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StartseiteInterviewMärkte zweifeln an Zahlungsfähigkeit Griechenlands24.02.2011

Märkte zweifeln an Zahlungsfähigkeit Griechenlands

Athen drücken 340 Milliarden Euro Schulden

Bert van Roosebeke vom Centrum für Europäische Politik hält nichts von einer Verlängerung der Hilfen für Griechenland. Auch die Märkte glaubten nicht, dass Athen seine Schulden noch zahlen werde. Die Politik zögere eine Umschuldung hinaus.

Eine EU-Flagge weht vor der Akropolis in Athen, Griechenland. (AP)
Eine EU-Flagge weht vor der Akropolis in Athen, Griechenland. (AP)
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Peter Kapern: 340 Milliarden Euro, das ist der Gesamtschuldenstand Griechenlands, eine atemberaubende Summe für so ein kleines Land. Ministerpräsident Papandreou beteuert, Griechenland könne Zins und Tilgung zahlen. Die Experten an den Finanzmärkten hören die Beteuerungen und zweifeln. So hat jedenfalls Bert van Roosebeke vom Centrum für Europäische Politik in Freiburg meinem Kollegen Jonas Reese die Einschätzungen der Analysten beschrieben.

Bert van Roosebeke: Ich glaube, es ist fast Konsens sozusagen geworden, dass die Mehrheit an den Märkten nicht glaubt, dass Griechenland in der Lage sein wird, seine Verbindlichkeiten voll zu bedienen. Das kann man auch relativ einfach daran ablesen, dass die Zinsen am Kapitalmarkt für griechische Staatsanleihen nicht nennenswert gesunken sind. Die sind nach wie vor extrem hoch, viel höher zum Beispiel als die deutschen Bundeszinsen, was alles darauf hinweist, dass man nach wie vor kein großes Vertrauen hat in die Fähigkeit Griechenlands, seine Schulden zu bedienen.

Reese: Wie schätzen Sie dann das Signal von Kanzlerin Merkel gestern ein, die eingeräumt hat, eventuell die Laufzeit für die internationalen Hilfen für Griechenland über die Dreijahresfrist hinaus zu verlängern?

van Roosebeke: Ja man spielt auf Zeit. Man macht im Grunde genommen das Gleiche, was man gemacht hat, als man den Rettungsschirm überhaupt aufgespannt hat. Die Politiker versuchen, eine politische Lösung zu finden für ein Problem, das im Grunde ein Marktproblem ist. Ich glaube, die Verlängerung, die jetzt im Gespräch ist, die Streckung sozusagen, ist im Grunde eigentlich nichts anderes als das Verschieben der Diskussion über eine Umschuldung.

Reese: Und was gewinnt man dann dadurch?

van Roosebeke: Zeit! Stellen Sie sich vor, man würde jetzt auf diese Streckung verzichten und sagen, nein, nein, wir wollen das Geld wie vereinbart zurück bekommen, dann hat Griechenland spätestens 2013 ein Problem, seine anderen Gläubiger zu bedienen, sprich das sind dann meistens private Banken. Dann wäre es doch wahrscheinlich, dass Griechenland diesen privaten Banken sagen müsste, es tut uns leid, wir können unsere Staatsschulden jetzt so nicht bedienen, und dann haben eben diese privaten Banken ein Problem. Und diesen Schritt zu machen, dazu ist die Politik heute noch nicht bereit.

Reese: Aber was genau bringt dann der Zeitfaktor?

van Roosebeke: Die Hoffnung ist wahrscheinlich immer noch, dass Griechenland eben durch die Maßnahmen, die tatsächlich jetzt umgesetzt werden in Griechenland, ein Wachstum verzeichnen kann, das es eher in die Lage versetzt, seine Schulden noch zu bedienen, oder in höherem Maße zu bedienen. Vielleicht sagen wir es so. Und solange die Hoffnung besteht, kann man natürlich durch Streckung Zeit gewinnen.

