Sonntag, 26. Juni 2022

Archiv

Männerbewegung in katholischer Kirche
Auf der Suche nach der verlorenen Männlichkeit

Eine neue Männerbewegung breitet sich unter französischen Katholiken aus. Ihre These: In Gottesdiensten und in der Seelsorge würden vor allem weibliche Tugenden propagiert, Männlichkeit habe ein negatives Image. Und so gibt es immer mehr Angebote für katholische Männer, ihre Maskulinität zu entdecken.

Von Bettina Kaps | 24.01.2017

Schulpfarrer Philippe de Maistre befürwortet Geschlechtertrennung im Unterricht und Initiationsrituale für Jungen.
Philippe de Maistre befürwortet Geschlechtertrennung im Unterricht und Initiationsrituale für Jungen. (Bettina Kaps)
Dramatische Filmmusik, romantische Fotos: Ein Mann blickt über eine Berglandschaft voller Nebelschwaden. Dazu der Spruch: "Um zu begreifen, wer er ist, muss ein Mann eine Reise unternehmen, die ihn mit Abenteuern, Herausforderungen, Risiken konfrontiert." So wirbt die katholische Emmanuel-Gemeinschaft im Internet für ihre Männer-Camps.
Ganz ähnlich lockt auch der katholische Verein "Au Coeur des hommes", auf Deutsch "Im Herzen der Männer". "Gott will keine netten Jungs, er will Männer. Finde deine Männlichkeit wieder", steht über dem Foto eines Bischofs mit Mitra und grünem Messgewand, der die Eucharistiefeier auf einem Berggipfel zelebriert, hinter ihm ein betender junger Mann in Schlabberpulli und Jeans.
Rugby und Gebet
Clément Lescat, 40 Jahre alt und Familienvater, ist Mit-Begründer von "Au Coeur des Hommes". Er arbeitet im Pariser Geschäftsviertel La Défense, bei einer großen Versicherungsgruppe und opfert seine Mittagspause, um zu erklären, warum es ihm so wichtig ist, Männern beim Entdecken ihrer Männlichkeit zu helfen.
"Ein vollständiger Mann zu sein - das heißt für mich: Wir Männer müssen unsere Kraft und Energie akzeptieren, aus dem Vollen leben und uns in den Dienst eines Ideals stellen, das über den Einzelnen hinausweist. Dazu muss ein Mann erst einmal die Kraft wiederfinden, die in ihm steckt, die aber von der Gesellschaft und durch Erziehung erstickt worden ist. Erst dann kann er für ein Ziel kämpfen, sei es in Beruf, Ehe, Familie oder Gesellschaft. Ein Mann sein heißt also, sich für andere einzusetzen."
In seinen Männer-Camps werden Körper und Kopf gefordert. Mit Rugby, Fußball, Abseilen, Eisen schmieden und Lagerfeuer, aber auch Gebet und Konferenzen. All dies soll Männer "besser machen". Inspiriert habe ihn dabei vor allem der nordamerikanische Protestant John Eldredge, sagt Lescat, dessen Buch "Wild at Heart" für ihn eine Offenbarung war. Auf Deutsch ist der Bestseller unter dem Titel "Der ungezähmte Mann" erschienen. Clèment Lescat sagt:
"Man muss nicht Christ sein, um die Botschaft zu verstehen. Sie gilt prinzipiell für alle Männer. Unsere Camps stehen daher auch Nicht-Christen offen. Aber wir als Christen verstehen oft besser, worum es geht, weil wir wissen, dass wir nach einem göttlichen Plan geschaffen wurden und jeder eine Berufung hat."
Ritter mit politischer Botschaft
Lescat betont, sein Verein sei nicht anti-feministisch. Er zitiert sogar Simone de Beauvoir. Er habe auch keine politischen Absichten.
Anders der Kommunikationsberater Arnaud Boutheon, ein energiegeladener Mann mit breitem Lachen. Der 43-Jährige hat jüngst den französischen Zweig der "Kolumbusritter" gegründet. "Kolumbusritter" - so nennt sich die aus den USA stammende römisch-katholische Laienvereinigung für Männer. Damit wolle er Männern einen Ausweg aus ihrem Unwohlsein anbieten, sagt Boutheon.
"Sie sagen: Selbst in der Kirche ist das so. Da gibt es keinen Raum für uns. Wir wollen nicht zwei Stunden lang beten wie unsere Frauen, sondern anpacken, helfen und zugleich echte Männerfreundschaften schließen, wo es keine Rolle spielt, wer den besten Job hat."
Ein politischer Ritter: Arnaud Boutheon, Lobbyist bei "Sens commune" und  Gründer der französischen "Kolumbusritter"
Ein politischer Ritter: Arnaud Boutheon, Lobbyist bei "Sens commune" und Gründer der französischen "Kolumbusritter" (Bettina Kaps)
Die Kolumbusritter sind teilweise nach dem Vorbild der Freimaurer organisiert. In den USA engagieren sie sich vor allem für die Lebensrechtsbewegung und gegen gleichgeschlechtliche Ehen. In Europa ist der Verein bisher in Polen vertreten, neuerdings auch in Litauen und der Ukraine.
