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"Man muss das Gesamtbild würdigen"

Kann Wladimir Putin ein Vorbild für die Bundesrepublik sein? "Ja", sagt die "Werkstatt Deutschland", ein privater Verein, die den Preis ins Leben gerufen hat. Nein, widersprechen zahllose Kritiker wie Grünen-Chef Cem Özdemir. Er trat sogar als Kuratoriumsmitglied zurück.

Von Dorothea Jung |
    Fünf Meter hoch, aus Kupfer getrieben, krönt die Quadriga das Brandenburger Tor. Das klassizistische Kunstwerk zeigt die geflügelte Siegesgöttin Viktoria als Wagenlenkerin. In einer Hand hält sie die Zügel für vier Rösser eines Streitwagens, in der anderen Hand trägt sie einen Stab mit Eichenlaubkranz und Eisernem Kreuz, auf dem ein Adler thront.

    Eine symbolträchtige Skulptur – konzipiert als Friedensgöttin, im Lauf der preußischen Geschichte von Napoleon als Beutekunst nach Paris entführt, zurückerobert, zur Siegesgöttin umfunktioniert, im Zweiten Weltkrieg zerschossen –, auferstanden aus Ruinen, restauriert und neu installiert nach der Wende. Die Quadriga kann nicht nur mythologische Geschichten erzählen, sondern auch durchaus irdische.

    Und jetzt kommt ein Kapitel neu hinzu. Verantwortlich dafür ist die "Werkstatt Deutschland". Ein privater Verein, der 1993 gegründet wurde, um die deutsche Wiedervereinigung mit glanzvollen Events positiv aufzuladen. Gründungsmitglieder waren unter anderem der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière, der Theologe Richard Schröder sowie Franz-Reinhard Habbel, der Sprecher des Städte- und Gemeindebundes. Zusammen mit Marie-Luise Weinberger, einer geltungsbewussten Dame, die angibt, Publizistin zu sein, bilden diese Menschen heute den Vereinsvorstand. Zur Philosophie des Preises heißt es auf der Webseite:

    "Die Quadriga ehrt Persönlichkeiten und Projekte, deren Denken und Handeln auf Werte baut. Werte, die Vision, Mut und Verantwortung dienen. – Die Quadriga würdigt Vorbilder. Vorbilder für Deutschland und Vorbilder aus Deutschland."

    Wladimir Putin – ein Vorbild für die Bundesrepublik? "Ja", sagt die "Werkstatt Deutschland". Die Quadriga stehe in diesem Jahr unter dem Leitmotiv "Leadership". Putin werde für seine Verdienste um die Verlässlichkeit und die Stabilität der deutsch-russischen Beziehungen ausgezeichnet. "Nein, Putin ist kein Vorbild", sagen zahllose Kritiker. Darunter auch Monika Grütters, CDU, die Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag.

    "Solange er an der Macht ist, gibt es weniger Demokratie und weniger Freiheit in Russland. Was wir hier wahrnehmen, sind Willkürjustiz und Auftragsmorde an Journalisten. Das ist außerordentlich fragwürdig. Sicher ist, er hat sich um das Verhältnis zu Deutschland bemüht, sodass Deutschland und Russland tatsächlich eine stabilere Beziehung aufbauen konnten. Aber ich glaube, man muss das Gesamtbild würdigen. Da kann ich keine Vorbildfunktion erkennen."

    Ähnlich sieht das Grünen-Chef Cem Özdemir. Bis Montag dieser Woche war er Kuratoriumsmitglied im Verein "Werkstatt Deutschland". Als klar war, dass der Verein an seiner Entscheidung festhält, trat Özdemir aus dem Kuratorium aus.

    "Es gibt ja diese beliebten Spiele aus der Schule, wo man immer so Zahlenreihen hat, und fragt: Was passt da nicht dazu? Und ich würde sagen: In die Reihe Vaclav Havel, Bärbel Bohley und Michail Gorbatschow passt Putin nicht."

    Wer im Vereinskuratorium Putin vorgeschlagen hat, mochte Cem Özdemir nicht verraten – und auch viele der übrigen Kuratoriumsmitglieder, darunter Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, CSU, schweigen sich darüber aus, wie die Idee zustande kam. Klar ist jedoch inzwischen: Nicht alle im Gremium waren im Bilde. So zog sich heute auch der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum aus dem Verein zurück. Begründung: Es sei nicht hinnehmbar, dass einzelne Mitglieder des Kuratoriums für Entscheidungen in Haftung genommen werden, an denen sie nicht beteiligt waren. Ähnlich der Quadriga-Preisträger von 2008, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales: "Ich bedaure, dass Quadriga meinen Namen in dieser Weise benutzt. Mich hat niemand gebeten, für oder gegen jemanden zu stimmen", sagte Wales der russischen Zeitung "Istwestija". Kritische Stimmen kommen auch aus russischen Oppositionskreisen, aus Polen und der Tschechischen Republik. Meist erinnern sie, wie Cem Özdemir, an den ursprünglichen Anlass des Preises.

    "Der Preis wird am 3. Oktober verliehen. Der 3. Oktober ist in Deutschland ein sehr symbolträchtiger Tag. Er steht nämlich für die Wiedervereinigung, er steht für Freiheit, er steht für Demokratie, für zivilen Ungehorsam, für all das, wofür wir die Menschen im Osten Deutschlands bewundern, wie sie die friedliche Revolution möglich gemacht haben. Insofern glaube ich, ist es zwingend, dass diejenigen, die man aussucht an so einem Tag, auch einen Bezug haben müssen, das heißt, sie müssen in irgendeiner Weise für Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit stehen."

    Nach Meinung von Unionspolitikerin Monika Grütters ist es bedenklich, wenn ein kleiner privater Verein, der keine direkten Verbindungen zu politischen Gremien habe, es riskiere, eine diplomatische Staatsaffäre zu verursachen. Aber auch der Preis der Quadriga selbst läuft nach Meinung von Monika Grütters Gefahr, nachhaltig beschädigt zu werden.

    "Was ich sehr bedauern würde, wäre, wenn der Begriff Quadriga das, was ja auch unser nationales Denkmal ziert - das Brandenburger Tor -, wenn das mit Schaden leiden würde, denn das rechtfertigt, glaube ich, die Initiative einer privaten Vereinigung in ganz Deutschland nicht."

    Dennoch erscheint es ziemlich sicher, dass die Quadriga, die auf mehr als 200 Jahre handfester kriegerischer und politischer Erfahrungen zurückblicken kann, derartige Niederungen weltlicher Eitelkeiten eines kleinen Vereins hoheitsvoll und mit Würde überstehen wird.