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Mäuse statt Erbsen

Genetik. – Ausschließliche Grundlage der Vererbung ist das Erbmolekül DNA – so steht es in den Biologie-Lehrbüchern. Doch neben der DNA gibt es offenbar noch weitere Teilnehmer am Vererbungsspiel. Französische und amerikanische Forscher haben jetzt die Rolle der RNA bei der Vererbung nachgezeichnet. Der Wissenschaftsjournalist Michael Lange erklärt ihre Erkenntnisse im Gespräch mit Monika Seynsche.

    Seynsche: Herr Lange, wie kommen die Wissenschaftler überhaupt auf diese Idee?

    Lange: Sie haben ganz ähnliche Versuche durchgeführt wie Gregor Mendel seinerzeit, nur nicht mit Erbsen sondern mit kleinen, schwarzen Mäusen. Und diese schwarzen Mäuse hatten weiße Schwanzspitzen. Und dann haben sie Kreuzungsexperimente gemacht und haben geschaut, welche Mäuse, oder wie viele Mäuse hatten weiße Schwanzspitzen. Und das ganze ließ sich mit dem Zahlenwerk, das Mendel erstellt hat, und das seither in der Wissenschaft verwendet wird, überhaupt nicht zusammenbringen. Das heißt, es ist irgend etwas anderes, es ist irgend etwas nicht nach den Regeln der normalen Genetik ablaufendes. Und da haben sie genauer untersucht, und haben tatsächlich in der DNA, im Erbmolekül überhaupt keine Referenz gefunden.

    Seynsche: Kommt das denn überraschend?

    Lange: In diesem Fall kam es schon überraschend. Dabei gibt es eigentlich schon ein paar Beispiele, die anzeigen, dass die DNA als Erbmolekül nicht der Weisheit letzter Schluss ist, oder nicht der Weisheit einziger Schluss. Denn seit den 50er Jahren werden in der Botanik Pflanzen beobachtet, die nicht nach den Mendelschen Gesetzen sich vererben, sich fortpflanzen, bei Mais ist das beobachtet worden, da spricht man von Paramutation, aber man konnte es eigentlich nicht richtig erklären. Bei Klonen gibt es das zum Beispiel auch, man hat Katzen geklont und plötzlich hatte die geklonte Katze ein ganz anderes Fell als die Katze, die als Vorlage diente. Eigentlich konnte es gar kein Klon sein, aber man hat nachgeschaut, es war doch ein Klon, aber er sah anders aus. Also es gibt Beispiele, die zeigen, es gibt noch etwas anderes als die DNA.

    Seynsche: Bei den Mäusen mit den bunten Schwänzen, hat man da einen Verdächtigen, wer das sein könnte?

    Lange: Ja, da haben die Wissenschaftler weitergeforscht, die haben sich nicht damit abgefunden, dass es einfach nicht erklärbar ist. Die haben Moleküle untersucht, die auch in der Zelle, auch in der Eizelle und in der Samenzelle vorkommen, und hatten von Anfang an die RNA in Verdacht. Die RNA sieht chemisch sehr ähnlich aus, um die Information aus dem Erbmolekül zu den Proteinfabriken zu transportieren.

    Seynsche: Was heißt denn RNA?

    Lange: RNA ist die Ribonukleinsäure, die sieht chemisch nur ganz geringfügig anders aus, aber sie ist eben nicht das Erbmolekül. Man dachte bisher, sie wird nicht von Generation zu Generation weitergegeben. Aber die Forscher haben jetzt tatsächlich die RNA isoliert und in die Eizellen hineingespritzt, also die RNA aus dem Spermium isoliert und in die Eizelle gespritzt, und tatsächlich, sie konnten damit die weißen Schwanzspitzen übertragen. Daraus kann man nur schließen, die RNA ist auch ein Erbmolekül.

    Seynsche: Und wie macht sie das?

    Lange: Da gibt es einige Ansätze, wie man das erklären könnte. In den letzten Jahren war es eigentlich so, dass die RNA zum Lieblingskind der Molekularbiologen geworden ist. Und man hat herausgefunden, dass ganz kleine RNA-Moleküle, die so genannte Mikro-RNA die Gene ausschalten können oder bremsen können. Und jetzt geht man davon aus, dass hier tatsächlich Mikro-RNA-Moleküle, das sind so ganz kleine RNA-Moleküle, so wie Genbremsen funktionieren. Also zum Beispiel ist das Gen für den schwarzen Farbstoff in der Schwanzspitze da, es wird auch vererbt, aber durch die Mikro-RNA wird es lahmgelegt in einigen Mäusen, und die haben dann weiße Schwanzspitzen.

    Seynsche: Wie reagieren die anderen Wissenschaftler?

    Lange: Sie waren ja sozusagen vorbereitet, dadurch, dass in den vergangenen fünf Jahren sehr viel über Mikro-RNA diskutiert wurde, und sie haben diesen Bruch des Dogmas sehr positiv aufgenommen und sagen, ja, da scheint etwas dran zu sein. Also, wir müssen davon ausgehen, dass die DNA das Erbmolekül bleibt, aber es gibt weitere Erbmoleküle und es gibt eben Mechanismen jenseits der Genetik in der Epigenetik, und diese Epigenetik reguliert nicht nur Gene, sie wird anscheinend auch von einer Generation auf die nächste übertragen, und da kommen sicherlich noch ganz interessante Forschungen auf uns zu.