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Manuskript: Verwandlungsversuche

Zehn Jahre ist das deutsche Stammzellengesetz jetzt alt, so lange dürfen deutsche Wissenschaftler rechtmäßig mit bestimmten embryonalen Stammzellen des Menschen forschen. Im Monatsrhythmus erscheinen "bahnbrechende" Ergebnisse. Doch Therapiemöglichkeiten tauchen erst langsam auf.

Von Michael Lange | 01.07.2012

Vor zehn Jahren, im Frühjahr 2002, führte der Deutsche Bundestag hitzige Debatten. Vertreter des Fortschritts traten an gegen Verfechter der Menschenwürde, der Wert neuer Therapien stand gegen ethische Werte. Abgeordnete diskutierten frei von Fraktionszwang und nur ihrem Gewissen verpflichtet über Forschung mit menschlichen Embryonen.

"Darf ich menschliches Leben nutzen oder töten, um möglicherweise irgendwelche Krankheiten zu heilen?"

"Nein, es gibt keinen Kompromiss. Denn embryonale Stammzellen setzen in ihrer Existenz die Vernichtung von Embryonen voraus. Bei der Stammzellenforschung gibt es ja gar keine therapeutische Anwendung."

Am 1. Juli 2002 trat ein Kompromiss in Kraft. Embryonale Stammzellen durften zwar in Deutschland nicht neu gewonnen werden, aber der Import der umstrittenen Zellen wurde unter strengen Auflagen in Einzelfällen erlaubt. Nur solche Zelllinien kamen in Frage, die bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes hergestellt und im Labor gezüchtet worden waren. So sollte sichergestellt werden, dass keine weiteren Embryonen für diese Forschung getötet wurden.

Ohne das Versprechen, neue medizinische Heilverfahren zu entwickeln, hätten sich die Befürworter der Forschung mit embryonalen Stammzellen nie gegen die Kritiker durchgesetzt. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft Ernst-Ludwig Winnacker formulierte das damals so.

"Diesen Zellen wird nicht nur ein großes entwicklungsbiologisches Potential nachgesagt, sondern weil sie das haben auch ein hohes Potential für die Behandlung von Krankheiten."

Immer wieder wurden die gleichen Krankheiten genannt: Parkinson, Alzheimer, Multiple Sklerose, Diabetes, Leberzirrhose oder Herzerkrankungen. Bei all diesen Erkrankungen sind Zellen der Patienten funktionsunfähig oder zu Grunde gegangen. Man hoffte, durch neue Zellen diese Krankheiten irgendwann heilen zu können oder wenigstens ihr Fortschreiten zu verzögern. Der Bonner Stammzellenforscher Oliver Brüstle durfte Ende 2002 als erster embryonale Stammzellen zu Forschungszwecken aus dem Ausland importieren.

"Für mich als Mediziner ist es sehr schwer, nachzuvollziehen, diese Zellen nicht zu nutzen und sie stattdessen einfach wegzuwerfen. Hier sehe ich es geradezu als Pflicht an, wenigstens zu versuchen, aus diesen überzähligen Zellen therapeutisch, medizinisch relevante Zelllinien zu generieren, um anderen Menschen letztendlich damit zu helfen."

Es geht um winzige Zellen, kleinste Einheiten des Lebens: Stammzellen aus dem ersten Lebensstadium menschlicher Embryonen. Die hoch aktiven Zellen werden aus dem Innern der winzigen Embryonen entnommen. Sie teilen sich immer weiter. Und sie sind pluripotent. Gerne werden sie auch als Alleskönner-Zellen bezeichnet. Das heißt: Sie können sich in unterschiedliche Zelltypen verwandeln: zu Blutzellen, zu Muskel-, Haut- oder Nervenzellen. Das machte und macht sie zu Hoffnungsträgern für die Medizin. Mittlerweile nutzen über zwei Dutzend Universitäten, Forschungsinstitute und Biotechnologie-Firmen in Deutschland embryonale Stammzellen. Forscher versuchen im Labor, gezielt diese "Alleskönner" in bestimmte Zelltypen zu verwandeln, meist in so genannte Vorläufer-Zellen von Nerven- oder Muskelzellen. Diese sind weniger teilungsfreudig als die ursprünglichen Zellen. Das bedeutet: Das ursprünglich vorhandene Krebsrisiko wird gesenkt. Erst wenn die Zellen ihre hohe Teilungsaktivität verloren haben, können die Forscher sie verpflanzen – zunächst in Versuchstiere und später vielleicht in Menschen. Einer der Pioniere der Stammzellenforschung ist Hans Schöler. 2004 kam er aus den USA an das Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster.

