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Luftfahrt in ChinaInnovation, Wachstum und Verspätungs-Wahnsinn

China wird bald der größte Luftfahrtmarkt der Welt sein: Allein Airbus hat in den vergangenen Jahren 1.500 Maschinen dort verkauft. Gerade hat das erste selbst entwickelte Großflugzeug den Jungfernflug absolviert. Bei aller Euphorie – es ist ein Markt mit Wachstumsschmerzen und Besonderheiten.

Von Stefan Wurzel | 30.10.2017

Crew-Mitglieder winken in Schanghai nach dem Jungfernflug der C919, dem ersten vom chinesischen Unternehmen COMAC entwickelten Großflugzeug am 25. Mai 2017. Gestartet war die Maschine in Pudong
Nach dem Jungfernflug der C919 winken Crew-Mitglieder: "Wichtiger sind die technischen Erfahrungen." (imago stock&people)
Anfang Mai dieses Jahres am Flughafen Pudong in Shanghai. Eine weiß-blau-grün lackierte Maschine steigt in den Himmel. Es ist der Jungfernflug der C919, dem ganzen Stolz der chinesischen Flugzeugindustrie. Die zweistrahlige Maschine wurde vom staatlichen Comac-Konzern entwickelt und gebaut.
Zhang Wuan von der privaten chinesischen Fluglinie Spring Airlines unterstreicht die Bedeutung der Anstrengung:
"Natürlich ist es wichtig für China, eigene Flugzeuge zu entwickeln. Es kann ja nicht angehen, dass im chinesischen Luftraum nur ausländische Fabrikate wie Airbus und Boeing unterwegs sind. Wir brauchen eigene Maschinen. Aber der Weg dorthin ist ein langer.
Wissensaufbau mit dem ersten Modell
In wenigen Jahren soll die C919 in Serie gehen und der Boeing 737 und der Airbus-Baureihe A320 Konkurrenz machen. Viel wichtiger aber sind die technischen Erfahrungen, die die chinesischen Flugzeug-Ingenieure beim Bau der neuen Maschine sammeln, sagen Experten wie Jeffrey Lowe von der Luftfahrt-Beratungsfirma "Asian Sky Group" in Hongkong.
"Vor der C919 müssen Airbus und Boeing noch keine Angst haben. Aber vor dem Modell, was danach kommen wird! Dann werden sie ihre Lektionen nämlich gelernt haben. Alle gehen davon aus, dass das nächste chinesische Flugzeugmodell den Durchbruch bringen wird für die heimischen Hersteller."
Bisher teilen sich Airbus und Boeing den chinesischen Flugzeug-Markt unter sich auf. Der europäische Flugzeugkonzern steht etwas besser da als die Amerikaner: Denn Airbus betreibt im nordchinesischen Tianjin ein Auslieferungszentrum für Maschinen vom Typ A320 und A330. Der Regierung in Peking, die letztlich über alle Flugzeugkäufe der chinesischen Gesellschaften entscheidet, gefällt das natürlich. Auch Boeing plant seit längerem ein Auslieferungszentrum im Land. Seit aber Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, hat Boeing die Pläne gestoppt. Ein vermeintliches Verlagern von Arbeitsplätzen aus den USA nach China gilt als nicht mehr politisch korrekt.
Chinas Airports sind verspätungsanfällig
Auf den Flughäfen hört man eine Ansage oft: Diejenige, die Verspätungen ankündigt: Die Maschine, die aus der südwestchinesischen Provinz Yunnan nach Shanghai fliegen sollte, ist verspätet. Um wieviel sich der Flug genau verzögern wird, ist noch nicht klar. Aber alle Passagiere, die am Abfluggate warten, wissen, dass es locker drei, vier oder fünf Stunden werden können. Inlandsflüge in China gleichen in Sachen Pünktlichkeit einem Glücksspiel. Jeff Lowe sagt:
"Meine Erfahrung ist: Flügen starten nie pünktlich"
Wenn man einen wichtigen Termin habe, müsse man das von vornherein mit einplanen, rät der Luftfahrt-Analyst.
"Es ist wirklich wichtig: Du musst das einfach einberechnen, weil Du es einfach nicht sicher weißt."
Effizienzbremse Militär
Von den zehn am schlimmsten von Verspätungen betroffenen Flughäfen weltweit liegen acht in China, sagen Studien. So starten zum Beispiel am Flughafen Hangzhou statistisch gesehen sechs von zehn Maschinen verspätet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen arbeiten Flughäfen und Airlines an den Grenzen ihrer Kapazitäten. Die Flugpläne sind deswegen besonders eng getaktet. Bleibt irgendwo eine Maschine wegen technischer Probleme am Boden oder spielt das Wetter nicht mit, kommt es zu einer Kettenreaktion von Verspätungen. Dazu kommt ein china-spezifisches Problem, wie Jeff Lowe erklärt.
"In China kontrolliert nach wie vor das Militär den Luftraum. Man kann also nicht einfach von einem Punkt zu einem anderen fliegen. Zwischen den großen Städten gibt es fest vorgegebene Flugrouten. Die müssen eingehalten werden. Wenn man sich eine andere Route genehmigen lassen möchte, erfordert das viel Bürokratie."
Diese starren, vom Militär vorgegeben Flugrouten führen dazu, dass bestimmte Teile des chinesischen Luftraums regelmäßig verstopft sind. Andere Abschnitte wiederum sind fast leer. Auch dieses Missverhältnis führt zu Verspätungen.
Aber trotz aller Probleme: Chinas Luftfahrtmarkt wächst weiter überdurchschnittlich und wird die USA in spätestens vier bis fünf Jahren überholt und abgehängt haben.