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Lombardei
Künstler Christo und die prickelnde Franciacorta

Die Franciacorta in Norditalien gilt als die Heimat des italienischen Champagners. Das Weinbaugebiet in der Lombardei hat es mitunter dem Verhüllungskünstler Christo angetan: Mitten auf dem See Iseo entsteht sein nächstes großes Projekt. Die Region besticht auch durch ihre Urigkeit und die zahlreichen charmanten Dörfchen.

Von Cristiana Coletti | 30.08.2015
    Hände ernten Weintrauben
    Wegen der besonderen Böden und klimatischen Bedingungen wird in der Franciacorta seit mindestens 1.000 Jahren Wein angebaut. (picture alliance / dpa)
    Weinverkostung in einem Kölner Weinladen, leise Stimmen, Gläser, Wein wird eingeschenkt. Eine Weinprobe in meinem Lieblings-Weinladen in Köln. Was für eine schöne, beschwingte Stimmung! Hier kann ich leckere Weine verkosten und einen entspannten Abend verbringen. Doch heute, vor meiner Abreise nach Italien, bewegt mich eine Frage. Ich möchte etwas wissen über ein bestimmtes Weingebiet in der Lombardei, wohin ich bald fahren werde. Die Weinhändlerin Helene Höngesberg bietet zwar keine Flasche aus der in ihrem Laden an, kennt sich aber mit dieser Region aus.
    "Die Franciacorta ist im Prinzip das einzige Gebiet in Italien, was wirklich sehr gute Schaumweine produziert, die brut sind und die eine sehr gute, hervorragende Qualität haben. Das gibt es nur hier in der Franciacorta. Nur in einem kleinen begrenzten Gebiet - und das macht natürlich die Produzenten noch ein bisschen arroganter gegenüber allen anderen Regionen nebenan, die ja nicht solche Sekte produzieren. Und sie gehen mittlerweile hin, schon die vielen letzten Jahre, und sagen: Unsere bruts sind genauso gut wie der Champagner in Frankreich. Wir können konkurrieren."
    Autorin: Oh, da wird unfreiwillig Öl ins Feuer gegossen! Helenes Aussage weckt bei mir "gefährliche" Vorurteile! In den Augen der Mittel- und Süditaliener war Mailand seit den 80er-Jahren als Hauptstadt des Karrierismus, des Hedonismus und des schönen Scheins verrufen. Die Mailänder und mit ihnen die Einwohner der Lombardei im Allgemeinen gelten immer noch als hochnäsig und angeberisch! Mit einem Wort: unsympathisch. Aber beim Klischee bleiben, nein, das will ich nicht. Ich möchte lieber vor Ort etwas über die Franciacorta erfahren!
    "Der Ortsname "Franzacurta" taucht erstmals in den Annalen der Gemeinde Brescia des Jahres 1277 auf und kommt wahrscheinlich von der Bezeichnung Corti Franche, Freihöfe. So hießen die von Steuerzahlungen befreiten Höfe der Cluniazenser-Mönche, die sich im elften Jahrhundert in dieser Gegend niederließen und das Recht auf freien Handel erhielten.
    Das 20.000 Hektar große Gebiet in der Provinz Brescia umfasst 19 Gemeinden und erstreckt sich zwischen dem Fluss Oglio im Westen und den Ausläufern der Rätischen Alpen im Osten. Im Süden begrenzt es der Monte Orfano und im Norden der Lago di Iseo."
    "Brescia ist gewiss keine Provinz, in der man sich Natur erwartet. Wegen ihres Rufs denkt man zuerst eher an die Industrie und die Ökonomie dieser Gegend."
    Weinberge - versteckt, "als wären sie schüchtern"
    Die gebürtige Franciacortina Roberta treffe ich gleich am Anfang meiner Reise.
    "Es ist also eine Überraschung, wenn man die A4 verlässt und diese schönen, sanften, grünen Hügel sieht, die kleinen Weinberge, die man nicht sofort entdeckt, weil sie – ganz anders als die Weinberge in der Toscana – ein bisschen versteckt liegen, ein wenig so, als wären sie schüchtern!"