Reese: Immer wieder hört man in diesem Zuge auch das Argument, die Drachme wieder einzuführen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

van Roosebeke: Also ganz abwegig ist der Vorschlag nicht. Es ist klar: Griechenland würde natürlich abwerten können, würde die neue Währung oder die alte Währung, die Drachme halt eben, abwerten können, was für die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Ökonomie natürlich von großem Vorteil wäre. Diese Möglichkeit hat Griechenland gerade ja heute nicht, weil sie natürlich den Euro haben. Andererseits sind mit der Lösung natürlich auch sehr viele Nachteile verbunden, und ich meine jetzt nicht nur den oft erwähnten politischen Nachteil, dass es eher ein großer politischer Schaden für das Projekt Euro wäre. Ich meine eher den Nachteil, der eben damit verbunden wäre, dass die Schulden Griechenlands komplett unbezahlbar würden, wenn Griechenland die Drachme wieder einführt, weil die Schulden laufen ja in der Regel auf Euro. Und wenn das passiert, dass die Drachme abgewertet wird, dann wird die Außenverschuldung noch viel unbezahlbarer. Sie müssen sozusagen mit Drachmen, die sehr wenig wert sind, einen unglaublich hohen Wert in Euro erst mal erwirtschaften können. Das heißt, Griechenland könnte seine Schulden erst recht nicht zurückbezahlen, wenn es die Drachme wieder einführt, und das heißt für uns, dass wir sehr wahrscheinlich eine Krise bei den Banken und Versicherungen ins Land holen würden.

Reese: Wie lässt sich die denn überhaupt noch vermeiden, oder lässt sie sich denn überhaupt noch vermeiden?

van Roosebeke: Ich glaube, Banken und Versicherungen rechnen damit natürlich, dass Griechenland seine Verbindlichkeiten so nicht bedienen kann, und haben schon ihre Vorsorgemaßnahmen getroffen, also Rückstellungen gemacht, wenn möglich die Papiere Griechenlands, die Staatsanleihen, verkauft, also aus den Büchern rausgenommen. Wie viele solcher Staatsanleihen noch in den Bankbüchern schlummern, das wissen wir auch nicht. Das ist ja gerade die Diskussion, wie die künftigen Stresstests bei Banken gestaltet werden sollten, von welchen Annahmen man da ausgehen kann, und die Frage kann ich Ihnen hier im Moment nicht beantworten.

Reese: Commerzbank und Hypo Real Estate sind einige der Gläubiger Griechenlands, die da einige Kredite vergeben haben und die dann wahrscheinlich auf diesen Schulden sitzen bleiben könnten. Kommt also wieder auf den Steuerzahler eine Last hinzu?

van Roosebeke: Ja das gilt es natürlich zu vermeiden, aber ich glaube, egal wie Sie es drehen, im Moment scheint, die Last auf den Steuerzahler zuzukommen. Wenn die Politik, wie jetzt diskutiert wird, dazu bereit ist, eine Streckung herbeizuführen für Griechenland, kommt das im Grunde auch auf uns als Steuerzahler zu. Das ist ja auch Steuerzahlergeld, was Griechenland gegeben wurde. Und im zweiten Szenario, was Sie gerade erwähnt haben, kommt es auch auf uns zu, wenn große Banken deswegen Pleite gehen.

Reese: Ein weiteres Szenario wäre die Transferunion, die jetzt auch auf dem EU-Gipfel im März diskutiert werden soll. Muss man sich langsam daran gewöhnen, dass die reichen Länder in Europa die armen unterstützen?

van Roosebeke: Es geht auf jeden Fall in die Richtung. Es ist auch ganz schwer, da ein anderes Szenario vorzustellen. Die Lösung sozusagen, die es uns zulässt, die Probleme zu beseitigen, ohne in einer Transferunion zu landen, ist jetzt nicht sonderlich ersichtlich. Eine Abwertung, also ein Austritt Griechenlands, wäre eine mögliche Lösung, die es vermeiden würde, in der Transferunion zu landen, aber die Lösung ist schon mit erheblichen Risiken verbunden. Die ist nicht unmachbar, aber die ist mit Risiken verbunden und am Ende wird, glaube ich, eine Abwägung stattfinden müssen, was man lieber hat, eine Transferunion oder eben dieses Risiko einzugehen, bestimmte Länder aus der Euro-Zone austreten zu lassen.

Kapern: Mein Kollege Jonas Reese im Gespräch mit Bert van Roosebeke vom Centrum für Europäische Politik in Freiburg.

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