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StartseiteForschung aktuellDie rasante Wanderung des magnetischen Nordpols 10.05.2016

Magnetfeld im WandelDie rasante Wanderung des magnetischen Nordpols

Das Programm "Living Planet" der europäischen Weltraumagentur ESA eint alle ESA-Projekte unter einem Dach, die sich mit der Erdbeobachtung mithilfe von Satelliten beschäftigen. Im dazugehörigen Symposium tauschen rund 3.000 Geologen, Meeres- und Atmosphärenforscher neue Forschungsergebnisse aus. Dazu gehört auch die Frage: Wann kippt es denn nun endlich, das Erdmagnetfeld?

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22. November 2016: Russland Raketenbahnhof Plesetsk. Auf einen Schlag will Europas Weltraumagentur ESA gleich drei Satelliten ins All schießen – einen ganzen Schwarm. Deswegen heißt diese Mission auch so: "Swarm".

"Richtung Norden geht es", so die ESA-Sprecherin, "in Richtung Nordpol". Und damit mittenrein in eine der geologischen Merkwürdigkeiten des Planeten Erde: Warum wandert der magnetische Nordpol?

"Die Daten unseres Swarm-Satelliten-Trios haben es in den vergangenen zwei Jahren bestätigt: Der magnetische Nordpol ist auf Wanderschaft. Er bewegt sich von Kanada hinüber nach Sibirien."

Chris Finlay arbeitet für das Nationale Weltrauminstitut der Technischen Universität von Dänemark (DTU) – und er steht vor einem Rätsel. Denn diese Wanderungsbewegung des Nordpols ist weder willkürlich noch unregelmäßig. Wie auf einer geraden Linie bewegt er sich Richtung Osten, und das mit einem – für geologische Maßstäbe – rasanten Tempo von 50 Kilometern pro Jahr.

"Und das Neue mit den Satelliten ist, dass wir es global messen können und dann plötzlich gesehen haben, seit 1980 passiert da was. Der magnetische Nordpol bewegt sich schneller und schneller."

Auch Nils Olsen wertet am DTU die ersten beiden Jahre der europäischen "Swarm"-Mission aus. Dabei ist der wandernde Nordpol nicht das einzige Rätsel. Auf der anderen Erdhalbkugel hat sich die sogenannte Südatlantik-Anomalie westlich von Südafrika mittlerweile zu einem nahezu globalen Phänomen ausgeweitet, ergänzt Javier Pavón-Carrasco aus der Abteilung für Geologie, Astronomie und Astrophysik der Complutense Universität in Madrid.

"Im Bereich der Südatlantik-Anomalie ist das Erdmagnetfeld etwa 30 Prozent schwächer als es in diesen Breitengraden sein sollte. Dieses Gebiet wachse ständig. Es deckt jetzt fast die Hälfe der südlichen Hemisphäre ab."

Die Südatlantik-Anomalie umfasst mittlerweile ganz Südafrika, den gesamten südlichen Atlantik, fast ganz Südamerika, und sie reicht weit in den Pazifik hinein. Die Anomalie selbst wird größer, das Magnetfeld in den Regionen, in denen sie vordringt, aber schwächer.

"Das Magnetfeld global nimmt ab. Global gesehen ist es etwa zwei, drei Prozent pro Jahrhundert. Aber dann gibt’s Gebiete auf der Erde, so ein Gebiet ist die Südatlantische Anomalie, da ist sind es zwei, drei Prozent in zehn oder 17 Jahren. Es scheint dort etwas zu sein, das aktiv gegen das Feld arbeitet und das Feld aktiv schwächer macht."

Eine mögliche Ursache für diese Anomalie könnten Strömungen und Zirkulationen der flüssigen Metalle im Erdkern sein, ähnlich dem Golf-Strom in den Ozeanen auf der Erdoberfläche. Oder aber die Verhältnisse waren schon immer so, weil der Dynamo im Erdinnern nicht genau senkrecht läuft.

"Wir haben einen Dipol im Inneren der Erde, der bisschen Richtung Japan verschoben ist. Und das bedeutet, das Magnetfeld ist etwas stärker auf der japanischen Seite und ist etwas schwächer im Südatlantik. Und das ist das, was wir gerade beobachten."

Ein magnetischer Nordpol, der immer weiter von seinem Ausgangspunkt weg wandert, und eine Anomalie im Erdmagnetfeld, die immer größer wird. Eigentlich wären das zwei Vorboten für eine bevorstehende Umpolung des Erdmagnetfeldes. Doch dazu müsste es noch mindestens zehn Prozent schwächer werden. Die Swarm-Mission dürfte nach ihrem Ende im kommenden Jahr wohl in eine vierjährige Verlängerung gehen. Aber auch in dieser Zeit dürften die drei Satelliten nicht Zeuge einer Umpolung des Erdmagnetfeldes werden.

"Ich glaub nicht, dass es in unserer Lebenszeit passiert. Es wird einige tausend Jahre dauern. Und wir werden es vermutlich erst dann wirklich wahrnehmen, wenn es passiert ist."

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