    Roberta erklärt mir, woher die Besonderheit der Natur im kleinen Gebiet "Franciacorta" kommt.
    "Es hängt in erster Linie mit der Beschaffenheit des Bodens zusammen. Es sind Moränenböden, das heißt Böden, die durch einen Gletscher zustande kamen. Sie sind sehr reich und voller Mineralien. Dazu kommt die Wirkung der Sonne und des Iseo Sees: Die Temperaturen fallen hier milder aus als in anderen Gegenden dieser Region oder am Gardasee. Wir leben in einer Art natürlichem Amphitheater zwischen dem Iseo See im Norden und unseren Hügeln im Süden. Im Sommer zum Beispiel genießen wir den frischen Wind vom See, während die warme Luft aus der Po-Ebene von den Hügeln zurückgehalten wird."
    Wegen dieser besonderen Böden und klimatischen Bedingungen werden hier seit mindestens 1.000 Jahren Weintrauben angebaut. Eine lange Tradition also, die heute zu einer großen Zahl von Weingütern und Weinproduzenten geführt hat. Roberta arbeitet seit einiger Zeit für ein bekanntes Unternehmen in dieser Branche. Das war aber nicht immer so.
    "Ich habe Jahre lang in Mailand gelebt und gearbeitet. War dann viel unterwegs, in Italien wie im Ausland, in London zum Beispiel. Jedes Mal als ich zurück nach Hause gefahren bin, habe ich immer den längeren Weg genommen, der durch die ganze Franciacorta führt, weil ich diese schöne Landschaft mit den vielen Abteien, Villen und Weingütern begrüßen wollte. Vielleicht bin ich deswegen zurückgekehrt. Es ist schön hier!"
    "Ich weiß, dass unsere Weintrauben in wenigen Minuten vom Hagel zerstört werden können"
    Lautsprecher-Ansage: "Die Franciacorta-Weine werden nach einem ähnlichen Verfahren wie der Champagner hergestellt: Sanftes Pressen der Trauben, dann die Tirage: monatelange Flaschengärung durch Zucker- und Hefelösung. Es folgt die Remuage oder das Drehen der Flaschen und das Dégorgement: Man taucht die Flaschen in eine Kühllösung. Es bildet sich ein Eispropfen, der die Hefeablagerungen aufnimmt. Entfernt man den Metallverschluss, wird der Hefe-Eis-Propfen durch den Innendruck herausgeschleudert. Nach der Dosage, einem Gemisch aus Wein und Zuckersirup, das den Süßegrad bestimmt, kommt zum Schluss der klassische Pilzkorken auf die Flasche."
    Hier in der Franciacorta habe ich die Möglichkeit, viele Weingüter zu besuchen! Sie sind alle sehr chic und beeindruckend schön, aber manchmal wird man von den zuständigen Angestellten ein wenig routiniert durch die Weinkeller geführt. Ich erfahre viel über die Herstellung der Weine, während von der angeblich leidenschaftlichen und engagierten Familie der Weingutbesitzer nichts zu spüren ist. Doch auf mich warten noch andere Begegnungen.
    "Meine Lieblingssaison hier ist der Herbst. Ich liebe die verschiedenen Farbnuancen der Landschaft: gelb, rot, braun. Sie sind zauberhaft! Aber um das genießen zu können, muss ich versuchen, eine Distanz zu meinem starken Gefühl der Verantwortung und zu den Risiken zu gewinnen, denen wir ausgesetzt sind."
    Giulio Barzanó stammt aus einer alten Familie von Großgrundbesitzern in dem kleinen Ort Camignone di Passirano. Schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts arbeiteten seine Vorfahren hier auf dem Land im engen Kontakt mit den Bauern.
