Mittwoch, 25.11.2020
 
Seit 21:00 Uhr Nachrichten
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDer verhätschelte Märchenkönig25.11.2013

Ludwig II.Der verhätschelte Märchenkönig

In der neuesten Biografie über Ludwig II. räumt der Historiker Oliver Hilmes mit einigen Legenden und bayerischen Klischees auf, so sehr, dass der CSU-Politiker Peter Gauweiler in der FAZ behauptete, Hilmes stelle die Lebensleistung Ludwigs auf den Kopf.

Von Tom Goeller

Ein Porträt des bayerischen Königs Ludwig II. (AP)
Die Biografie zeigt neue Seiten des berühmten bayerischen Königs. (AP)
Literaturhinweis:

Oliver Hilmes: "Ludwig II. Der unzeitgemäße König", Siedler Verlag, 447 Seiten, Preis: 24,99 Euro, ISBN: 978-3-886-80898-4

"Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen", schrieb König Ludwig II. von Bayern seiner einstigen Kindererzieherin. Das Rätselhafte ist es denn auch, das bis heute viele Menschen an dem Monarchen interessiert. Obwohl es zahlreiche Lebensbeschreibungen dieses berühmten bayerischen Königs gibt, hat sich der Historiker Oliver Hilmes mehr als 120 Jahre nach dessen Tod erneut auf Spurensuche begeben. In seiner neuen Biografie führt er den Leser in acht zeitlich angeordneten Kapiteln durch das Leben Ludwigs von der Wiege bis zum mysteriösen 13. Juni 1886, als sich der als geisteskrank entmachtete König mit seinem Arzt Professor Gudden auf einen Abendspaziergang am Starnberger See begab. Da beide zum Abendessen nicht zurückkehrten, begann eine hektische Suche. Eine Stunde vor Mitternacht wurden zwei Leichen im See geborgen: Sowohl Professor Gudden als auch König Ludwig waren tot. Seither kommt die Verschwörungswelt nicht zur Ruhe. Oliver Hilmes meint in seinem Buch über Ludwig: "Die Erfolgsgeschichte begann, als er ertrank" und erklärt:Das ist sicherlich die Geburtsstunde des Mythos, auf dem im Grunde bis zum heutigen Tag ja auch eine ganze Industrie basiert. (...) Zum Mythos machten ihn natürlich auch frühe Biografen, die also alles Mögliche in sein Leben, in seinen Tod hinein geheimst haben."

Hatten die Wittelsbacher etwas zu verbergen?

Genau dies will Oliver Hilmes indes nicht. Sein Quellenstudium führte ihn vielmehr zum sogenannten Geheimen Hausarchiv der Fürsten von Wittelsbach, die es bis heute gibt und die über die Dokumente ihres sagenhaften Verwandten wachen wie Alberich in Wagners Oper über den Schatz der Nibelungen. Oliver Hilmes:

"Ich schließe eine Lücke, weil ich der erste Biograf war, der in dieses ominöse geheime Hausarchiv durfte und dort eben für seine Biografie arbeiten durfte. Dort haben vor mir auch schon andere Historiker gearbeitet, aber diese Historiker haben dann Fachartikel in Fachzeitschriften geschrieben, die sehr wichtig sind, aber ich war nun der erste Biograf, der da nach langem Hin und Her reindurfte. Und ich habe eben mit den Originalquellen arbeiten dürfen. (...) Und das ist die Lücke, die ich schließe."

Bei solch' einer Geheimniskrämerei fragt man sich: Hatten die Wittelsbacher etwas zu verbergen? Und warum gelang es nun ausgerechnet dem Rheinländer Hilmes, hinter die Kulissen zu blicken?

