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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Magda Goebbels - Annäherung an ein Leben06.03.2000

Magda Goebbels - Annäherung an ein Leben

von Anja Klabunde, Bertelsmann Verlag, München. 1999

Ariane Thomalla

Theißen: Am 26. April 1945 schrieb Magda Goebbels, die Frau des Propagandaministers, an Harald Quandt, ihren Sohn aus erster Ehe, der in einem Gefangenenlager einsaß, einen Abschiedsbrief. Seit sechs Tagen seien sie nun schon im Führerbunker, Goebbels wie Hitler hätten ihr und den Kindern zur Flucht geraten, aber sie sei "stolz" und "glücklich" und sie habe nur noch das Ziel, dem Führer bis in den Tod die Treue zu halten.

"Unsere herrliche Idee geht zugrunde, mit ihr alles, was ich Schönes, Bewundernswertes, Edles und Gutes in meinem Leben gekannt habe. Die Welt, die nach dem Führer und dem Nationalsozialismus kommt, ist nicht wert, darin zu leben, und deshalb habe ich auch die Kinder hierher mitgenommen. Sie sind zu schade für das nach uns kommende Leben, und ein gnädiger Gott wird mich verstehen, wenn ich selbst ihnen die Erlösung geben werde."

Theißen: Am 1. Mai 1945 brachte Magda Goebbels ihre sechs Kinder um, bevor sie selbst ebenso wie ihr Mann Zyankali schluckte. Das war nicht das verzweifelte Ende einer um ihr Glück betrogenen Medea, sondern der Abgang einer fanatischen Nationalsozialistin. Im Bertelsmann Verlag hat Anja Klabunde eine Biographie der Magda Goebbels vorgelegt. Die nun folgende Rezension schrieb Ariane Thomalla.

Beitrag Ariane Thomalla

Thomalla: Zweifellos war Magda Goebbels, die Frau des NS-Propagandaministers, die erste Frau im Dritten Reich. Hitler persönlich hatte sie erwählt. Bevor sie Goebbels heiratete, war auch er von der blonden Schönheit entflammt:

"Diese Frau könnte in meinem Leben eine große Rolle spielen" , soll er seinem Intimus Wagener mitgeteilt haben.

"Auch ohne dass ich mit ihr verheiratet wäre. Sie könnte bei meiner Arbeit den weiblichen Gegenpol gegen meine einseitig männlichen Instinkte spielen."

Thomalla: Sie müsste aber verheiratet sein. Die Hochzeit zwischen Maria Magdalena, geborener Behrend - der Mädchenname der Mutter -, adoptierter Friedländer - der Name des jüdischen Stiefvaters-, anerkannter Ritschel - der Name des leiblichen Vaters -, geschiedener Quandt, und Joseph Goebbels fand Mitte Dezember l931 statt. Hitler war Trauzeuge. Er hielt seine Hand über diese zuletzt teuflische Ehe in gegenseitiger Hörigkeit. Als sie sich scheiden lassen wollten, zwang er das Paar in die Pflicht, weiterhin nach draußen die glückliche kinderreiche Familie abzugeben. Je schlimmer eine Goebbelsche Ehekrise, sagt die Biographin, desto doller Goebbels Judenhatz.

"Magda Goebbels. Annäherung an ein Leben" ist eine Romanbiographie. Das heißt, dass man es mögen muss, zum Beispiel gleich am Anfang, in einem fahrenden Zug aus Belgien mit einem jungen Mädchen zu sitzen, das, des Kriegsausbruchs wegen ausgewiesen, "erschöpft" das Gesicht gegen "die feuchte Fensterscheibe" presst, "an der die Tropfen an der Außenseite in kleinen Rinnsalen wie Tränen herunterlaufen". Pathetische Filmeinstellungen, die die erfahrene Dokumentarfilmerin ausweisen. Später, wenn die Quellen reichlicher fließen, nehmen solche harmlos fiktiven Szenen ab, die einen allerdings inzwischen in Spannung genommen haben. Ebenso die Dramaturgie, die auf erste epische Breite allmählich Beschleunigung folgen lässt, bis sich zuletzt die Ereignisse überstürzen: Die Götterdämmerung im Führerbunker. Das Ehepaar Goebbels nimmt seine sechs Kinder mit in den Tod. Eine Ungeheuerlichkeit. Unbehaglich stimmt auch, wenn man sozusagen dabei ist, wenn Magda Hand in Hand mit dem Stiefsohn, der tags darauf an durchbrochenem Blinddarm stirbt, durch Paris bummelt. Geht da die Phantasie nicht zu weit? Zu weit ganz sicher, was Victor Chaim Arlosoroff angeht, ihre erste Liebe, mit dem die Fünfzehnjährige regelmäßig zu den zionistischen Jugendversammlungen ging und einer der wichtigsten Männer in der Jewish Agency später in Palästina, quasi deren Außenminister. Es mag ein gelungener Kunsttrick sein, aber schmerzhaft für den wahrheitsgenauen Historiker, wie Anja Klabunde Arlosoroff l933 durch das Berlin der Nazi-Gegenwart wandern lässt. Irgendwann fällt sein Blick in dieser Erzählung auf ein Doppelporträt des Ehepaars Goebbels. Dichtung oder Wahrheit? Arlosoroff bricht zusammen. Hat er wirklich mit der alten Freundin Kontakt aufgenommen, wie seine Schwester vor ihrem Tod in Israel Max Flesch anvertraute, der es wiederum mündlich unserer Biographin weitergab. Sogar die Worte Magdas, ein Treffen mit ihm sei auch für sie zu gefährlich. Goebbels Tagebücher sagen dazu:

"Sie hat zuviel geliebt und mir immer nur bruchstückweise davon erzählt. Und nun liege ich bis an den frühen Morgen und werde von der Peitsche der Eifersucht geschlagen. Sie muss ganz neu geformt werden."

Thomalla: Auch ihre Vergangenheit? Chaim Arlosoroff wird, kaum zurückgekehrt, am Strand von Tel Aviv erschossen. Ein Mord, hinter dem mit Argumenten, aber auch großen Fragezeichen Goebbels vermutet wird. Zur gleichen Zeit sitzt Magdas erster Mann Quandt vier Monate ohne Rechtsgrundlage im Gefängnis. Des weiteren soll Magdas jüdischer Stiefvater Friedländer sang- und klanglos verschwunden sein. Und Magda - rührte sie das nicht? Sie war schön, kultiviert, intelligent, allerdings ohne Witz und Ironie und alles andere als einfühlsam oder warmherzig. Geizig sowieso. Das Personal wurde knapp gehalten.

"Ich habe nie so eiskalte Augen bei einer Frau gesehen" - fand der französische Botschafter François Poncet. Sie war von eiserner Disziplin, außerdem - wie symbolisch! - von einem Putzzwang besessen. Das ständige Groß-Reinemachen erschreckte sogar die Mutter. Vor allem aber war Magda Goebbels eines: ehrgeizig auf Macht und Geltung fixiert und dabei zielbewusst. So wollte sie nach dem Abitur nicht studieren, was ihr Vater vorschlug, sondern partout in ein feines Pensionat, um dort die richtigen Kontakte und großbürgerlichen Schliff zu bekommen. Davon profitierte später die ganze Naziführung. Bereits im Zug zum Pensionat hatte sich die Achtzehnjährige den Witwer Günter Quandt geangelt. Auf die Frage, was die mächtigen Männer umgekehrt an ihr so faszinierte, heißt es: Magdas große Leere. Sie sei für die Männer ein herrlich leeres Gefäß gewesen, das sie mit ihrem Leben füllen konnten. Diese Leere trieb Quandts Exfrau mit der großzügigen Apanage in die Arme der NSDAP.

"Wieder einmal klagt Magda, nach reichlichem Genus von Alkohol, ihren Freunden, dass sie es nicht mehr aushalte, dass sie Angst habe, verrückt zu werden, dass ihr Leben sie anwidere und dass sie vor Langeweile sterben könne."

Thomalla: Worauf man ihr empfahl, sich Goebbels im Sportpalast anzuhören, was sie dann in Trance und Liebe versetzte und direkt in der NS-Gauleitung ihre Mitarbeit anbieten ließ. War sie auch später nie geschockt von den Gräueltaten der Nazis, vor allem gegen die Juden? Oder war sie so auf ihr privates Glück und Unglück mit dem Schürzenjäger Goebbels fixiert, der ihr zuletzt noch als Nebenfrau die schöne Tschechin Lida Baarova, an die Seite setzen wollte, dass sie nichts wahrnahm? Das Aushängeschild für die deutsche Frau, die privat rauchte, ziemlich viel trank, sich schminkte und die Töchter vor dem BDM verschonte, wurde füllig, matronenhaft, zog sie sich wegen Herzbeschwerden und Depressionen immer öfter in Sanatorien zurück. Ein erschreckender physischer und psychischer Zerfall. Am Ende war die 44-Jährige Goebbels gänzlich ausgeliefert. Anja Klabunde selbst nennt im Vorwort ihre Quellen "wenig verlässlich", um sich dann aber voll auf sie zu stützen. Außer Max Flesch in Israel sind das die Aufzeichnungen von Magdas Mutter, wie sie l952 in der "Schwäbischen Illustrierten" veröffentlicht wurden. Der Hauptquelle, der bereits l978 erschienenen, damals unbeachtet gebliebenen Magda-Goebbels-Biographie Hans-Otto- Meissners, hat Anja Klabunde faktisch nichts Neues hinzuzufügen. Auch das allerdings ein Buch, das diesmal auf den Erinnerungen von Ella Quandt, der Schwägerin und besten Freundin, fußt, die Jahrzehnte danach noch Wörtliches preisgab. Zum Beispiel einen Satz, den Magda Goebbels l938 zu der Zeit der sogenannten "Kristallnacht" gesagt haben soll, der ein gespenstisches Schlaglicht wirft auf die Amoralität dieser narzistisch nur um ihre Kleider und ihr Auftreten besorgten Frau:

"Welch ein Jammer, dass auch Kohnen zumacht. Wir wissen doch alle, mit den Juden verschwindet die Eleganz aus Berlin."

Theißen: Ariane Thomalla über "Anja Klabunde: Magda Goebbels - Annäherung an ein Leben", Bertelsmann Verlag, München. 335 Seiten, DM 44,90.

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