    "Unsere Arbeit hängt sehr viel mit den Jahreszeiten zusammen. Es ist wichtig, sich von der Risiken nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. Wir sind für die ökonomische Sicherheit unserer Mitarbeiter und ihrer Familien verantwortlich. Ich weiß, dass unsere Weintrauben in wenigen Minuten vom Hagel zerstört werden können. Das haben wir schon erlebt. Aber daran sollte ich nicht denken, damit ich auch schöne Augenblicke erleben kann, wie am frühen Vormittag beim Sonnenaufgang. Mein Fenster schaut nach Osten. Das ist ein sehr mystischer Moment. Ich begrüße den neuen Tag und die Sonne und sehe, wie sie mein Leben und das Leben der Trauben mit ihrem warmen Licht bestrahlt."
    "In dem großen Garten draußen, zwischen den alten Bäumen, haben wir dieselben Spiele gespielt wie früher meine Mutter und ihre Vorfahren", sagt Giulio Barzanó während unseres Spaziergangs durch die mit Fresken dekorierten Räume seiner Villa. Er erzählt mir vom "verrückten" Urgroßvater, der Garibaldi, dem sogenannten Befreier Italiens, 1860 bei der Eroberung von Sizilien gefolgt war, und zeigt mir die Spuren, die er hier und dort hinterlassen hat. Es gibt viele Erinnerungen, die Giulio mit der Geschichte seiner Familie und dem Ort verbinden.
    Auch wenn die Weinproduktion heute technischen Aufwand und präzises timing verlangt, ist der Bezug zur Vergangenheit für manche Menschen immer noch sehr wichtig. Das erfahre ich einige Kilometer weiter, in der Ortschaft Monticelli Brusati.
    "Heute wird die ganze Arbeit durch genaue Proben und Analysen im Labor bestimmt. Früher gab es eine Poesie, die wir heute ein wenig verloren haben."
    "Heute ist die Weinernte eine sehr harte Arbeit"
    Michele Bozza vertritt die dritte Generation von Winzern, denkt aber oft an frühere Zeiten zurück, als seine Großeltern noch einfache Bauern waren.
    "Damals war die Weinernte bukolisch und schön. Wir aßen alle zusammen Salami und Panini während der Pause auf der Wiese. Es war ein Fest! Heute ist die Weinernte eine sehr harte Arbeit, die man so schnell wie möglich erledigen muss, weil am nächsten Tag die Parameter schon anders sind. Jedes Detail wird fast manisch kontrolliert. Man schaut auf Daten und nicht mehr auf Mondphasen. Das vermissen wir sehr. Früher hat alles viel mehr Spaß gemacht!"
    "Ich erinnere mich noch – als hätte ich es gestern erlebt – an die violett gefärbten Hände meines Großvaters. Sie waren violett wegen der Trauben. Damals machte er Rotwein und trank davon noch mehr, als er produzieren konnte. Er war ein guter Mann, auch wenn er grob zu sein schien. Wie alle Bauern liebte er seine Familie und die Freunde wie sein Land. Bei uns gab es immer eine Scheibe Salami, ein Stück Käse und ein Glas Wein auf dem Tisch. Er sagte: 'Vielleicht kommt jemand zu Besuch!' Die Kultur der Bauern war damals so. Ihre Arbeit war zwar schrecklich anstrengend, aber sie kannten den Respekt vor den anderen und die Freude, mit ihnen das zu teilen, was sie produzierten."
    Der Abend ist gekommen. Ich sitze mit meiner neuen Freundin Rosalba bei einem Glas Wein in ihrem Garten. Der Verkehr des Tages scheint weit weg zu sein. Es ist still hier und gemütlich. Vielleicht deswegen möchte sie mir eine Geschichte erzählen, die sie sonst nur engen Freunden anvertraut hat.
    "Ich bin fast zufällig in diesem Ort angekommen. Eines Tages, es war der 3. November 1987, erzählte ein Architekt von einem verlassenen Kloster im südlichen Teil der Franciacorta, am Monte Orfano. Ich dachte, das muss ich unbedingt sehen und bin gleich hin gefahren. Das Kloster war völlig verfallen, und die Berglandschaft war nicht so besonders ansprechend im November. Trotzdem habe ich sofort eine starke Emotion empfunden. Ich bin eine Weile alleine herumgelaufen, habe den Geräuschen gelauscht und alles aufgenommen, was mir dieser Ort sagen wollte. Es war, als ob er auf mich gewartet hätte."
