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StartseiteSonntagsspaziergangDie Inszenierung einer idyllischen US-Kleinstadt17.11.2013

Long IslandDie Inszenierung einer idyllischen US-Kleinstadt

Thomas Höpker lernte die USA während einer langen Reise als junger Fotograf in den 60er-Jahren kennen. Aus der Zeit ist ihm eine kritische Zuneigung zu Amerika geblieben. Seit vierzig Jahren besitzt er ein kleines Häuschen auf Long Island, ganz in der Nähe des Reichen-Paradieses Southampton.

Von Paul Stänner

Pärchen sitzen auf Bänken, aneinandergelehnt oder sich unterhaltend. Aufgenommen in Rockaway Beach, Long Island, 2009 (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)
Die Hamptons sind ein Schickeria-Ort, bekannt aus Film und Fernsehen. (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)

"Wir sind in meinem Arbeitszimmer, in dem ich meine Fotos aufbewahren, meine Negative, Diapositive aus den letzten 40 bis 50 Jahren - und ich habe hier einen großen Digitaldrucker, auf dem mache ich Drucke für meine Ausstellungen, für meine Sammler und auch als Vorlage für Bücher, und das ist ein riesiges Feld, das ich da beackere und das mir großen Spaß macht."

Thomas Höpker, groß, schlank, ist mittlerweile 77 Jahre alt. Er war sein gesamtes Berufsleben lang - mehr als 50 Jahre - Fotograf, dabei jahrzehntelang für den "Stern" tätig. Amerika schätzt er seit einer ersten langen Reise als junger Fotograf in den 60ern, aus der Zeit ist ihm eine kritische Zuneigung zu Amerika geblieben. Seit vierzig Jahren besitzt er ein kleines Häuschen auf Long Island, das er zu seinem Hauptwohnsitz ausgebaut hat. Wir blicken aus dem Atelierfenster:

"Da sehen wir Grün, dahinter sehen wir einen See, das ist der Little Fresh Water Pond, ein kleiner wunderschöner Süßwassersee, an dem nur etwa fünf bis sechs Häuser direkt stehen. Wir sind nicht hier in dem eigentlichen Southampton, das ein bisschen ein Schickeria-Ort ist, sondern etwas außerhalb, da wo die armen Leute und die Künstler wohnen."

Die Hamptons - Southampton, East Hampton, Bridgehampton - haben eine schillernde Reputation als Treffpunkt der Schickeria. Hier trafen sich die Reichen und die Schöne aus der Serie "Sex in the City" und in "Royal Pains" ist es ein Arzt, der die gebrechen der Gelifteten und Gebotoxten richten muss. Long Island, die glitzernden Hamptons, gelten als das Sylt von New York.

Verblüffenderweise erinnert die Fahrt in die Hamptons, einer der reichsten Gegenden Amerikas, an die alte DDR-Autobahn mit ihren Betonplatten und den klaffenden Spalten dazwischen. Dieser Sound unter den Reifen ist nahezu verschwunden, hier hört man ihn noch.

"Es ist ein sehr seltsamer Ort, der im Winter sehr unbelebt ist, weil die meisten Leute kommen hier im Sommer her, das ist ein Sommerfrische-Ort. Und traditionell war Southampton immer ein Ort für die ganz, ganz reichen Leute, die sich direkt am Ozean ihre grandiosen Villen gebaut haben, das geht immer noch so."

Drinnen schlenderten wir durch Musikzimmer im Marie-Antoinette-Stil und durch Salons im Restaurationsstil. Wir gingen hinauf, durch mit Stilmöbeln ausgestattete und in rosen- und lavendelfarbene Seide gehüllte Schlafzimmer voll frischer Blumen, durch Ankleideräume und Billardzimmer und Badezimmer mit in den Boden eingelassenen Wannen - und in einem Zimmer störten wir einen zerzausten Mann im Pyjama bei Leibesübungen für seine Leber.

Scott Fitzgerald, der Autor des "Großen Gatsby" wusste, wovon er sprach, als er die Villa seiner Hauptfigur beschrieb. Schließlich hatte er in den 20er Jahren des vorigen Jahrhundert, als es ihm finanziell richtig gut ging, selbst in einem großen Haus auf Long Island gelebt. Und seine Leber trainiert.

Eine Simulation einer idyllischen Kleinstadt

Mit Thomas Höpker und der hechelnden Labradorhündin Clarita fahren wir Richtung Strand. Southampton ist eher enttäuschend. Man hat schon schönere Kleinstädte an der Ostküste gesehen, mit liebevoll weiß lackierten Holzhäusern, die Fenster und Türen farbig abgesetzt und mit penibel gepflegten Vorgärten. Hier macht alles den Eindruck, als sei es nur als Inszenierung aufgebaut, als Simulation einer idyllischen Kleinstadt. In den Sommermonaten, während der Saison, wenn die Strandvillen bewohnt werden, vervierfachen sich hier die Preise für eine Tasse Kaffee. Wir trödeln langsam hinunter in Richtung Strand, vorbei am sogenannten Straßenstrich, wo mexikanische Tagelöhner auf Gelegenheitsarbeitgeber warten, vorbei am Tennisklub, wo ein Großteil der Bevölkerung Mexikos, sofern er in der Lage ist, eine Harke zu halten, Arbeit findet.

"Jetzt sind wir hier am Beach Club von Southampton, an dem großen langen Strand, der im Sommer eigentlich ganz voll ist mit Leuten, aber wenn es regnet wie heute, nicht. Es ist ein Traumstrand, mit wunderbarem Sand und schönen Wellen, das zieht sich jetzt über 100 Kilometer rauf und runter."

Wir stehen vor einem großen Haus. Es ist zum Schutz gegen die Hurrikans hinter einem Sandwall in Deckung gegangen, der bis zur Dachrinne aufgeschüttet wurde. Darüber erkennen wir ein rotes Ziegeldach, ein Obergeschoss in Fachwerkbauweise und fabrikartig aufsteigende Schornsteine.

"Das ist Tudor-Style, eine Kopie von irgendeiner englischen Villa und wahrscheinlich verzwanzigfacht, in England gibt's kaum so große Villen. Ich hab noch nie jemand hier gesehen, der hier drin wohnt, das Haus ist tot oder vielleicht hat er in Miami noch ein zweites Haus oder auf den Bermudas, und der kommt dann immer alle drei Jahre mal hierher.

Wenn wir jetzt nach rechts weitergehen ist ein sehr schönes großes, sehr modernes Haus, das gehört Calvin Klein, der das Haus vor einigen Jahren umgebaut hat und bisher wohl nur vier, fünf Mal da war, also hier ist entweder altes Geld, alte Familien, oder eben auch Leute, die ihr Vermögen jetzt erst gemacht haben."

Mit einem bemerkenswerten Unterschied - eine Putzfrau, die bei den einen und den anderen Reichen putzt, versicherte uns nachdrücklich, dass die Kinder der alten Reichen deutlich besser erzogen seien als die der neuen Nabobs. Der Ort Southampton macht einen her unbehausten Eindruck. Den Strand entlang ziehen sich Großbauten, die nicht immer schön, aber groß sind. Denn wenn sie mal benutzt werden, sagt Thomas Höpker, der hier häufig seine Hündin spazieren führt, dann werden riesige Partys a la Gatsby gefeiert und dann muss der Gastgeber auch schnell man hundert Gäste unterbringen.

Sein Haus war mir noch nie so weitläufig vorgekommen wie in jener Nacht, als wir in den riesigen Zimmern nach Zigaretten suchten. Wir schoben Vorhänge beiseite, die wie Zeltbahnen waren, und auf der Suche nach Lichtschaltern tasteten wir uns meterlange dunkle Wände entlang - einmal fiel ich mit ein Krach auf die Tasten eines geisterhaften Klaviers.

Am Ende ist man enttäuscht und nicht beeindruckt, egal, was Romane und TV-Serien sagen. Vielleicht wäre es etwas anderes, wenn man reich und schön durch die seidenbespannten Schlafzimmer und die Badezimmer mit den eingelassenen Wannen streifen würde, aber außerhalb der Großvillen gibt es nicht viel Interessantes zu sehen. Eine Kirche vielleicht, die ihren Rasen mit einem großen Eisentopf und einer kleinen Signalkanone ziert.

Thomas Höpker hat über fünfzig Jahre seines Lebens fotografiert. Überall auf der Welt. Wenn er durch Southampton schlendert, welches Motiv würde ihm ins Auge stechen?

"Da find ich nicht so viele, das ist doch ein sehr geschniegelter Ort, sehr ordentlich, es sind Menschen da, die sich gut benehmen, die gut angezogen sind, aber auch alles ist nicht so sehr übertrieben, es gibt nicht die Extreme nach oben oder nach unten, die Fotografen so gern haben."

Das klingt nach gepflegter Langeweile. Also zurück auf die Autobahn.

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