugrenzen, und dann haben wir eine chronisch entzündliche Darmerkrankung.
Für den Kieler Forscher Stefan Schreiber war es keine große Überraschung, als er feststellte, dass auch das von seiner Arbeitsgruppe jetzt neu gefundene Gen "DLG 5" für eine starke Darm-Barriere sorgt. Anders gesagt: Ist das Gen defekt, ist die Barriere für Bakterien leichter zu überwinden:
Wenn Sie ein DLG 5-Problem haben, dann decken die Deckzellen des Darmes den Darm nicht mehr so gründlich ab, dann gibt es so Spaltenbildungen. Und wahrscheinlich können darüber Bakterien leichter eindringen.
Ein Defekt im DLG5-Gen führt dazu, dass sich die Bausteine des Zellgerüstes nicht richtig aneinander lagern können. Der Abstand zwischen benachbarten Zellen ist größer. Die Folge: der Darm ist nicht ausreichend abgedichtet. Schreiber:
Und wenn da natürlich ein Gen fehlt oder nicht funktioniert, was für dieses Kitten wichtig ist, dann ist natürlich klar, dass da Bakterien leichter eindringen können.
Menschen, bei denen beide Gene defekt sind, tragen ein besonders hohes Risiko, an Morbus Crohn zu erkranken. Denn Bakterien können leichter in die Darmwand einwandern und der Darm kann sich schlechter dagegen wehren. Auch wenn die Ursachen der Krankheitsentstehung damit noch nicht vollständig aufgeklärt sind, so zeichnet sich eines doch deutlich ab: Bei chronischen Entzündungen des Darms ist das "Ökosystem Darm" gestört. So leben im Darm von Menschen mit Morbus Crohn deutlich weniger verschiedene Bakterienarten als bei Gesunden. Schreiber:
Die haben also nicht mehr Hunderte von verschiedenen Bakterien, die sich auch gegenseitig in Schach halten. Sondern, wenn man eine chronisch entzündliche Darmerkrankung hat, - und ich sage jetzt nicht, ob das ursächlich ist oder Folge ist - das wissen wir noch nicht, dann haben Sie wesentlich weniger Bakterien. Das ist genau das, was auch passiert, wenn Sie eine Kläranlage haben, die kippt um, wie man so sagt in der Ingenieursfachsprache: dann haben Sie statt der vielen Bakterien in der Kläranlage, die entgiften, plötzlich nur einige wenige Bakterien, die alles überwuchern. Dann stinkt das, dann ist der Prozess gestört - bei der Kläranlage startet man ihn neu, beim Darm, da wissen wir noch nicht, was man tun muss.
Wenn alle Gene bekannt sind, die für eine chronische Darmentzündung empfänglich machen, werden die Forscher vielleicht besser verstehen, warum so wenige Bakterien-Arten im Darm von Menschen mit Morbus Crohn leben. Und dann, so hofft Stefan Schreiber von der Universität Kiel, ist es vielleicht auch möglich, das "Ökosystem Darm" in der Balance zu halten.
Es ist eine Zivilisationskrankheit. D.h. die gab es vor 100 Jahren so gut wie gar nicht.
Aber mit Lebens- und Ernährungsgewohnheiten allein lässt sich die Entstehung der Krankheit auch nicht erklären. Denn es gibt Familien, in denen eine chronische Entzündung des Darms deutlich häufiger auftritt als in anderen. Die Gene scheinen hier also eine wichtige Rolle zu spielen. Schreiber:
Nun haben wir offensichtlich zwei interessante Dinge hier: das eine ist irgend ein zivilisatorischer Einfluss, den wir nicht kennen, der die Krankheit triggert, auslöst, und einen genetischen Einfluss, der den Boden vorbereitet, um empfänglich zu sein.
Aus Untersuchungen an Zwillingen lässt sich ableiten, dass es wahrscheinlich mindestens zehn bis 15 Gene gibt, die zusammen wirken, um eine solche Empfänglichkeit zu erzeugen für den Morbus Crohn. Zwei dieser Gene sind nun bekannt. Das erste wurde vor knapp drei Jahren entdeckt - unabhängig voneinander von Arbeitsgruppen in Kiel, in Paris und in Chicago. Es ist ein Gen, "CARD 15" oder auch "NOD 2" mit Namen, das einen wichtigen Einfluss hat auf das Zusammenleben von uns Menschen mit unseren Darmbewohnern. Viele Milliarden Bakterien leben in unserem Darm. Sie sind nützlich, denn sie helfen uns bei der Verdauung. Wichtig ist allerdings, dass sie im Darm bleiben und nicht in den Bauchraum oder die Blutgefäße wandern - denn dort wären sie eine tödliche Bedrohung.
