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Man sprach Deutsch

Appetitlosigkeit, mattig, Mundhöre weißlich ...

Von Esther Körfgen | 15.01.2005

    Gut, es war vielleicht nicht ganz fehlerfrei, was ein japanischer Arzt da in seine Akten schrieb, aber es war Deutsch. Noch bis 1994 benutzte er für seine Krankenkarteien ausschließlich die deutsche Sprache. In der japanischen Medizin bis dahin die unbestrittene Wissenschaftssprache Nummer eins. Der Grund war, dass in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts tatsächlich die überwältigende Mehrheit der Entdeckungen im Fach Medizin in Deutschland gemacht wurde.

    Und nicht nur in der Medizin, sagt der Duisburger Sprachwissenschaftler Ulrich Ammon. In allen Wissenschaften zählten die Deutschen zu den Vorreitern. Auch zu lesen in der japanischen "Zeitschrift für Deutsche Sprache", die erstmals 1898 erschien:

    Deutschland hat jetzt den Ruf, das in den Wissenschaften am weitesten fortgeschrittene Land zu sein, und das mit Recht. Denn aus allen Ländern gehen lernbegierige Studenten dahin, um auf deutschem Boden weitere Untersuchungen in allen Zweigen der Wissenschaft zu machen. Auch von unseren Studenten werden die tüchtigsten gewöhnlich nach Deutschland geschickt.

    Für junge, aufstrebende Wissenschaftler in aller Welt galt: besser Deutsch lernen, sonst versteht man die Literatur nicht. An vielen Unis war ein Sprachkurs sogar Pflicht - in den USA etwa für Chemiker und Psychologen, in Portugal und Japan für Juristen. Schon in der Schule war Deutsch vielerorts unumgehbares Fach. Weiß Ulrich Ammon:

    Beispielsweise in den USA. Kann man sich heute kaum noch vorstellen, heute ist Spanisch dort die wichtigste Fremdsprache, aber vor dem ersten Weltkrieg war Deutsch die mit Abstand wichtigste Fremdsprache in den USA, und ein wichtiger Grund neben anderen war eben die Bedeutsamkeit der deutschen Wissenschaft.

    Jeder berühmte deutsche Wissenschaftler unterrichtete ausländische Schüler, lehrte im Ausland, vertrat seine Wissenschaft auf internationalen Konferenzen und tat dies alles - selbstverständlich - auf Deutsch. So Robert Koch, Siegmund Freud, Max Weber oder Albert Einstein, zum Beispiel auf der Science Conference in London, 1941:

    Der übernationale Charakter der wissenschaftlichen Begriffsbildung und Sprache beruht darauf, dass zu deren Konstruktion die besten Köpfe aller Länder und Zeiten beigetragen haben. Sie haben in einsamer und doch im Effekt gemeinsamer Arbeit das geistige Werkzeug.

    Die deutsche Sprache begegnete einem, wo auch immer es um Wissenschaft ging - und ganz besonders um Naturwissenschaft. In internationalen Bibliografien war mindestens ein Drittel aller Titel deutschsprachig, wobei längst nicht alle der aufgeführten Werke auch von Deutschen geschrieben waren, sondern zum Beispiel von Japanern, in einer japanischen Zeitschrift:

    Berichte des Ohara Instituts für Landwirtschaftliche Biologie Okayama Universität.

    Auch die britische Bibliografie "Zoological Record" von 1910 zeigt, wie viele nicht-deutschsprachige Wissenschaftler auf deutsch schrieben oder ins Deutsche übersetzt wurden:

    Babuschkin, Moskau: Die Aufgaben des neuen veterinär-biologischen Laboratoriums am Moskauer zoologischen Garten.

    Chagas, Rio de Janeiro: Flagellaten-Studien.

    Dons, Norwegen: Verwechslung von Folliculina und Filellum.

    Die Blütezeit solcher deutschen Begrifflichkeiten sollte allerdings nicht mehr lange anhalten: der erste Weltkrieg brach aus, Deutschland hatte weder für Forschung noch für Publikationen das nötige Geld. Im finanzstarken Amerika dagegen wuchsen und gediehen an den Hochschulen Konkurrenzunternehmen, und mit ihnen ihr internationales Ansehen. Und dann kam auch noch ein Boykott dazu: von Wissenschaftlern der Siegermächte gegen ihre Kollegen aus Deutschland und Österreich.
    Ammon: Nach dem Ersten Weltkrieg war deutsch quasi auf internationalen Konferenzen verboten. Das hat sich fünf, sechs Jahre hingezogen, was sehr nachhaltig nachgewirkt hat, und die deutschen Wissenschaftler haben dann von sich aus den Fehler gemacht, nach dieser Boykottzeit nicht international in diesen Verbänden mitzuarbeiten, sondern im Grunde so eine Art Gegenboykott zu betreiben, ein schwerer Fehler, so dass Deutsch aus wissenschaftspolitischen Gründen damals große Einbußen auf internationaler Ebene erleben musste.

    Ein weitaus größerer Aderlass für die deutsche Wissenschaft war jedoch die dann folgende Vertreibung vieler ihrer Vertreter ins Exil. Allein bis 1936 traf sie mindestens 1600 deutsche Hochschullehrer - die allermeisten von ihnen gingen in angelsächsische Länder. Das Thema "Deutsch als internationale Wissenschaftssprache" war damit aber noch lange nicht endgültig vom Tisch: bis in die Achtzigerjahre war der deutsche Anteil an wissenschaftlichen Publikationen enorm hoch. Dann jedoch brach er regelrecht ein. Ulrich Ammon nennt den Grund:

    Die Wissenschaftler, die in den Zwanziger-, Dreißigerjahren in Deutschland studiert hatten, lebten oder arbeiteten bis in die Siebziger-, Achtzigerjahre und gebrauchten auch bis dahin das Deutsche. Und erst mit dem Ende dieser Wissenschaftler-Generation ist das dann richtig deutlich geworden, dass Deutsch als internationale Wissenschaftssprache ausgespielt hatte.