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Manipuliert und hochgepusht?

Gestern ging Greenpeace mit der Warnung an die Presse, die Umweltorganisation habe bei Johannisbeeren unangemessene Pestizidbelastungen gefunden. Die gute Nachricht lautete: Himbeeren dagegen seien nicht belastet. Die Pestizid-Hersteller warfen Greenpeace im Gegenzug Verbrauchertäuschung vor.

Von Verena Kemna | 27.07.2010
    Greenpeace hat nach eigenen Angaben in 13 Proben konventionell angebauter Johannisbeeren einen Chemiecocktail entdeckt. Alle Proben stammen aus deutschem Obstanbau, die meisten aus Baden-Württemberg. Laut Greenpeace stecken in jeder untersuchten Johannisbeere im Schnitt sechs Pestizide. Einige der in den Johannisbeeren nachgewiesenen Spritzmittel könnten nervengiftig oder gar krebserregend wirken, den Hormonhaushalt und die Fortpflanzung beeinträchtigen. Der Industrieverband Agrar spricht dagegen von Trickserei. Die nachgewiesenen Pestizidrückstände würden alle unterhalb der gesetzlich festgelegten Höchstgrenze liegen. Doch der Greenpeace-Experte Manfred Santen bleibt dabei.

    "Wir nennen das Pestizidcocktail. Das heißt, wir haben eine Mischung aus verschiedenen Pestiziden deren gesetzlich zugelassene Höchstgrenze für jedes einzelne Pestizid unterschritten wird, die aber in der Summe unserer Meinung nach eine andere gesundheitliche Bewertung erfahren müssen. Deswegen haben wir den sogenannten Summenwert eingeführt. Das heißt, wir addieren die Ausschöpfung der einzelnen Höchstgehalte und kommen dann zu dem Schluss, wenn über 100 Prozent Ausschöpfung vorliegen, dann sind diese Johannisbeeren unserer Meinung nach zu stark belastet."

    Solche Summenwerte haben gesetzlich in Deutschland und EU-weit noch keine Gültigkeit. Doch auch das international agierende Pestizid-Aktions-Werk PAN setzt sich für Summenwerte ein. Eine Forderung, deren Umsetzung nach Einschätzung von Experten wahrscheinlich noch Jahre dauert. Zwei der in den Johannisbeeren gefundenen Substanzen, Difenoconazol und Dodin bezeichnet Greenpeace als illegale Agrargifte. Beide Substanzen seien zwar generell in der EU zugelassen. Eine Zulassung für den Johannisbeeranbau in Deutschland gebe es jedoch nicht.

    "Also nach unserer Kenntnis sind zwei der Stoffe, die wir gefunden haben, für den Anbau von Johannisbeeren in Deutschland nicht zugelassen. Dabei handelt es sich um Dodin und Difenoconazol, die haben wir einmal in einer Probe von Edeka und von Kaisers Tengelmann in Berlin gefunden. Das sind Substanzen, die im Johannisbeeranbau nicht angewendet werden dürfen."

    Christina Pickel ist beim Umweltbundesamt in Dessau zuständig für den Bereich Pflanzenschutz. Sie bestätigt, dass der Wirkstoff Dodin im deutschen Johannisbeeranbau nicht zugelassen ist. Der Wirkstoff Difenoconazol sei dagegen EU-weit seit 2008 auf jeden Fall beim Anbau von Himbeeren und Brombeeren ein zulässiges Pflanzenschutzmittel.

    "Was wir sehen, ist ein Trend hin zu mehr Kombinationspräparaten. Das heißt, dass ein Pflanzenschutzmittel mehrere Wirkstoffe enthält und die einzelnen Wirkstoffe sind dann häufig in geringeren Mengen in dem Pflanzenschutzmittel enthalten als zum Beispiel bei vergleichbaren Einzelstoffpräparaten."

    Mit der Folge, dass einzelne Wirkstoffe zwar in niedrigeren Konzentrationen auftauchen, dass aber die Wirkung der einzelnen Stoffe in der Summe oft unklar ist. Kombinationswirkungen sollten bei der Zulassung von Pestiziden mit berücksichtigt werden, so eine Forderung des Umweltbundesamtes. Tendenziell werden in Deutschland von Jahr zu Jahr mehr Pestizide und mehr Kombinationspräparate eingesetzt.

    "Der Trend hin zu Kombinationspräparaten und zu mehr Pflanzenschutzmitteln, diesen Trend sehen wir auch."

    Unterdessen hat Greenpeace die Laborwerte der Johannisbeerproben aus konventionellem Anbau weitergeleitet.

    "Wir haben keine Strafanzeige gestellt, sondern wir haben diese Tatsache der zuständigen Lebensmittelüberwachungsbehörde gemeldet und gebeten entsprechend Konsequenzen zu ziehen."