Wir müssen also sehr, sehr diffizile und gut ausgearbeitete Verteidigungsmechanismen haben, die dauernd die Bakterien wieder rausschmeißen, die in unseren Körper reinwollen. Gerade in so einem Organ wie dem Darm. Und da ist dieses NOD 2 ganz, ganz wesentlich. Ein uraltes Gen, was man auch in Pflanzen findet. Auch Pflanzen haben dieses Problem, das sie von Bakterien nicht aufgefressen werden wollen.
Ist das Gen defekt, dann funktioniert die fein abgestimmte Abwehr des Darms nicht richtig, der Körper muss - bildlich gesprochen – schwerere Geschütze auffahren, um die Bakterien in Schach zu halten. Das bedeutet, die Darmwand reagiert mit einer Entzündung. Schreiber:
Dieses NOD 2, wenn es verändert ist, dann können die Bakterien sich einnisten, dann muss man chronische Entzündungen bemühen, um sie überhaupt noch auszugrenzen, und dann haben wir eine chronisch entzündliche Darmerkrankung.
Für den Kieler Forscher Stefan Schreiber war es keine große Überraschung, als er feststellte, dass auch das von seiner Arbeitsgruppe jetzt neu gefundene Gen "DLG 5" für eine starke Darm-Barriere sorgt. Anders gesagt: Ist das Gen defekt, ist die Barriere für Bakterien leichter zu überwinden:
Wenn Sie ein DLG 5-Problem haben, dann decken die Deckzellen des Darmes den Darm nicht mehr so gründlich ab, dann gibt es so Spaltenbildungen. Und wahrscheinlich können darüber Bakterien leichter eindringen.
Ein Defekt im DLG5-Gen führt dazu, dass sich die Bausteine des Zellgerüstes nicht richtig aneinander lagern können. Der Abstand zwischen benachbarten Zellen ist größer. Die Folge: der Darm ist nicht ausreichend abgedichtet. Schreiber:
Und wenn da natürlich ein Gen fehlt oder nicht funktioniert, was für dieses Kitten wichtig ist, dann ist natürlich klar, dass da Bakterien leichter eindringen können.
Menschen, bei denen beide Gene defekt sind, tragen ein besonders hohes Risiko, an Morbus Crohn zu erkranken. Denn Bakterien können leichter in die Darmwand einwandern und der Darm kann sich schlechter dagegen wehren. Auch wenn die Ursachen der Krankheitsentstehung damit noch nicht vollständig aufgeklärt sind, so zeichnet sich eines doch deutlich ab: Bei chronischen Entzündungen des Darms ist das "Ökosystem Darm" gestört. So leben im Darm von Menschen mit Morbus Crohn deutlich weniger verschiedene Bakterienarten als bei Gesunden. Schreiber:
Die haben also nicht mehr Hunderte von verschiedenen Bakterien, die sich auch gegenseitig in Schach halten. Sondern, wenn man eine chronisch entzündliche Darmerkrankung hat, - und ich sage jetzt nicht, ob das ursächlich ist oder Folge ist - das wissen wir noch nicht, dann haben Sie wesentlich weniger Bakterien. Das ist genau das, was auch passiert, wenn Sie eine Kläranlage haben, die kippt um, wie man so sagt in der Ingenieursfachsprache: dann haben Sie statt der vielen Bakterien in der Kläranlage, die entgiften, plötzlich nur einige wenige Bakterien, die alles überwuchern. Dann stinkt das, dann ist der Prozess gestört - bei der Kläranlage startet man ihn neu, beim Darm, da wissen wir noch nicht, was man tun muss.
Wenn alle Gene bekannt sind, die für eine chronische Darmentzündung empfänglich machen, werden die Forscher vielleicht besser verstehen, warum so wenige Bakterien-Arten im Darm von Menschen mit Morbus Crohn leben. Und dann, so hofft Stefan Schreiber von der Universität Kiel, ist es vielleicht auch möglich, das "Ökosystem Darm" in der Balance zu halten.