    Der Traum, das kleine Franziskanerkloster, mit seinem Kreuzgang, seinem Garten und dem schönem Blick auf die weite Ebene bis zum Monte Rosa zu besitzen, ließ sie nicht los. Rosalba nahm das finanzielle Risiko auf sich und kaufte es. "Es war ein bisschen verrückt!", sagt sie, "aber der Geist dieses Ortes, die Stille, die Geborgenheit hatten mich verzaubert!" Monatelang schuftete sie mit den Handwerkern an der Restaurierung.
    "Einer Volkslegende nach sollte ein Schatz hier auf dem Monte Orfano versteckt liegen, ein goldener Ochse. Ich schäme mich nicht, dir zu sagen, dass ich ihn während der Arbeiten gesucht und natürlich nicht gefunden habe! Wie das Sprichwort sagt: 'Das undurchschaubare Geheimnis verbirgt sich in der Evidenz'. Als die Restaurierung fast zu Ende war, saß ich mit meinem Vater im kleinen Kreuzgang des Klosters, schaute um mich herum und plötzlich verstand ich: Das ist der Schatz, nach dem ich gesucht habe! Dieser Ort, diese Mauer und diese Steine, die uns von ihrer Geschichte erzählen! Jeden Tag wache ich auf und habe Lust, diesen Ort zu erleben. Ich fühle mich ganz drin in dieser besonderen Welt!"
    Künstler Christo und der See Iseo
    Im nördlichen Teil der Franciacorta führt mich meine Reise zu einem anderen Schatz, dem Iseo See. Wie in einer Wiege liegt er zwischen sanften Hügeln und steilen Berghängen. Ein leuchtend blauer Spiegel, in den das kräftige Grün der Landschaft einzutauchen scheint. Kleine Fähren bringen ihre Passagiere vom Ufer zu den Inseln. Ein Panorama, das seit Jahrhunderten fast unverändert geblieben ist. Vielleicht deswegen hat sich der berühmte Künstler Christo ausgerechnet von diesem Ort für seine nächste Installation inspirieren lassen: ein drei Kilometer langer Weg auf dem Wasser aus 70.000 Quadratmetern Stoff, der von Schwimmelementen getragen wird. Paola Pezzotti, die Bürgermeisterin von Sulzano, stellt sich das schon vor.
    "Mitten im See schwebt ein knallgelber, fast orangener Stoff: Ein Spazierweg auf dem Wasser, der das Festland mit den Inseln verbindet. Von Sulzano kann man zu Fuß nach Peschiera Maraglio laufen, einem schönen, alten Dorf auf Monte Isola. Der Weg läuft dann an der Insel entlang weiter bis zur nächsten Ortschaft Sensole. Von hier aus kann man auf zwei unterschiedlichen Strecken die kleine Isola di San Paolo erreichen. Das ist eine nicht zugängliche Privatinsel. Aber der gelbe Weg aus Stoff und Schwimmelementen umhüllt sie wie eine Umarmung, so dass wir um sie herumlaufen können. Man muss sich das vorstellen, mitten auf dem See vor dieser unglaublich schönen Landschaft zu sein! Ein sanfter Wind weht und unter den Füßen spürt man das Wasser, die Wellen. Christo schenkt uns den Eindruck, auf dem Wasser zu laufen!"
    Eine poetische und inspirierende Anspielung auf einen anderen gleichnamigen "Wundertäter". Durch Christos Werk "The Floating Piers" entsteht ein ungewöhnliches Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Diese Dimension hätte ich bei meiner Reise in die Franciacorta, der Heimat des italienischen Champagners, nicht erwartet. Aber gehört es nicht gerade zum Schönsten einer Reise, sich von besonderen Begegnungen und unerwarteten Momenten überraschen zu lassen?
    Recherchen zu diesem Beitrag wurden unterstützt von der Vereinigung "La Strada del Franciacorta" (Übernachtungen).