In Frankreich hätten sich nun in sechs Pfarreien Kolumbusritter gegründet, sagt Arnaud Boutheon, und es würden immer mehr. Jedes einzelne Team wählt sich Hilfsprojekte aus, beispielsweise Renovierungsarbeiten, um, wie er sagt, gemeinsam ins Schwitzen zu kommen. Die Mitglieder beten und feiern auch, unterstützen ihre Pfarrer, engagieren sich für die Jugend. Der altmodische Name "Ritter" treffe dabei genau ins Schwarze, sagt Boutheon.
"Weil wir den ursprünglichen Geist der Ritterschaft wiederfinden möchten. Ritter sein - das bedeutet: bereit sein zum Dienen. Wir wollen die ungehobelte, manchmal brutale und animalische Kraft des Mannes zum Guten hin kanalisieren, wir wollen sie zivilisieren, in Zärtlichkeit und Hilfsbereitschaft umwandeln. Dieses Konzept finde ich genial."
Suche nach Identität
Arnaud Boutheon ist zugleich politisch aktiv, in der katholischen Lobbygruppe "Sens commun". Er unterstützt den konservativen Präsidentschaftskandidaten Francois Fillon, einen bekennenden Katholiken. Die Kolumbusritter in Frankreich zu etablieren - das soll auch politisch ein Signal setzen. Arnaud Boutheon sagt:
"Wir stehen an einem politischen Scheideweg. Die derzeitige Debatte über unsere Identität kann zu einer ängstlichen Rückzugsbewegung mit ausländerfeindlichen Folgen führen. Sie kann aber auch in eine großzügige, attraktive Bewegung münden. Aber dazu muss ein jeder von uns, muss ganz Frankreich, seine Identität positiv definieren. Wir müssen uns fragen: Wer sind wir? Was können wir? Wir müssen unsere Talente stärken. Diese Botschaft will ich auch den Politikern vermitteln."
Ortswechsel. Rue du Montparnasse - ganz in der Nähe des Jardin du Luxembourg. Eine edle Lage. Das Collège Stanislas ist eine renommierte katholische Privatschule in Paris. Jungen und Mädchen laufen über den Pausenhof. In der Mittelstufe werden die pubertierenden Geschlechter allerdings weitgehend getrennt, sagt Schulpfarrer Philippe de Maistre. Der Geistliche freut sich über die vielen neuen Männerinitiativen in der katholischen Kirche. Er tritt selbst als Referent in einigen Männercamps auf. Die Identitätskrise vieler Männer hat seiner Ansicht nach eine klare Ursache:
"Wir haben die Initiationsrituale für Jungen verloren. Ein Heranwachsender muss von seiner Mutter getrennt werden, aber nicht, um von ihren Armen in die Arme einer Freundin zu wechseln. Vorher muss er sich im Kreis anderer Jungs definieren und, das ist noch wichtiger: Er muss sich - vor den Augen seines Vaters - als Mann entdecken. Diese Entwicklungsphase wird heute systematisch unterdrückt."
Eine Ideologie der Rückeroberung
Psychologische und biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu betonen - das hat im französischen Katholizismus Tradition, erklärt der Religionssoziologe Philippe Portier. Und zwar seit rund 30 Jahren.
"Ende der 80er Jahre haben konservative katholische Aktivisten in Frankreich Kampagnen gestartet, mit denen sie die Familie und die Geschlechtergrenzen verteidigen wollten. Sie wollten traditionelle Werte stärken - in dieser säkularisierten und in ihren Augen dekadenten Gesellschaft. Für sie haben Mann und Frau von Natur aus unterschiedliche Rollen in der Gesellschaft, eine Natur, die ihren Ursprung im göttlichen Willen hat."
Die ideologischen Grundlagen habe der Vatikan gelegt, vor allem Papst Johannes Paul II., in Frankreich seien sie auf besonders fruchtbaren Boden gefallen. Mehrere Organisatoren der Männercamps bezeichnen den verstorbenen Papst als großes Vorbild und als starken Mann, "un vrai mec". Aber hinter dem Streben nach Virilität und Körperlichkeit stecke noch mehr, sagt der Wissenschaftler Philippe Portier.
"Es handelt sich um eine Ideologie der Rückeroberung. Man will Schluss machen mit einem Katholizismus, der horizontal denkt, Mitgefühl, Freundlichkeit und Humanismus groß schreibt, man will zu vertikalen Werten zurückkehren. "
Es geht darum, katholische Normen zu definieren, vor allem in Sachen Familie, und diese gegen eine individualisierte und konsumorientierte Gesellschaft zu verteidigen.