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StartseiteKalenderblattLückenbüßer statt Idealbesetzung01.07.2009

Lückenbüßer statt Idealbesetzung

Vor 50 Jahren wurde Heinrich Lübke zum Bundespräsidenten gewählt

Der erste Präsident der Bundesrepublik, Theodor Heuss, war ein Glücksfall für die junge westdeutsche Demokratie. Doch sein Nachfolger blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Heinrich Lübke war ein Verlegenheitskandidat, der in letzter Minute von seiner Partei nominiert wurde. Am 1. Juli 1959 wurde er zum Bundespräsidenten gewählt.

Von Peter Hölzle

Heinrich Lübke in seinem Büro (AP)
Heinrich Lübke in seinem Büro (AP)

"Ich komme vom kleinen Dorf im Sauerlande, von kleinen Leuten, und man hat mir an der Wiege nicht gesungen, dass ich Kandidat für den Posten des Bundespräsidenten sein sollte. Ich habe sehr frühzeitig für die Fragen der Agrarpolitik großes Interesse gehabt und habe mich schon im Studium an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin, in Bonn, an der Universität Berlin und Münster damit beschäftigt."

Mit diesen schlichten Worten stellte sich der Christdemokrat Heinrich Lübke, seit 1953 Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der Bundesversammlung zur Präsidentenwahl. Der Schustersohn aus Enkhausen im Sauerland war nur zweite Wahl. Ursprünglich sollten für die CDU politische Schwergewichte ins Rennen gehen. Bundeskanzler Konrad Adenauer dachte zunächst an seinen populären Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, immerhin einer der Väter des Wirtschaftswunders, und als der ablehnte, an sich selbst.

Die Machteinbuße, die der Ämterwechsel für den Regierungschef bedeutet hätte, ließ ihn dann aber einen überraschenden Rückzieher machen. Des Kanzlers Gesinnungswandel stürzte die CDU in arge Verlegenheit und ramponierte das von Theodor Heuss vorbildlich geführte Präsidentenamt. Wie sollte sich jetzt noch ein würdiger Nachfolger für Heuss finden lassen, nachdem der Kanzler selbst das höchste Amt im Staat zum Spielball seiner Laune gemacht hatte? Buchstäblich in letzter Minute fand die CDU einen Kandidaten.

"Für den Kandidaten Doktor honoris causa Lübke wurden abgegeben 526 Stimmen (Beifall). Für Herrn Professor Doktor Carlo Schmid wurden abgegeben 386 Stimmen. Für Herrn Doktor Becker wurden abgegeben 99 Stimmen. Enthalten haben sich 22 Stimmen. ... Herr Doktor Heinrich Lübke ist somit zum Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. "

Das von Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier verkündete Wahlergebnis wurde am Wahltag, dem 1. Juli 1959, von der Bundesversammlung am Wahlort, der Ostpreußen-Halle in Westberlin, mit maßvollem, aber nicht überschwänglichem Beifall quittiert. Vielen der Wahlmänner und Wahlfrauen auch aus dem Lager von CDU und CSU war bewusst, dass der Gewählte, gemessen an seinem Vorgänger Theodor Heuss oder seinem Mitkonkurrenten, dem Sozialdemokraten Carlo Schmid, alles andere als eine Idealbesetzung war, sondern eher ein Lückenbüßer.

Aber sie mussten froh sein, überhaupt einen gefunden zu haben, der die Suppe auslöffelte, die ihnen der Kanzler eingebrockt hatte. Auch Adenauer selbst war nicht glücklich über Lübkes Kandidatur, schließlich hegte er noch aus der Gründerzeit der nordrhein-westfälischen CDU gleich nach dem Krieg eine herzliche Abneigung gegenüber dem einstmals als "roter Lübke" apostrophierten Parteifreund, hütete sich aber wohlweislich, davon etwas verlauten zu lassen. Und Lübke selbst folgte dem Ruf der Partei keineswegs aus Begeisterung, sondern aus Pflichtgefühl. Hier seine an die Bundesversammlung gerichteten Dankesworte nach der Annahme der Wahl.

"Ich danke für das mir erwiesene Vertrauen aufrichtig, hoffe aber zuversichtlich, dass auch diejenigen, die glaubten, mir heute ihre Stimme nicht geben zu können, auf die Dauer doch auch meiner Arbeit die Zustimmung nicht versagen werden. Unser verehrter Bundespräsident, Professor Dr. Heuss, hat sich durch seine vorbildliche Amtsführung und durch seine von allen anerkannte Objektivität für sich und sein Amt im In- und Auslande großes Ansehen erworben. Auf den von ihm gebauten Grundlagen werde ich im Vertrauen auf Gottes Hilfe und im Vertrauen auf die Mitarbeit aller lebendigen Kräfte in unserem Volke weiterarbeiten."

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