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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Man ist, was man isst20.02.2006

Man ist, was man isst

Jutta Voigt: "Der Geschmack des Ostens. Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR"

Soljanka oder Würzfleisch haben bis heute auf Ost-Speisekarten überlebt. Inzwischen erscheinen sogar Reprints einschlägiger DDR-Kochbücher, die zu Zeiten von Ulbricht und Honecker mitunter eher zum Magengrimmen der Bevölkerung beitrugen. Einige solcher Rezepte sind auch im neuen Buch der Berliner Journalisten Jutta Voigt nachzulesen, die darin dem Konnex zwischen "Essen, Trinken und dem Leben in der DDR" nachspürt.

"Es ist eine Resteessen mit der Vergangenheit", sagt Autorin Jutta Voigt. (AP)
"Es ist eine Resteessen mit der Vergangenheit", sagt Autorin Jutta Voigt. (AP)

BEITRAG JÖRG WAGNER

'"Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zum Essen bitte sehr, es macht ihn ein Geschwätz nicht satt. Das schafft kein Essen her (Ernst Busch)"

Bertolt Brecht hatte es bereits 1934 im Einheitsfrontlied durch Ernst Busch in die proletarische Welt hinaus singen lassen - damit auch in die Köpfe der späteren DDR-Regierenden - den Zusammenhang von Politik und Speisenkarte einer Gesellschaft. Etwas derber klang es wenige Jahre zuvor in der Dreigroschenoper: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Anders formuliert: Sage mir, was und wie du isst, und ich sage dir, in welchem Zustand sich die Gesellschaft befindet.

Mit dieser einfachen Formel hat die Journalistin Jutta Voigt, 1941 in Berlin geboren, aufgewachsen im Ostteil, die DDR-Ess- und Trink-Kultur analysiert. Ein naheliegender, sich geradezu aufdrängender Ansatz, der angenehm heraus sticht aus der Vielzahl von Büchern über die DDR, die zumeist mit der "Weißt-Du-noch"-Attitüde geschrieben sind oder "Jetzt-erzählen-wir-mal-den-Wessi's-und-Nachgeborenen, dass Grilletta und Broiler unsere Hamburger und Brathähnchen waren". Die DDR, das abgeschlossene Sammelgebiet. 'Wir liefern den Katalog'.

Doch so naheliegend es zu sein scheint, die fehlende Banane als Lochfraß am DDR-Lack zu sehen, den Einheitsbrei in den Werkskantinen mit der Vision einer Einheitspartei und ihrer Menschengemeinschaft in Beziehung zu setzen und das DDR-Geschichtsbuch mit der Brille eines Gourmets zu schreiben, die Autorin Jutta Voigt näherte sich zunächst ohne These.

"Ich bin ein gebranntes Kind. Ich bin Journalistin in der DDR schon gewesen, und wenn mir, und ich konnte das nicht hören und ich kann es auch heute noch nicht hören, wenn mir ein Chefredakteur sagt, ja, was soll dabei rauskommen. Ich fange nicht so an, was soll denn dabei rauskommen. Ich gucke mir die Wirklichkeit an. Ich gucke mir die Archive an. Ich recherchiere, ich erinnere mich und befrage Leute. Dann sehe ich, was war und welche These könnte sich ergeben. Also genau umgekehrt. "

Herausgekommen ist ein detailreicher, umfangreich recherchierter, plastisch aufgeschriebener Exkurs durch die Lebensmittelläden, Gaststätten, Kantinen, Imbissbuden, Privatküchen. "Es ist eine Resteessen mit der Vergangenheit", wie die Autorin lakonisch im Vorwort mit der Überschrift Entrée bemerkt.

Die wichtigsten Köche des Sozialismus, Ulbricht und Honecker, werden dem Leser als Zweigänge-Menü serviert. Überschrieben für den einen mit "Bockwurst, Broiler, Zukunft". Und die letzten 20 DDR-Jahre des anderen nebst Wendezeit gerinnen zu "Nudelsalat, Fondue, Stillstand". Über allen die Patina des Einfachen, Rustikalen, Proletarischen mit der kleinbürgerlichen Sehnsucht nach dem Geschmack der großen Welt.

Zusammengetragen ist ein fast fotografisch genaues, um andere sensorische Beschreibungen ergänztes Abbild dessen, was DDR-Bürgen durch den Magen ging und ihnen zuweilen auf denselben schlug. Schon dies nur zu erinnern und fixiert zu haben, verdiente Lob. Dass die für ihre Reportagen, Essays und Kolumnen geschätzte Jutta Voigt auch noch die am einstigen kollektiven Speisenplan Teilgenommenen überraschen kann, ist besonders erwähnenswert. Durch so manches Aha-Erlebnis. Z. B. bei denen, die noch Manfred Krugs Lied von der "Sonnenseite" im Ohr haben, aber nicht mehr wissen oder noch nie wussten, woher die Speisewürze BINO ihren Namen bekam.

"Koche mit Liebe, würze mit BINO, hin- und wieder tut ein DEFA-Lustspiel gut "

BI-NO gleich Bitterfeld Nord. Bitterfeld ein wichtiger Standort der DDR-Chemie-Industrie. Chemie sollte in den DDR-Anfangsjahren "Wohlstand und Schönheit" bringen. Somit erzählt die unpoetische Abkürzung BINO einer Speisewürze, hergestellt im VEB Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld, plötzlich sehr sinnlich darüber, wie das Staatsgebilde DDR getickt hat, das sich plagte mit Reparationen, Embargo, Misswirtschaft und aufgezwungenem Import des Stalinismus. Da wird auch eine Weißweinwerbung zum politischen Manifest.

