Mittwoch, 01. Februar 2023

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Machtkampf bei VW
"Winterkorn ist nicht mehr zu halten"

Nach den kritischen Äußerungen des VW-Patriarchen Ferdinand Piëch seien die Tage von Konzernchef Martin Winterkorn gezählt, glaubt der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöfer. Öffentliche Demontage sei der "typische Stil" Piëchs, sagte der Wirtschaftswissenschaftler im DLF. Volkswagen könnte von einem raschen Wechsel an der Konzernspitze profitieren.

Ferdinand Dudenhöffer im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann | 13.04.2015

    Dirk-Oliver Heckmann: Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Aufsichtsratsvorsitzende eines Weltkonzerns versucht, seinen Vorstandsvorsitzenden zu demontieren, vor allem nicht bei einem so führenden Unternehmen wie dem Volkswagen-Konzern. Doch der oberste Aufseher bei VW, Ferdinand Piëch, hat sich diesen Luxus jetzt geleistet. Er sei auf Distanz zu Top-Manager Winterkorn, ließ er mitteilen. Doch es könnte gut sein, dass der Schuss nach hinten losgeht. Darüber spreche ich jetzt mit Professor Ferdinand Dudenhöffer. Er ist Experte für Automobil-Wirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Guten Tag, Herr Dudenhöffer.
    Ferdinand Dudenhöffer: Schönen guten Tag, Herr Heckmann.
    Heckmann: Winterkorn gilt ja als sehr erfolgreicher Manager bei VW. Weshalb versucht Piëch aus Ihrer Sicht, Winterkorn abzuschießen?
    Dudenhöffer: Auf der einen Seite ist es so: Der VW-Konzern ist erfolgreich. Zu diesem Erfolg trägt bei Porsche, trägt bei Audi, trägt bei Skoda und trägt bei das China-Geschäft. Wenn man jetzt das Herz des VW-Konzerns betrachtet, also die Marke VW, dann sieht man, dass diese Marke sehr schwach ist. Dort hat man im letzten Jahr 500 Euro pro verkauftem Auto verdient, bei Skoda waren es tausend. Bei Toyota waren es fast 17000 Euro. Das zeigt die Situation. Winterkorn hat es nicht geschafft, den VW-Konzern beziehungsweise das Herz des VW-Konzerns zu stabilisieren, ökonomisch tragfähig zu machen in Amerika. Das Amerika-Geschäft ist eine reine Katastrophe. Dort hat man mehr als eine Milliarde investiert in ein neues Werk, in ein neues Produkt, das nur für Amerika gebaut wird, und der Erfolg ist verlierende Marktanteile, reduzierende Marktanteile in einem der wichtigsten Wachstumsmärkte der Welt, und das seit über vier, fünf Jahren. Winterkorn wollte die Marge, den Gewinn verbessern bei VW. Er hat ein Sanierungsprogramm versucht aufzulegen. Acht Tage später ist der Betriebsratsvorsitzende mit eigenen Vorschlägen gekommen. Dieses Sanierungsprogramm, das ist heute nicht wiederzuerkennen. Das hat sich verflüchtigt. Winterkorn, der genießt den Erfolg dadurch, dass die Töchter gut sind, aber sein Kerngeschäft, das ist problematisch, und deshalb hat Piëch diesen Schritt getan.
    Heckmann: Das heißt, Ferdinand Piëch hat auch aus Ihrer Sicht gute Gründe, am Stuhl Winterkorns zu sägen?
    Dudenhöffer: Winterkorn ist nicht der Manager, der strategisch Dinge so umsetzen kann, dass sie erfolgreich sind. Er hat kein Konzept für USA, er hat kein Konzept, um die Rendite zu verbessern. Volkswagen agiert mit vielen Rabatten im Markt. Deshalb, glaube ich, braucht man für VW für die Zukunft jemand, der stärker die Zukunft gestalten kann, und das kann nach meiner Einschätzung Winterkorn nicht.
    "Damit erspart sich Piëch viel interne Diskussion"
    Heckmann: Aber ist es dann die richtige Form, quasi über ein Zeitungsinterview das Ende eines Top-Managers so zu verkünden?
    Dudenhöffer: Das ist der typische Stil, wie es Piëch macht. Sein System besteht darin, dass man jemand öffentlich demontiert, und dann ist der nicht mehr haltbar und damit erspart er sich viel interne Diskussion, die oft dann nicht oder wenig zielführend ist. Winterkorn ist mit diesem Interview von Piëch demontiert und deshalb nicht mehr zu halten, und manchmal geht so ein Prozess schneller vonstatten als die internen Abstimmungen, und deshalb können sie unter Umständen für einen Konzern möglicherweise sogar besser sein als eine langfristige unausgewogene und verzerrte Diskussion hin und her.
    Heckmann: Das heißt, Sie gehen davon aus, dass die Tage von Winterkorn beim VW-Konzern gezählt sind, obwohl sich am Wochenende ja alle möglichen Seiten auf seine Seite gestellt haben, die Gewerkschaften, das Land Niedersachsen, auch die Familie Porsche.
    Dudenhöffer: Winterkorn wird auf jeden Fall nicht in den Aufsichtsrat einziehen. Er wird erst recht nicht Aufsichtsratsvorsitzender werden. Wie lang er VW-Vorstandsvorsitzender ist, das entscheidet er selbst, wie lang er sich demontieren lassen will. Wissen Sie, diese Solidaritätsbekundungen von Wolfgang Porsche, die sollte man nicht so ernst nehmen. Wolfgang Porsche ist eine schwache Persönlichkeit. Er hat beim Übernahmekampf von Porsche zu VW kläglich versagt. Politiker-Einschätzungen, die können sich ändern wie das Wetter. Da ist mal Sonne, da ist mal Regen. Und der Betriebsrat, der hat ja selbst, Herr Osterloh, Winterkorn ein Riesen-Osterei ins Nest gelegt, als er vor einem halben Jahr mit einem eigenen Sanierungsprogramm gekommen ist und damit Winterkorn bloßgestellt hat. Diese Solidaritätsbekundungen, die werden nicht lange halten. Ich bin davon überzeugt, dass Piëch die Mitglieder der Familie überzeugt, dass es jemand braucht, der die ökonomische Stabilität vom VW-Konzern sichert, und es scheint, nicht Winterkorn zu sein.
    Heckmann: Ganz kurz noch. Könnte die ganze Sache auch für Piëch möglicherweise schlecht ausgehen?
    Dudenhöffer: Möglich ist das, denn Piëch ist älter und man spricht davon, dass er gesundheitlich angekratzt ist. Wir werden sehen, wie sich das dann entwickelt.
    Heckmann: Über den Machtkampf bei Volkswagen haben wir gesprochen mit Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Herr Dudenhöffer, danke Ihnen für Ihre Zeit.
    Dudenhöffer: Ich bedanke mich.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.