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StartseiteDeutschland heuteGrabungsarbeiten im Schatten des Doms14.03.2014

MainzGrabungsarbeiten im Schatten des Doms

In Mainz haben Archäologen bei Renovierungsarbeiten in der Johanniskirche in den Fundamenten Mauerreste eines Sakralbaus entdeckt, der aus der Zeit zwischen dem 5. bis 7. Jahrhundert stammen könnte. Er wäre damit eine der ältesten Kirchen Deutschlands, zusammen mit den Sakralbauten in Trier.

Von Ludger Fittkau

Nachtansicht des Mainzer Doms, gesehen durch ein Fenster des Staatstheaters (dpa / Fredrik von Erichsen/)
Der Willigis-Dom spiegelt abends in Mainz im Nebel in einer Scheibe am Staatstheater. (dpa / Fredrik von Erichsen/)
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Ein Bagger mit einem Presslufthammer am Greifarm zerkleinert Betonstücke – mitten im Kirchenraum der Johanniskirche in Mainz, der zweitältesten Kathedrale auf deutschem Boden:

"Die Johanniskirche war bisher einer breiten Bevölkerung kaum im Bewusstsein. Sie steht ganz im Schatten des allgewaltigen Domgebirges unmittelbar östlich von uns. Dennoch birgt diese Kirche hier eine wesentlich längere Tradition. Sie ist nichts Geringeres als die Vorläuferkirche des heutigen Doms, der erst im 11. Jahrhundert vollendet wurde. Während die Johanniskirche die Rolle als Bischofs- und Domkirche hier schon Jahrhunderte lang innehatte."

Ronald Knöchlein ist Ausgrabungsleiter in der Mainzer Johanniskirche. Er beachtet den Bagger mit dem Presslufthammer kaum, als er durch die Baustelle schreitet. Sein Areal liegt noch unterhalb des heutigen Kirchenbodens, auf dem der Bagger fährt. Der Archäologe sucht in den Löchern und Kellern unter dem Kirchenschiff der alten Kathedrale nach Überresten eines noch älteren Kirchenbaus. Eines Baus, der sehr wahrscheinlich zu den ältesten christlichen Gotteshäusern auf deutschem Boden gehört aus dem 6. oder 7. Jahrhundert nach Christus vielleicht. Die Begeisterung für diesen Fund lässt Ronald Knöchlein sogar den Lärm des Presslufthammers fast vergessen:

"Wir müssen uns damit arrangieren. Es ist ein besonderer Ort und es ist ein besonderer Sachverhalt, als Archäologe in einem geschlossenen Raum zu arbeiten. Die optimale Akustik einer Kirche wirkt sich natürlich auch auf die Übertragung der Presslufthämmer aus, damit muss man leben. Wenn es allzu schlimm wird, treffen wir Vorkehrungen gegen Lärmschäden. Die Spannung an einem solchen Ort zu arbeiten, überwiegt doch diese Äußerlichkeiten."

Ronald Knöchlein steigt gemeinsam mit seiner Kollegin Marion Witteyer enge Treppen in die Keller hinunter. Überall liegen Baukabel. Nach gut 20 Metern stoppen die beiden Wissenschaftler in einem der Gewölbe unter der Johanniskirche, in dem gegraben wird. Marion Witteyer ist Direktion der Landesarchäologie in Mainz. Auch ihr ist der Stolz über eine der ältesten deutschen Kirchen deutlich anzumerken, deren Reste ihr vierköpfiges Team hier freilegt:

"Die zweitälteste Kirche, aber die Grabungen laufen ja noch. Und Herr Knöchlein hat unten im Keller, das zeigen wir ihnen gleich mal, eine Mauer freigelegt. Diese Mauer ist in wunderbarer, spätrömischer Tradition gebaut. Wir können sie nur relativ datieren, wir können kein Zeitdatum nennen, das hoffen wir noch, am Ende der Grabung tun zu können. Und dann sehen wir mal, wo wir dann gelandet sind."

Vorerst landen Marion Witteyer und Ronald Knöchlein in einem der Keller unter der Kirche vor zwei Skeletten. Neben ihnen vermessen Archäologiestudenten mit Zollstöcken und Zeichenpapier den Raum und den Inhalt der Gräber. Roland Knöchlein deutet auf ein Grabungsloch am Rande des Raumes. Dort zeigen verschiedene Estrichschichten, dass hier möglicherweise mehrere Sakralräume übereinander angelegt wurden:

"Wir haben hier schon zwei Estriche von Vorgängerbauten. Und so was wird ja sicher nicht alle 50 oder 100 Jahre erneuert, da können sie sich vorstellen, wie wir zeitlich in die sich hier in Mainz für uns immer noch sehr Dunkel darstellende Zeit zurückkommen. Mit einem sehr bemerkenswerten Sachverhalt eben, der Fortführung einer antiken Steinbautradition."

Die Böden stammen aus einer Zeit kurz nach der Römerzeit - mehr ist im Augenblick noch nicht zu sagen. Auch die beiden gut erhaltenden Skelette sind noch nicht datiert, weil aussagekräftige Grabbeilagen fehlen. Später kann mit modernen Methoden im Labor das Alter der Knochen jedoch noch genau bestimmt werden. Eines der Skelette liegt in einem gut erhaltenen Sarkophag:

"Es ist kein wiederverwendeter römischer Sarkophag. Es ist ein spezieller Sarkophag des 6. oder 7. Jahrhunderts. Die Bestattung, die wir dort sehen, sie ist schon teilweise freigelegt, stammt aber mit Sicherheit erst aus jüngerer Zeit.."

Ursprünglich wollten die Archäologen in der Mainzer Johanniskirche nur einige Wochen graben. Doch die Funde aus dem 6. oder 7. Jahrhundert fesseln das kleine Mainzer Grabungsteam nun schon ein Dreivierteljahr. Wenn es noch länger dauert, sei das auch in Ordnung, findet Marion Witteyer:

"Diese Grabung ist dazugekommen, sie war in dieser Firm nicht geplant, sodass wir einfach mehr Personal bereitstellen mussten. Das ist eine Herausforderung, in der Tat. Aber die Kirche hat es verdient."

Die heute evangelische Kirche im Schatten des großen Mainzer Domes. Gut möglich, dass die Johanniskirche zumindest archäologisch am Ende aus dem Schatten der jüngeren Kathedrale heraustreten wird, die ebenfalls schon 1000 Jahre alt ist. Die Archäologen Marion Witteyer und Ronald Knöchlein werden jedenfalls alles dafür tun. Der Lärm des Presslufthammers oben im Kirchenschiff wird sie davon nicht abhalten.

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