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Macky muss liefern

Der neue Präsident des Senegal heißt Macky Sall. Zu Beginn dieser Woche ist er vereidigt worden. Mit 65 Prozent der Stimmen hatte er zuvor einen überwältigenden Sieg gegen den früheren Staatschef Wade erzielen können. Jetzt könnten die Erwartungen der Senegalesen an ihn nicht größer sein.

Von Alexander Göbel | 07.04.2012

    Am Montag wurde Senegals neuer Präsident Macky Sall vereidigt. Der Oppositionelle, der früher einmal Premierminister war, hatte Ende März mit fast 65 Prozent der Stimmen einen überwältigenden Sieg gegen Amtsinhaber Abdoulaye Wade eingefahren – seinen früheren politischen Ziehvater. Die Erwartungen, die die Bevölkerung an Macky Sall knüpft, sind riesig. Und die Herausforderungen ebenso. "Alles ist dringend im Senegal", sagt der neue Staatschef selbst.

    Second Hand-Kinderspielzeug, Geschirr aus China, Altkleider aus Europa. Kaum etwas, was sich hier nicht finden lässt, auf dem Markt von Gueule Tapée in Senegals Hauptstadt Dakar.

    Ende März hatten hier die Anhänger von Macky Sall gefeiert. Nach seinem haushohen Sieg über den Amtsinhaber Abdoulaye Wade. Den 85Jährigen, der sich lange an die Macht geklammert und damit das Volk immer mehr gegen sich aufgebracht hatte. Über Wochen hinweg hatten sich hier Gegner von Präsident Wade Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Jetzt bieten die Marktfrauen wieder ihre Waren an. Wer fragt, was sie von ihrem neuen Präsidenten erwarten, bekommt immer wieder die gleiche Antwort:

    "Der Reis ist teuer, das Speiseöl ist teuer, alles ist teuer!"

    - "Wir haben genug von diesen hohen Preisen! Deswegen haben wir Macky Sall gewählt. Er muss dafür sorgen, dass wir nicht so viel Geld ausgeben müssen!"

    Alles sei dringend im Senegal, sagt der neue Präsident selbst. Noch immer plagt sich das Land mit Stromausfällen herum, jeder zweite Senegalese lebt unterhalb der Armutsgrenze. Viele Menschen finden keinen Job, nach Angaben der Vereinten Nationen liegt die Arbeitslosigkeit bei 50 Prozent. Vor allem die jungen Senegalesen müssen sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, viele haben keinen Schulabschluss und leben von den Überweisungen ihrer Angehörigen in Europa. Auch ihnen verspricht Macky Sall: Alles wird besser. 500.000 neue Jobs will Macky Sall schaffen:

    "Ein anderer Senegal ist möglich. Ein Land, in dem wir den jungen Menschen Hoffnung geben können. Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Unser deutlicher Sieg bei dieser Wahl zeigt, wie immens die Erwartungen der Bevölkerung sind. Ab sofort beginnt eine neue Ära im Senegal!"

    Eine neue Ära – mit dem alten Bekannten Macky Sall. Seinem politischen Ziehvater Abdoulaye Wade verdankt der 50-jährige Geophysiker seine Blitzkarriere als Politiker. Unter Wade bringt Sall es vom Minister und Regierungschef bis zum Präsidenten der Nationalversammlung - bis zum Bruch mit seinem Mentor 2008. Sall hatte es gewagt, Abdoulaye Wades Sohn Karim zu einer Anhörung über die Verwendung öffentlicher Gelder vorzuladen. Für Wade senior, der seinen Sprössling als Nachfolger installieren wollte, nichts anderes als Majestätsbeleidigung. Sall blieb hart, verlor sein Amt und erwarb sich einen Ruf als Mann des republikanischen Widerstands. Der Abgeordnete Moussa Sy erinnert sich:

    "Macky ist das, was man einen politischen Kader nennt, einen Pragmatiker. Als Vorsitzender des Parlaments hat er damals die Visionen des Staatschefs vertreten bis zum Streit über Karim Wade. Da zeigte Macky sich plötzlich hartnäckig und stur, er wollte seinen Stuhl nicht räumen und ging erst, als die Verfassung geändert wurde."

    Sturheit, Beharrlichkeit: Damit will Macky Sall nun bei den Menschen punkten. Er präsentiert sich als nüchterner Technokrat, als Apparatschik, und gleichzeitig als Mann des Volkes, der genau weiß, wo er anpacken muss.

    Ob Justiz, Krankenversicherung, Landwirtschaft oder Industrie: Sall macht Kassensturz. Noch ist unklar, wie er seine Reformen finanzieren will. Er kann keine Wunder vollbringen. Doch nach zwölf Jahren autokratischer, selbstgefälliger Herrschaft von Abdoulaye Wade will er das Vertrauen der Menschen in die Politik wiederherstellen. Mehr Transparenz schaffen, die Staatsausgaben senken.

    Da gab es schon den ersten Dämpfer: Aus Kostengründen wollte Sall sein Kabinett eigentlich drastisch verkleinern, doch nun sind es doch 25 Minister. Sall muss sich eben erkenntlich zeigen bei vielen Oppositionskandidaten, die ihn in der Stichwahl unterstützt haben. Auch bei Youssou N'Dour, dem weltberühmtem Musiker, der mit seiner Kandidatur vor dem Verfassungsrat gescheitert war. Ihn hat Sall zum Minister für Kultur und Tourismus ernannt.

    Nun kommt die Stunde der Wahrheit. Nun müssen Sall und seine neue Mannschaft liefern. Mitte Juni stehen Parlamentswahlen an. Um seine Pläne zu verwirklichen, braucht Sall eine solide Mehrheit in der Nationalversammlung. Bis dahin werden die Senegalesen sehen, ob aus Macky Sall auch wirklich der "Macher" Sall geworden ist.