Donnerstag, 08. Dezember 2022

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Lubawitscher Bewegung
Der New Yorker Rabbi Menachem Mendel Schneerson

Als Menachem Mendel Schneerson 1951 zum siebten Rabbiner der Lubawitscher Bewegung gewählt wurde, war sie noch eine kleine Gruppe in New York. Als er dann 1994 starb, war die Bewegung auf allen Kontinenten vertreten und er der bekannteste Rabbiner weltweit. Nun ist eine Biografie über ihn erschienen.

Von Igal Avidan | 12.08.2014

    Menschen besuchen das Grab des Lubawitscher Rabbis Menachem Mendel Schneerson auf dem Montefiore Friedhof, New York,USA.
    Das Grab des Lubawitscher Rabbis: Menachem Mendel Schneerson gilt als einer der berühmtesten Rabbis weltweit. (dpa / picture-alliance / Andrew Gombert)
    "Der Auslöser für mein Buch war die Erkenntnis, dass mit der Zeit der Einfluss des Rebbe Schneerson immer mehr gewachsen ist. Wir haben es also hier mit einer internationalen historischen Figur zu tun. Er hat sehr viele Menschen beeinflusst und er ist der renommierteste Rabbiner seit Maimonides vor 800 Jahren. Daher dachte ich, dass es sehr lohnenswert sein würde, sich einmal mit seinem Leben zu beschäftigen."
    Diese Recherche hat dann fünf Jahre gedauert. Joseph Telushkin hatte nicht die Absicht eine detaillierte Biographie zu schreiben. Er schildert nur kurz Menachem Mendels Kindheit und Jugend auf dem Hof des Vaters, des sechsten Lubawitscher Rebbe, Levi Yitzhak Schneerson, in der Sowjetunion. Und er beschreibt knapp dessen Aufenthalt in Berlin, wo er an der Universität Philosophie, Mathematik und Physik studierte und die Zeit in Paris, wo er mit dem akademischen Titel eines Maschinenbau- und Elektroingenieurs abschloss. Nachdem Menachem Mendel Schneerson dann 1951 als Nachfolger seines Vaters zum siebten Lubawitscher Rebbe gewählt worden war, öffnete er die kleine Chabad-Bewegung für weite Kreise im Judentum. Seine Ideen wurden von sogenannten Gesandten der Mitzwot-Kampagne weltweit verbreitet.
    Menschliches Vorbild, Kritik an Haltung zu Israel
    "Der Charakter des Rabbis und seine Persönlichkeit waren vorbildlich. Unter anderem war es die bedingungslose Liebe des Rabbis und sein Optimismus, die bei den Menschen ankamen. Aber auch seine Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, deren Meinung er nicht teilte. Diese Eigenschaften zogen sehr viele Menschen an. Die Mitzwot-Kampagne war erfolgreich und das nicht nur in orthodoxen jüdischen Gemeinden."
    Ein Kritikpunkt am Lubawitscher Rebbe war allerdings seine Haltung zu Israel. Einerseits mischte er sich in die israelische Politik zugunsten von rechtsnationalen Politikern ein, weil er territoriale Kompromisse für den Frieden kategorisch ablehnte. Anderseits pflegte er aber auch Beziehungen mit zionistischen Institutionen. Schließlich rief er zur Besiedlung des Westjordanlandes auf. Jede Siedlung sollte eine Thora-Schule haben. Er selbst weigerte sich aber sein Leben lang, Israel zu besuchen. Joseph Telushkin:
    "Ariel Sharon sagte ihm zum Beispiel einmal, dass in der israelischen Armee der Befehlshaber immer vorne marschiere, und wenn der Rebbe sich nun entschließen könnte, nach Israel zu kommen, würden Zehntausende seiner Anhänger ihm folgen. Darauf antwortete der Rebbe, dass er nicht mit einem militärischen Befehlshaber zu vergleichen sei. Schon eher passe für ihn der Vergleich mit einem Kapitän, der immer als letzter sein Schiff verlasse. Ebenso wollte auch er seine jüdische Gemeinde in den USA nicht verlassen. Er dachte damals wohl, dass sein Einfluss von der Diaspora aus größer sei. Denn als er als Rebbe die Chabad-Bewegung Anfang der 50er Jahre übernahm, war die jüdische Gemeinde in den USA achtmal größer als die in Israel."
    Manche Anhänger hielten ihn für den Messias
    Ab Ende der 1970er begann der Rebbe vor allem durch das Studium der Thora das Kommen des Messias beschleunigen zu wollen. Doch allmählich verbreitete sich unter seinen Anhängern die Gewissheit, dass der Rebbe selbst der Messias sei und sich bald als solcher zu erkennen geben würde. Auf Postern, Fahnen und T-Shirts wurde sein Konterfei mit der Aufschrift "König Messias" gedruckt.
    "Das traditionelle jüdische Verständnis des Messias hatte der mittelalterliche Gelehrte Maimonides ausführlich beschrieben. Das heißt: Er soll der ganzen Welt den Frieden bringen. Das ist bis heute noch nicht geschehen. Der Messias soll alle Juden nach Israel bringen – auch davon ist man noch weit entfernt; und der Messias soll die Juden dazu bringen, orthodoxer zu leben. Auch das tun sehr viele nicht. Mit anderen Worten: Es ist klar, dass der Messias nicht gekommen ist".
    Hat der Lubawitscher Rebbe sich selbst denn vielleicht als den Messias betrachtet?
    "Nein, ich bin absolut sicher, dass er sich nicht als Messias gesehen hat. Als 1965 ein Rabbiner in Israel Flugblätter verteilte, in denen er den Rebbe Menachem Mendel Schneerson als den Messias bezeichnete, war der Rebbe schockiert und schickt diesem Rabbiner ein Telegramm nach Israel, in dem er ihn aufforderte, damit sofort aufzuhören. Und als 1992 dann auch Rabbiner Josef Greenberg einen Brief an den Rebbe schickte, indem er ihn als Messias anredete. Sagte der Rebbe, da dieses Schreiben an den Messias gerichtet ist, werde ich es dem Messias übergeben, wenn er kommt."
    Joseph Telushkin; "The Life and Teachings of Menachem M. Schneerson, the Most Influential Rabbi in Modern History",
    HarperWave/HarperCollins Publishers, $29.99