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StartseiteKalenderblattMann zarter Poesie02.05.2007

Mann zarter Poesie

Vor 150 Jahren starb Alfred de Musset

Die Sterne wollte er weinen hören und den Duft der Blume atmen. Mit seinen Versen inszenierte der französische Dichter Alfred de Musset das ganze romantische Programm. Er war ein schwärmerischer und zugleich überaus scharfsinniger Geist.

Von Kersten Knipp

Mit seinen Versen inszenierte Musset das ganze romantische Programm. (Stock.XCHNG / Andreas Furxer)
Mit seinen Versen inszenierte Musset das ganze romantische Programm. (Stock.XCHNG / Andreas Furxer)

"Ich hoffte wohl zu weinen, / aber ich litt nur, / als ich wagte, dich wieder zu sehen, / den auf immer heiligen Platz. / Das teure und zugleich unbekannte Grab, / in dem eine Erinnerung schläft."

So klingt er, der Weltschmerz der Romantik. "Souvenir" heißt das 1841 geschriebene Gedicht. Acht Jahre zuvor hatte Alfred de Musset die Schriftstellerin George Sand kennengelernt und sich sofort in sie verliebt. Die Liebe wurde erwidert, und es folgte, was zum unbedingten Inventar romantischer Leidenschaft gehört: eine Reise nach Venedig. Doch in der Lagunenstadt erkrankte Musset, und der herbeigerufene Arzt empfahl sich vor allem durch seine erotischen Qualitäten: George Sand gab seinem Werben nach und die Beziehung zum kränkelnden Dichter auf.

"Ah, lasst sie doch fließen, / sie sind mir so lieb, / diese Tränen, entsprungen einem verwundeten Herz! / Wischt sie nicht fort, / lasst ihn auf meinen Wimpern, / diesen Schleier der Vergangenheit."

Doch nicht nur die Liebe bereitete dem 1810 geborenen Dichter Kummer. Genauso betrübte ihn auch, dass das Publikum mit seinen Dramen nichts anzufangen wusste. Ein paar gefeierte Gedichtbände hatte er veröffentlicht, "Erzählungen aus Spanien und Italien" heißen sie etwa, lyrische Erkundungen südlicher Traumlandschaften. Dann, 1830, sein erstes Theaterstück: "Die venezianische Nacht" ist es überschrieben und wurde von den Zuschauern mit Pfiffen bedacht. Zu direkt und zu drastisch sei es, eine Kritik, die Musset schwer zusetzte, und angesichts derer er sich auch ein Jahr später noch in einem Brief an seinen Onkel Mut zusprechen musste.

"Ich versuche den Feinden auszuweichen, aber es wird mir wohl nicht gelingen. Aber angemessene Kritik verleiht Schwung und Kraft. Ungerechte Kritik hingegen braucht man nicht zu fürchten. Auf jeden Fall habe ich mich entschlossen, weiter zu gehen und auf meine Gegner nicht mit einem einzigen Wort einzugehen."

Fortan wird Musset seine Stücke nicht mehr für Zuschauer, sondern nur noch für seine Leser schreiben: Mehrere Dramen jener Zeit sind ausdrücklich nicht für die Bühne gedacht. Man möge sie, schrieb Musset, in stiller Lektüre genießen. So entzog sich der Dichter nicht nur den harschen Worten der Theaterkritiker. Vor allem mit seinen Gedichten fand er eine Möglichkeit, der schwärmerischen Fantasie seiner Zeit neue Wege zu öffnen, sie mit dem Klang träumerischer Verse zu betören. Man lebte schließlich in der Epoche der literarischen Romantik.

"Romantik - das ist der weinende Stern, der stöhnende Wind; die erschaudernde Nacht, die duftende Blume, der fliegende Vogel; die Zisterne unter der Palme; der Engel und die Perle, das Unendliche und das Gestirnte, das Volle und das Runde, das Diametrale, das Pyramidale, das Orientalische, das brennend Nackt, das Umarmte, das Geküsste, das Wirbelnde."

Und doch war Musset nicht nur ein romantischer Schwärmer. In seinem 1836 erschienenen Roman "Confessions d´un enfant du siècle", "Bekenntnisse eines jungen Zeitgenossen", erwies er sich als scharfsichtiger Kritiker der Gesellschaft. Unter dem "Bürgerkönig" Luis Philippe und dessen restaurativer Politik umriss Musset die politische Stagnation jener Jahre.

Drei Elemente teilten also das Leben, das sich den jungen Leuten darbot: Hinter ihnen lag eine auf immer zerstörte Vergangenheit mit den letzten Trümmern des Absolutismus; vor ihnen leuchtete die Morgenröte eines gewaltigen Horizonts, die ersten Strahlen der Zukunft; aber zwischen diesen beiden lag ein Ozean von der Art wie jener, der die Alte von der Neuen Welt trennt; ein gewaltiges, unruhiges Meer, Schauplatz vieler Schiffbrüche. Das gegenwärtige Jahrhundert ähnelt der Vergangenheit ebenso wie der Zukunft. Und bei jedem Schritt, den man darauf tut, weiß man nicht, ob man auf Samen oder auf Trümmern geht.

Doch wohin sich wenden? Die Revolution, gab er später in seinem berühmten Stück "Lorenzaccio" zu verstehen, verdirbt ihre Helden nahezu unausweichlich. Die Kämpfer von einst fügen sich der Kraft der Verhältnisse. Auf seine Weise fügte sich ihnen auch Alfred de Musset: 1845 in die Ehrenlegion berufen, sieben Jahre später zum Mitglied der Academie française ernannt, dann aber an einer leichten Schizophrenie leidend, starb dieses Kinde seiner Zeit am 2. Mai 1857 in Paris.

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