"Weißwein ist so recht das Getränk unserer Zeit. Für unseren Optimismus. Weißwein für frohe Stunden. Weißwein für glückliche Menschen, die sich gemeinsam über Vollbrachtes freuen. "


Und ganz profane Statistiken werden zum Barometer für DDR-Befindlichkeit. Jutta Voigt:

"Der Butterverbrauch war der höchste in der Welt, also in den siebziger, achtziger Jahren, der Fleischverbrauch ebenso. In der Woche hat ein einzelner Mensch
1700 g Fleisch und Wurst gegessen. Das finde ich schon ganz schön erstaunlich. Alles war schwer, schwer, schwer. Viel Kartoffeln, viel Soße, viel Fleisch, und dafür schmeckte alles ein bisschen eins wie das andere. Also, und ich denke, wenn man sich so voll frisst, dass man eigentlich nichts mehr machen kann, als sich zurück lehnen, sich dann aufs Sofa hauen, dass es einen bestimmten Menschenschlag ergibt, der in so einer breiigen Zufriedenheit ausharrt und sich nicht genügend wehrt vielleicht gegen bestimmte Umstände. Also während der DDR Zeit habe ich es wahrscheinlich am eigenen Leibe gespürt, wie bewegungslos Sattsein macht und zu satt sein und bestimmte Langeweile oder auch bestimmten Frust weg zu essen oder auch mit Wodka schön weg zu saufen, das darf man ja auch nicht vergessen, dass in der DDR ja auch sehr, sehr viel getrunken wurde, und zwar Hochprozentiges, weil es einfach besser geschmeckt hat als die Weine, die waren ja nicht so besonders. Und als ich dann das Buch angefangen habe zu schreiben, da war mir klar dieser Zusammenhang zwischen dem vielen Essen und dauernd auf Essen fixiert sein und der Bewegungslosigkeit, der wurde mir während des Schreibens immer klarer."


Man kann diese These für gewagt halten. Es findet sich beim 1. Sekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht auch der Gegenbeweis.

"Nach den Erkenntnissen der Wissenschaft soll man nicht zuviel Butter essen, weil das die Arteriosklerose fördert. Das ist der Grund, warum ich nicht so viel esse, weil ich nicht nur die Adenauer Regierung, sondern auch einige andere Regierungen in Westdeutschland überleben möchte. (Beifall)"

Aber die DDR war nicht logisch. Sie propagierte zwar die Planwirtschaft, diese war jedoch konfuser als die Regeln des Marktes. Ob man dem fetthaltigen Essen mit seinen Einheitssoßen diese politische Bedeutung zuschanzt oder nicht, ist letztlich nicht wichtig. Die Autorin regt mit ihrem Buch auf vergnügliche Weise an, sich selbst und seine Mitmenschen zu beobachten, vergangenes und gegenwärtiges Speisen ihrem Blickwinkel zu unterwerfen. Und sich gegebenenfalls mit ihr gedanklich zu fetzen. Dabei ist auffallend, dass, wie sie die DDR in bester Aufklärungsabsicht beschreibt, alle nostalgischen Gefühle wegbläst, selbst wenn man die mit Leipziger Messegold prämierte sowjetische Soljanka gerne aß und auch noch den einen oder anderen Vorzug am Sozialismus entdecken kann. Jutta Voigts Buch ist ein probates Mittel zum Abgewöhnen der DDR. Wer sie zurück haben wollte, wird sich nach der Lektüre schwer gedanklich mit diesen vor dem Vergessen bewahrten Unzulänglichkeiten der DDR anfreunden können. Eine interessante Nebenwirkung, die die Autorin überrascht:

"Oh, jetzt bin ich erst einmal verblüfft, weil ich das eigentlich nicht finde. Ich finde, es steht sehr viel Positives über die Anfänge der DDR drin oder was da gemeint gewesen ist, also gut gemeint und schlecht gemacht dann, ja? Ich habe mal Philosophie studiert. Und zwar marxistische. Und da hat man Dialektik gelernt. Und man kann nicht nur, weil die Zustände heute mies sind, sagen: In der DDR war alles schön oder sehr vieles schön. Ich finde, das wäre nicht gerecht. Historisch nicht gerecht. Weil ich ja der Meinung bin, Sie sehen, wie eifrig ich versuche, Ihnen da zu widersprechen, weil ich ja denke, es war nicht der letzte Versuch, eine andere Gesellschaft als den Kapitalismus herzustellen, und dann soll man doch bitteschön wirklich einiges lernen. Und ich denke, auch mein Buch ist ein ganz kleiner Teil dafür zu lernen, aus Fehlern zu lernen, und da kann man sie nicht beschönigen."

Ein neuer gesellschaftlicher Versuch wird nach Jutta Voigts Vorstellungen eine viel internationalere Küche haben müssen. Das Buch hilft sicher neuen Köchen beim Vermeiden vieler Fehler. Denn mit der Gesellschaft ist es wie mit dem Rotkohl ...

"Ein Mensch, der täglich kochen muss, spürt irgendwann mal Überdruss. Doch Schöpfergeist verzagt mitnichten, die kluge Frau fängt an zu dichten. Ein Kunstwerk wird der Rotkohlkopf, geformt für Schüssel oder Topf. Genial geschmacklich kombiniert und farbharmonisch nuanciert. Fürwahr ein Vitamingedicht. Lukullus selbst könnt's besser nicht. Seht nur, wie die Lippen schlecken, so köstlich kann nur Rotkohl schmecken."

Jörg Wagner über Jutta Voigt: Der Geschmack des Ostens. Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR. Veröffentlicht im Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig, 214 Seiten für 16 Euro.

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