"Die Hauspolitik hat sich geändert. Lange Zeit hat man wirklich geglaubt, dass die Aufgabe eines geheimen Hausarchivs, darin besteht, es möglichst alles geheim zu halten. Dafür gab es auch gute Gründe, weil, das Haus Wittelsbach (...) wollte sich vor den eigenen Anhängern schützen. (...) Denn wir dürfen nicht vergessen, es gibt unglaublich viele, ich sag's ganz krass, Spinner, unglaublich viele Ludwig-Verehrer, Ludwig-Verzückte, irgendwelche Leute, die eben Schwärmer sind, die Verschwörungstheoretiker sind, und diesen Leuten wollte man den Zugang zum Geheimarchiv verwehren, um den Missbrauch der Quellen zu verhindern. Das leuchtet mir ein. Aber die Kehrseite der Medaille ist (...), dass überhaupt keiner reingekommen ist."

Kein einziges Dokument deutet auf eine Ermordung hin

Aber auch in Wien forschte Hilmes, unter anderem nach der Legende, dass die österreichische Kaiserin Elisabeth - die berühmte Sissi - am Todestag Ludwigs am gegenüberliegenden Ufer des Starnberger Sees gewartet habe, weil sie ihrem Lieblingscousin zur Flucht verhelfen wollte. Für diese Annahme hat der Historiker keinerlei Beweise gefunden. Und im historischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin ging Hilmes zum Beispiel der in Bayern weit verbreiteten Ansicht nach, Reichskanzler Bismarck habe die Ermordung des Königs beauftragt. Dazu der Historiker:

"Ich habe bei meinen Recherchen in den vielen Archiven kein einziges Dokument gefunden, keinen einzigen Hinweis gefunden, der auf einen Mord deuten würde (...). Und vor allen Dingen habe ich ganz viele Quellen gefunden, die in München und in Berlin am Tag des Todes Ludwigs II. auf komplettes Entsetzen schließen lassen. Das heißt, Bismarck, (...) den die Verschwörungstheoretiker häufig als Anstifter eines Mordes sehen, war komplett zerstört, im Grunde und verstört."

Bismarcks Einwirken auf Ludwig II. wird in der Biografie nachvollziehbar belegt und leidenschaftslos geschildert: Der Reichkanzler wollte erreichen, dass der preußische König Wilhelm I. die Kaiserwürde für das neu gegründete Deutschen Reich annahm. Und drängte deshalb Ludwig dazu, im Namen der deutschen Fürsten den preußischen König darum zu bitten. Andere Absichten gab es offenbar nicht. Hier und an anderen Stellen offenbart Hilmes ein sicheres Urteil in historisch-politischen Fragestellungen. Überzeugt die Biografie vor allem mit der Veröffentlichung und Auswertung neuer Quellen, kann als weitere Stärke des Autors sein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen in die später auftretende schwermütige Mentalität Ludwigs II. hervorgehoben werden. Denn bereits als Kleinkind habe Ludwig nach den Worten des Autors "Unordnung und frühes Leid" erlebt, angefangen beim plötzlichen Tod seiner Amme, einer Hirnhautentzündung und Durchfall, die größte Lebensgefahr auslösten. Wie durch ein Wunder überlebte der kleine Prinz.

Das habe dazu geführt, dass Ludwig durch seine Erzieherin "verhätschelt" worden sei. Sie habe ihm zudem Hochmut anerzogen, so die von Hilmes zitierten Kritiker. Und sie habe ihm einsame, lange Unterrichtsstunden beschert. Im Unterschied etwa zu den preußischen Prinzen besuchte Ludwig keine öffentliche Schule und durfte nur sonntags Kontakt zu anderen Kindern haben. Indem Hilmes diese Kindheitstraumata einfühlsam herausarbeitet, werden die spätere Einsamkeitssehnsucht des Monarchen und manche seiner Verschrobenheiten nachvollziehbarer als bisher. Hilmes versteht es in einer Mischung aus Verständnis für die emotionale Seite des Königs und der Deutung neuer Quellen ein stimmiges Gesamtbild Ludwigs II. zu erstellen, das allen bayerischen Starkbier-Klischees standhält.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk