Allein für diesen einen Moment der Überlistung lohnt es sich, in "Gravity Fatigue" zu gehen. Für diesen einen Moment, in dem die Schwerkraft auf eine Weise aufgehoben scheint, wie man es weder im Theater noch draußen in der Wirklichkeit erleben kann. Wenn Sandra Bullock in ihrem sterbenslangweiligen Film "Gravity" draußen im Weltraum an ihrer Raumkapsel klebt, dann ist das Hollywood und einer Menge IT-Kompetenz geschuldet, und es ist viel haarsträubender, dass George Clooney in "Gravity" sterben muss, als dass Bullock schwerelos kann.
Aber an diesem Abend in einem legendären Theater im Norden Londons knallen Tänzer bäuchlings, Nase nach unten zeigend, aus 1,50 Meter Höhe auf den Tanzboden, und wer diesen Fall in Echtzeit verfolgt, der hält den Atem an, weil er weiß, dass die Schwerkraft hier gleich an etwas sehr Schlimmem schuld sein wird. Wieso tun die das? Da aber fliegen die eben aufgeschlagenen Körper so wieder in die Höhe, wie sie gerade runtergekommen sind und stehen in der Luft, einige Sekundenbruchteile, wie waagerecht schwebende Astronauten – oder wie rückwärts abgespielte Filmbilder.
Glaube und Technik
Technik und der Glaube des Publikums an Magie gehen bei Modenschauen genauso gut zusammen wie hier in Chalayans erster Theaterproduktion. Der in Zypern geborene Brite, an Londons Modecollege Saint Martin's ausgebildet und seither konsequent an seinem Ruf als Konzeptionalist arbeitend, hat mit etwas Zauberei und computergesteuerten Gadgets für diesen Abend auch Kleider geschaffen, die auf der Bühne plötzlich Eigenleben entwickeln. Einmal sind es die Säume von drei duftigen Abendkleidern, die ganz untypisch schwer am Boden liegen und sich bewegen ohne menschliche Einwirkung.
Der hübsche Effekt entspringt dem Einsatz eingenähter Magneten. In einer anderen Szene verknotet ein leuchtend rotes Bustierkleid seinen Rock und dehnt sich spiralförmig um seine Trägerin, als wüchsen dem Kleid Tentakeln. Computergesteuerte verborgene Apparaturen sorgen für Horror im hellsten Rampenlicht. Andere aus Stoff gebildete Kleider-Skulpturen verbinden zwei Tänzerkörper miteinander. Das begrenzt die Distanz, in die beide zueinander gelangen können, aber es ermöglicht auch einem von beiden jeweils Spiele mit der Schwerkraft, die ohne diesen elastischen Halt zum Scheitern verurteilt wären.
Mit dieser grundsätzlichen Ambivalenz des ohne Fell oder Gefieder geborenen Menschen gegenüber jeder schützenden, aber eben auch einschränkenden Hülle befasst sich "Gravity Fatigue" genauso wie mit Stofflichkeit als raum- und menschentrennender Materialität. Ein Kreuz aus stoffbespannten Leisten lässt sanft beleuchtete Kammern entstehen, in denen Individuen ihre Einsamkeit vom Verlöschen des Smartphones grausam besiegelt sehen.
Aufregend und amüsant
Aber überwiegend geht es aufregend und amüsant zu in dieser Folge belebter Bilder von bewegten Kleidern – denn das ist "Gravity Fatigue". Der volle Körpereinsatz, den Choreograf Damien Jalet den Tänzern abverlangt, gibt dem Abend seine eigentliche Bedeutung. Tänzer die sich drehen müssen wie Derwische, die im Tschador mit Hechtsprüngen in ein Kugelbad tauchen, die auf High Heels wie Halloween-Gespenster unter Umhängen umherschreiten oder an Seilen hängen, sie sind es, deren Sieg über die Schwerkraft uns berührt, deren alberne Swimmingpool-Party-Hopsereien einen erst zum Lachen bringen und dann zum Verstummen, wenn sich jeder von ihnen ganz allein in seinem so schönen wie tückischen Kostümobjekt verheddert. Wir umgeben uns mit Schönheit, um uns über unsere metaphysische und geografische Entwurzelung hinwegzuhelfen, über unsere Unfähigkeit zu friedlichem und empathischem Zusammenleben.
Wir tun das auch in der Hoffnung, dass diese Schönheit uns an das Gute erinnert. Und doch geben wir längst nicht jedem Moment die Bedeutung, die er haben könnte, oft spielen wir nur, statt etwas zu meinen. Man kann diese Assoziationen haben in "Gravity Fatigue", aber Chalayans strenge Kleider hätten erwarten lassen, dass er auf der Bühne zu radikaleren Formulierungen für das Trennen und Verbinden von Menschen, ihr Verhüllen und Entblößen findet.

