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Mangel an MINT-Absolventen

Studierte Mathematiker, Informatiker, Bauingenieure oder Elektrotechniker haben zurzeit glänzende Berufsperspektiven. Denn laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft fehlen aktuell 120.000 Akademiker aus diesen Bereichen. Fachkräfte-Lücke nennt die Industrie das neuerdings.

Von Gerhard Schröder | 21.11.2012

    Angehende Ingenieure können sich freuen. Der grassierende Fachkräftemangel beschert ihnen nicht nur glänzende Berufsperspektiven, sondern auch verlockende Verdienstmöglichkeiten, sagt Michael Hüther, der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft:

    "Wir haben höhere Einstiegslöhne bei den MINT-Akademikern zu verzeichnen. Nach Informationen des Hochschulinformationssystems haben die Ingenieure die Wirtschaftswissenschaftler schon überholt und folgen bei den Einstiegslöhnen unmittelbar auf die Humanmediziner."

    Schon jetzt fehlen 120.000 Akademiker mit mathematisch-technischem Hintergrund, das geht aus den neuesten Zahlen hervor, die Hüther heute vorlegte. Besonders gefragt sind Ingenieure im Maschinen- und Fahrzeugbau, im Energiebereich und der Elektrotechnik. Noch keine Engpässe, so Hüther, gibt es derzeit bei Chemikern und Biologen.

    Der Personalmangel gefährdet den Aufschwung, warnt Thomas Sattelberger, der ehemalige Personalchef der Deutschen Telekom. Er leitet die Arbeitgeberkampagne MINT-Zukunft schaffen.

    "Den Großkonzernen steht das Wasser bis zum Bauchnabel, während den kleinen und mittleren Unternehmen das Wasser in der Frage Fachkräftenachwuchs bis zum Hals steht. Die Betriebe finden keine qualifizierten Mitarbeiter, Aufträge werden nicht angenommen, Projekte nicht durchgeführt."

    Die Probleme werden sich in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren noch verschärfen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Sattelberger sieht dabei auch die Universitäten in der Pflicht. Zwar sei es in den vergangenen Jahren gelungen, mehr Heranwachsende für ein naturwissenschaftlich-technisches Studium zu interessieren. Aber über die Hälfte der Studienanfänger bricht sein Studium wieder ab. Ein Versagen, das die Wirtschaft nicht länger hinnehmen will:

    "Leider wird dieses Versagen der Universitäten bei der Mittelvergabe des Hochschulpaktes nicht berücksichtigt. Das muss sich ändern. Wir fordern Mittelkürzung in Abhängigkeit von der Abbrecherquote."

    Ernüchtert registriert Sattelberger auch, dass es zwar gelungen ist, viele ausländische Studenten für MINT-Fächer zu interessieren. Aber nur 14 Prozent der Absolventen bleiben in Deutschland, einige kehren in ihre Heimatländer zurück, die meisten dagegen ziehen weiter, in klassische Einwanderungsländer wie die USA oder Kanada zum Beispiel:

    "Das ist eine Verschwendung von Talenten, die wir uns so nicht länger leisten können."

    Noch größer als bei den Akademikern wird der Personalmangel bei den Facharbeitern. Derzeit rücken jährlich zwanzig- bis dreißigtausend zu wenig Azubis nach, doch die Schere öffnet sich. Im Jahr 2020 werden rund 100.000 Nachwuchskräfte mit naturwissenschaftlich-technischer Berufsausbildung fehlen. Darauf müssen wir uns einstellen, und bislang ungenutzte Potenziale erschließen, sagt Peer Michael Dick, der kommissarische Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Heißt zum Beispiel: Mehr Mädchen für technische Berufe interessieren:

    "Und schließlich müssen wir ältere Fachkräfte länger im Betrieb halten. Das hat Auswirkungen für die Weiterbildung der Mitarbeiter – Stichwort lebenslanges Lernen. Für die Gestaltung der Arbeitsplätze und der Gesundheitsvorsorge."

    Auch um die Jugendlichen will sich die Wirtschaft stärker kümmern. Zehntausende verlassen jedes Jahr ohne Abschluss die Schule und finden anschließend keine Ausbildung.

    "Wir werden noch mehr Jugendliche mit schulischen Defiziten an die MINT-Ausbildung heranführen wollen. Wir haben derzeit noch 300.000 Jugendliche in den Übergangssystemen zwischen Schule und Beruf. Sie warten auf eine Ausbildung."

    Aber nicht nur an Schülern und Azubis mangelt es, sondern zunehmend auch an Lehrern, die den Nachwuchs in Mathematik, Physik oder Chemie unterrichten kann. 40.000 Pädagogen mit diesen Fachrichtungen fehlen schon jetzt, und die Hälfte geht auf die Rente zu. Auch dieses Problem müssen wir angehen, wenn wir den Nachwuchs nicht verlieren wollen, sagt Thomas Sattelberger.