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StartseiteSonntagsspaziergangLüttich auf den Spuren von Georges Simenon 08.09.2019

Maigrets SchöpferLüttich auf den Spuren von Georges Simenon

Der gebürtige Lütticher Georges Simenon wurde durch die Figur des Kommissar Maigret international bekannt. Am 4. September jährte sich Simenons Todestag zum 30.Mal. Ein Streifzug entlang der Georges Simenon Route - in Begleitung seines Sohnes John.

Von Horst Senker

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Der berühmte Schriftsteller Georges Simenon, Schöpfer des noch berühmteren Commissaire Maigret (imago stock&people)
Georges Simenon, Schöpfer des berühmten Kommissar Maigret (imago stock&people)
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Georges Simenon gilt als der bedeutendste französischsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Mit der Stadtführerin Helene Bings sind wir unterwegs auf den großen Boulevards und durch die kleinen Gassen von Liège, auf Deutsch sagt man Lüttich, die Flamen sprechen von Luik. Es ist die größte Stadt in der Wallonie, dem französischsprachigen Teil Belgiens.

Aus der Ferne betrachtet wirkt Lüttich auf den ersten Blick wenig einladend, wie eine tiefgraue, angeschmuddelte Industriestadt ohne Charisma. Wer sich aber auf die Metropole an der Maas einlässt, erlebt einen sehr reizvollen Ort, der erst im zweiten Moment seinen etwas rauen aber reizvollen Charme entfaltet.   

Unterwegs auf der Georges Simenon Route

Georges Simenon ist der berühmte Sohn der Stadt. Was man mit ihm verbindet: Kommissar Maigret, Lüttich beziehungsweise Outremeuse und Tausende Frauengeschichten. Aber nicht nur Maigret, er hat auch sehr interessante gesellschaftspolitische Romane geschrieben

Benannt nach dem Kommissar Maigret-Erfinder Georges Simenon ist nicht nur eine Straße sondern auch eine Jugendherberge in Outremeuse, dem Lütticher Viertel jenseits der Maas. Das ist ein alternativ geprägtes, sehr lebendiges Inselquartier zwischen zwei Maasarmen. Hier ist der Journalist und Schriftsteller Simenon aufgewachsen, seit seinem 2. Lebensjahr.

In der Lütticher Neustadt

Stadtführerin Helene Bings erzählt: "Im 19. Jahrhundert, als die Stadt aus allen Nähten geplatzt ist, hat man dieses Viertel neu gebaut. Also dieses Viertel war im Mittelalter das Viertel, wo die Gärten der Stadt waren, aber auch wo man Gerber, Schmiede und all diejenigen hinbrachte, die man in der Stadt nicht haben wollte……..das ist der Grund, dass wir heute noch sagen, dass das das volkstümliche Viertel ist."

Geboren ist Georges Simenon im Februar 1903 im Stadtzentrum auf der anderen Maas-Seite, in der Rue Léopold 26. Dort erwartet uns Georges Simenons Sohn John. Er zeigt auf das in die Jahre  gekommene Geburtshaus seines Vaters: "Das Haus ist das zweite nach dem weißen Gebäude. Da ist mein Vater geboren."

John Simenon berichtet über das Leben seines Vaters, unter anderem über die Zeit, als Georges Simenon schon als Teenager die Familie ernähren musste:  "Er hat dann nach intensiver Arbeit gesucht und stand plötzlich – ich glaube eher ein wenig zufällig - vor dem Gebäude der "Gazette de Liège". Er ist hineingegangen und hat gefragt, ob man ihn beschäftigen könnte und man hat ihn eingestellt. Voilà!"

Vom Journalist zum Romanautor

Bei der Lütticher Zeitung Gazette de Liège hat Georges Simenon eine journalistische Laufbahn begonnen. John Simenon: "Ja, ganz genau. Zu Beginn arbeitete er nämlich in dem Bereich, den man auf Französisch unter Journalisten die "überfahrenen Hunde" nennt, also die Rubrik "Vermischtes", sprich sämtliche Sonstige Nachrichten. Alle kleinen Diebstähle und Verbrechen und alles, was mit der Polizei zusammenhängt. Er kannte die Lütticher Polizei und deren Beamte also sehr gut."

Damals war Georges Simenon auch schon als Schriftsteller tätig. Die Brücke, die wir betreten spricht Bände. Helene Bings: "Ab dem 12 Jahrhundert existierte hier eine Brücke und über diese Brücke schrieb Georges Simenon seinen ersten Roman. ..Das war Le Pont des Arches……und unter der Brücke findet der sonntägliche Markt statt, das heißt, er hat beobachtet."

Wir erfahren nicht nur, wo Georges Simenon zur Schule ging sondern auch, dass ihn das Wesen der Menschen besonders beschäftigte. In seinen Kriminalgeschichten interessierte er sich mehr für die Beweggründe des Verbrechers als für das Verbrechen selbst.  - Obwohl er später mal in Frankreich und mal in den USA lebte, hat er seine Heimatstadt nie aus den Augen verloren. "Man sagt, dass in vielen seiner Romane, wenn auch Lüttich nicht direkt erwähnt wird, so doch Lüttich immer ein wenig präsent ist," weiß Helene Bings.

Maigret ermittelt in 75 Kriminalfällen

Aus Paris stammt Kommissar Maigret. Georges Simenon soll sich seine berühmteste Romanfigur Ende der 1920er Jahre ausgedacht haben. Der stämmige Mann mit Pfeife,  Melone und einem Mantel mit Samtkragen war sein Hauptdarsteller in 75 Romanen. Mal sagte Georges Simenon, er habe mit Maigret keine Gemeinsamkeiten, ein andres Mal sah er gewisse Ähnlichkeiten zwischen sich und seinem erdachten Helden.

Daniel Kampa ist Verleger der Simenon-Werke und nennt ein paar Aspekte: "Sein Vater ist jung gestorben, er hatte ein sehr schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter…… ich glaube, er hat sich mit Maigret so eine Art Ersatzvater geschaffen und das merkt man ja auch…….Maigret kommt warmherzig daher, ist er aber nicht, wenn man die Bücher liest, der kann auch ganz hart im Nehmen sein…..aber alle lieben ihn, weil er so eine Ausstrahlung hat und weil er auch an den Menschen glaubt und den Menschen alles verzeiht. Da hat Simeon wahrscheinlich viel reingelegt, was ihm in seiner Jugend gefehlt hat." Das prägte Georges Simenon als Vater.

Für seine Kinder hatte er Zeit. John Simenon erinnert sich: "Mein Vater schrieb ungefähr fünf Romane pro Jahr. Für einen Roman brauchte er circa zehn Tage. Rechnet man die Vorbereitung und die Nacharbeit hinzu waren das… na, sagen wir mal drei Wochen. Fünf mal drei Wochen, das sind insgesamt fünfzehn Wochen. Ein Jahr hat 52 Wochen… er konnte also durchaus sehr viel Zeit mit seinen Kindern verbringen."

Das und vieles mehr erfahren wir über Georges Simenon. Verbunden mit der reizvollen Tour an diesem Spätsommertag durch Lüttich, mit seiner vielseitigen Architektur, durch Alleen und über Plätze mit alten prächtigen Bäumen und vorbei an gemütlichen Eckkneipen muss man der Aufforderung von Stadtführerin Helene Bings einfach folgen: Kommen Sie mal wieder, es lohnt sich.

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