MachtstrukturenWhistleblowing und Zeitverträge in der Forschung

Ein Whistleblower wirft dem Hirnforscher Niels Birbaumer wissenschaftliches Fehlverhalten vor. Der Verdacht bestätigt sich, doch der Zeitvertrag des Hinweisgebers läuft aus und er muss die Universität verlassen. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf fragwürdige Machtstrukturen im Forschungsbetrieb.

Von Christine Westerhaus | 12.07.2021

Der Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer sitzt nach einem Vortrag zum Thema Hirnforschung in einem Saal der Uiversität Tübingen.
Hirnforscher Niels Birbaumer (picture alliance/dpa | Christoph Schmidt)
Martin Spüler arbeitete als Informatiker an der Uni Tübingen und leitete eine eigene Forschungsgruppe. Mit den Arbeiten seines Kollegen Niels Birbaumer war er bestens vertraut. Birbaumer hatte mit der Veröffentlichung einer Studie Schlagzeilen gemacht.
Uni Tübingen bestätigt Verdacht gegen Hirnforscher
Beitrag aus dem Jahr 2019: Das Urteil einer Untersuchungskommission der Universität Tübingen kratzt am Image des renommierten Hirnforschers Niels Birbaumer. Bei einer viel beachteten Studie mit Locked-In-Patienten hat er offenbar Daten frisiert.
Er habe eine Methode entwickelt, mit der man mit so genannten "Locked-in"-Patienten kommunizieren könne, also mit Menschen, die vollständig gelähmt sind. Martin Spüler entdeckt 2018 gravierende Fehler in dieser Publikation und macht seinen Kollegen darauf aufmerksam.

Whistleblower unter Druck

Der Informatiker erzählt, wie er dann zunächst von Birbaumer und später auch von einem Vorgesetzten unter Druck gesetzt wird. "Und der hat mir dann relativ klar gesagt, dass, wenn ich die Sache weiterverfolge, wird das sehr negative Konsequenzen für meine Karriere haben, und ich werde in der Wissenschaft keinen Fuß mehr fassen, wenn ich das weiter mache."

Verdacht bestätigt sich

Niels Birbaumer hat sich zu Spülers Vorwürfen auf schriftliche Nachfrage nicht geäußert. Der Whistleblower ließ sich damals nicht einschüchtern. Er schaltet die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG ein - und später auch die Medien. Und der Verdacht wird bestätigt: Die DFG weist in Birbaumers Publikation wissenschaftliches Fehlverhalten in mehreren Fällen nach und schließt ihn für fünf Jahre von der Forschungsförderung sowie seiner Gutachtertätigkeit bei der DFG aus.
Auch eine Kommission der Uni Tübingen wirft dem Hirnforscher wissenschaftliches Fehlverhalten vor. Niels Birbaumer behält seine Senior-Professur, bis sie turnusgemäß ausläuft. Er ist weiterhin Emeritusprofessor an der Uni Tübingen. Martin Spüler hingegen muss gehen. Sein Zeitvertrag wird nicht verlängert.
"Mit der Vorgeschichte war mir klar, warum das nicht verlängert wurde. Aber eine offizielle Begründung kam nie. Als kleine Person kann man wenig machen, man steckt in diesen Abhängigkeiten drin, das fängt ja schon quasi an mit der Doktorarbeit, dass man da von seinem Doktorvater abhängig ist und ist halt Teil des Systems."

Zeitverträge verhindern Whistleblowing

Zeitlich begrenzte Anstellungen sind in der Wissenschaft gang und gäbe. Und das 2007 beschlossene Wissenschaftszeitvertragsgesetz erlaubt es staatlichen Hochschulen oder Forschungseinrichtungen, WissenschaftlerInnen bis zu 12 Jahre befristet anzustellen. Momentan wird diese Regelung auf Twitter vehement kritisiert und sie wurde auch schon im Bundestag diskutiert. Für Jana Lasser ist es eine Praxis, die Seilschaften begünstigt und verhindert, dass Forschende auf Missstände aufmerksam machen. Lasser ist Postdoc an der Technischen Universität Graz und sitzt im Beirat von N², Deutschlands größter Promovierendenvertretung.
"Das ist einer der großen Punkte, die dieses Auftreten von Machtmissbrauch begünstigen. Dass man, wenn man so prekär angestellt ist und sich von Vertrag zu Vertrag hangelt, immer auf jemanden angewiesen ist, der die Verlängerung dann unterschreibt. Und das ist üblicherweise der Vorgesetzte. Und dann hat man natürlich relativ wenig Anreiz, dieser Person irgendwie zu widersprechen oder Fehlverhalten aufzuzeigen, weil der eigene Job daran hängt."

Machtgefüge mit Konsequenzen

Niels Birbaumer ist inzwischen juristisch gegen die Entscheidung der DFG vorgegangen, ihn von der Forschungsförderung sowie Gutachtertätigkeit auszuschließen. Auf einer Internetseite hat er die Namen von Unterstützern gesammelt und bittet um finanzielle Beihilfen für seinen laufenden Prozess. Viele der genannten Forschenden sind Weggefährten und ehemalige Doktoranden Birbaumers. Andere Forschende hatten Birbaumers Ergebnisse schon vor Veröffentlichung angezweifelt. Öffentlich äußern möchte sich jedoch niemand - aus Angst vor Repressalien. Für Informatiker Martin Spüler ein Machtgefüge mit besonders harten Konsequenzen: Nachdem sein Vertrag nicht verlängert wurde, hat er sich einen Job in der Industrie gesucht. Verbittert ist er deshalb jedoch nicht. Denn letztendlich waren es seine Erwartungen an die Forschung, die enttäuscht wurden.
"Ich hatte einfach auch gemerkt, dass meine Vorstellungen von dem Wissenschaftssystem und wie Wissenschaft laufen sollte, dass die Realität damit eigentlich sehr wenig zu tun hat. Und ich glaube, das war das, was mir am meisten zugesetzt hat. "Weltbild zusammenbrechen" ist vielleicht zu viel gesagt aber im Kleinen, dass das Bild von der Wissenschaft, das mal so hat, einfach zusammenbricht und man merkt: Das funktioniert absolut nicht so, wie es funktionieren sollte."
Konkret Stellung bezogen in dem Fall hat inzwischen die Deutsche Gesellschaft für Psychologie. Sie hat Niels Birbaumer die Ehrenmitgliedschaft entzogen. Genauso wie die Deutsche Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung.