Sonntag, 02. Oktober 2022

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Magersucht
Wenn ein Apfel schon zuviel ist

Die Magersucht zählt zu den gefährlichsten psychischen Erkrankungen: Fast jede fünfte Betroffene stirbt an den Folgen der Unterernährung. Bei Mädchen ist sie die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter.

Von Renate Rutta | 29.04.2014

    Ein Zentimetermaß ist um den Bauch einer Frau gewunden.
    Kämpfen um jedes Gramm: Magersüchtige haben ein verzerrtes Selbstbild. (picture alliance / ZB - Jens Kalaene)
    "Das ist ungefähr ein Jahr her, dass ich angefangen habe, weniger zu essen. Es wurde von Zeit zu Zeit immer weniger und irgendwann fand ich dann einen Apfel schon zu viel."
    Die 15-jährige Clara nahm immer mehr ab, bis ihre Ärztin sie zur Behandlung schickte in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Uniklinik RWTH Aachen. Nach einem dreiwöchigen stationären Aufenthalt dürfen dort die elf- bis achtzehnjährigen Patientinnen abends und am Wochenende nach Hause.
    "Ich freu mich darauf, das zu Hause üben zu können. Was ich hier über den Tag lerne, kann ich dann abends umsetzen."
    "Und das sind nicht alle Mahlzeiten, sondern nur zwei. Dann ist die Verantwortung auch nicht ganz auf einen alleine gestellt.
    Studienleiterin Professor Beate Herpertz-Dahlmann war wichtig, dass die Patientinnen nicht ihr soziales Umfeld verlieren. Deshalb erschien ihr eine Behandlung nur tagsüber als eine gute Alternative. In der Studie wurden beide Methoden – Tagesklinik und vollstationäre Behandlung - nach einem Jahr miteinander verglichen.
    "Die Ergebnisse haben gezeigt, dass die tagesklinische Behandlung genauso gute Ergebnisse gebracht hat wie die voll stationäre. In einigen Bereichen war die tagesklinische Behandlung besser, zum Beispiel in dem Bereich, dass die Patientinnen eine bessere psychische Situation hatten nach dem Ende der tagesklinischen Behandlung, die hatten weniger Depressionen, die hatten weniger Ängste."
    Und beide Gruppen hatten etwa gleich viel an Gewicht zugenommen. Denn das ist ein wichtiges Behandlungsziel.
    "Neben der Stabilisierung des Gewichtes, die für Gehirnwachstum und Knochenwachstum sehr wichtig ist, versuchen wir, auch die Konfliktfähigkeit der Patientinnen und ihr Selbstbewusstsein zu verbessern."
    Breit gefächertes Behandlungsangebot
    Zur Behandlung gehört ein umfangreiches Angebot mit Einzel- und Gruppenpsychotherapie, Ernährungsberatung, Sportgruppen, Familiengesprächen, Elterngruppen, Musiktherapie sowie Ergo- und Kunsttherapie, das Varinja Blume leitet.
    "Es gibt einmal den kreativ-künstlerischen Anteil, wo Mädchen die Möglichkeit haben, ihre Emotionen besser auszudrücken, weil essgestörte Mädchen Schwierigkeiten haben, zu erkennen, wie es ihnen eigentlich geht und wie sie das auch beeinflussen können."
    "Da versuchen wir, erstmal im kreativen einen Zugang zu schaffen und das geht vor allem auch übers Malen, übers großflächige Malen."
    "Darüber hinaus bin ich auch noch dafür zuständig, am Körperbild zu arbeiten, wenn man das so sagen kann, weil die Patientinnen natürlich ein verzerrtes Körperbild haben, sich immer sehr unwohl, natürlich dick, die Mädchen würden sagen, fett fühlen."
    Sie besprechen, warum es so wichtig ist, möglichst dünn zu sein. Und wie sie lernen können, sich so wohlzufühlen, wie sie sind – damit nicht mehr das Ganze Selbstbewusstsein vom möglichst niedrigen Körpergewicht abhängt.
    "Sie wollen dann auch besprechen, wie es ist, wenn ich wieder in die Schule gehe. Wie kann ich das schaffen, dass ich vor meinen Freundinnen esse, wie kann ich meinem Freund erklären dass ich eine Essstörung habe oder was das auch ist. Oder wie kann ich mich wohler mit mir fühlen."
    Für die 15-jährige Patientin ist wichtig: "Dass ich zu Hause jetzt die Verantwortung übernehme und das alles hinkriege mit dem Essen wieder und nicht versuche, wieder abzunehmen."