"Als ich damit angefangen habe, waren wir die Exoten. Da gab es nur ein paar Leute, die sich für diese embryonalen Stammzellen interessiert haben, so richtiges Interesse gab es nicht für die Zellen. Die Begeisterung dafür, die ist in den letzten Jahren so stark geworden, und je mehr daran arbeiten, um so eher wird man verstehen, was es mit diesen pluripotenten Zellen auf sich hat, und man wird schneller die Möglichkeiten, die meiner Meinung nach in diesen Zellen stecken, anwenden können. Das ist einfach spannend. Wir sind jetzt in einer Zeit, wo weltweit an diesen Zellen gearbeitet wird, und das ist doch schön."

Besonders gerne zeigt Hans Schöler die neu eingerichteten Labors in einem Nachbargebäude des Max-Planck-Instituts. Hier lassen sich die Fähigkeiten von Alleskönner-Zellen besonders gut demonstrieren. Dabei arbeiten die Wissenschaftler überhaupt nicht mit embryonalen Zellen des Menschen, sondern mit kleinen Plattwürmern, so genannten Planarien.

"Wir sind im so genannten Planarium. Hier halten wir unsere Planarien in kleinen Plastikgefäßen. Die Temperatur des Raumes beträgt etwa 18 Grad. Die mögen es also nicht gerne zu warm, eher etwas kühler."

Kerstin Bartscherer öffnet eine der Plastikdosen. Im klaren Wasser schwimmen keine ganzen Tiere, sondern lediglich ein paar braune Gewebefetzen, wenige Millimeter groß.

"Hier sind kleine Stückchen, die regenerieren gerade alle. Also keine kompletten Würmer. Die wurden wohl gerade geschnitten. Das machen wir so, wenn wir viele Würmer brauchen. Dann schneiden wir sie durch, und dann regenerieren sie."

Aus einzelnen Stücken werden wieder vollständige Tiere. Kein anderes Lebewesen regeneriert so gut und so schnell wie die Plattwürmer. Bartscherer:

"Wenn man zum Beispiel den Kopf abschneidet, dann wächst der Kopf wieder nach mit dem ganzen Gehirn und dem zentralen Nervensystem. Und wir in der Gruppe, wir untersuchen, welche Faktoren die Regeneration kontrollieren."

Auch Hans Schöler ist immer noch begeistert, wenn er über die Fähigkeiten der kleinen Würmer spricht.

"Sie haben den großen Vorteil, dass sie, wenn sie hungern, schrumpfen. Die Organe werden dann einfach absorbiert. Sie haben dann einen kleinen Plattwurm mit weniger Organen. Und wenn sie dann wieder Futter bekommen, werden sie wieder größer und bilden dann wieder mehr von den jeweiligen Organen."

Organe, die je nach Bedarf wachsen oder schrumpfen. So oder so ähnlich wünschen sich die Forscher die Regenerative Medizin der Zukunft. Dann könnten auch kranke Organe einfach wieder nachwachsen. Aber noch ist es nicht soweit. Die Wissenschaftler wollen zunächst besser verstehen, wie die Alleskönner-Zellen arbeiten. Sie wollen sicher sein, dass die Zellen nicht wuchern und zu Krebsgeschwüren werden. Außerdem sollen die heilenden Zellen nicht vom Immunsystem des Patienten abgestoßen werden. Schöler:

"Aus meiner Sicht ist es deshalb zu früh, Zellen aus embryonalen Stammzellen abzuleiten, weil wir noch nicht wissen: Was passiert mit den Zellen in fünf oder zehn Jahren? Wir können nicht mit Sicherheit vorhersagen, ob sie dann nicht in einen pluripotenten Zustand zurückfallen, was dazu führen könnte, dass Tumore entstehen. Das heißt: Wir brauchen da noch Langzeitstudien. Das sind Dinge, die muss man aus meiner Sicht noch besser verstehen und untersuchen."

Während die Grundlagenforscher noch mehr wissen wollen über die wertvollen Zellen, wünschen sich einige Ärzte und vor allem viele Patienten eine baldige Anwendung.

"Alle Parkinson-Patienten hoffen auf Heilung. Das muss man voraussetzen. Und wenn der Leidensdruck immer größer wird, dann ist man auch bereit bestimmte, manchmal auch unsichere Methoden in Kauf zu nehmen."

Magdalene Kaminski ist Vorsitzende der Deutschen Parkinson-Vereinigung und vertritt die Interessen der Patienten. Ihr Mann litt an Parkinson und ist daran gestorben.

"Also in diesen letzten zehn Jahren, das sind so meine Erfahrungen und Überlegungen, sind ganz, ganz viele Hoffnungen geweckt worden, nicht nur bei Parkinson-Patienten sondern sicher auch bei anderen, mit anderen Krankheitsbildern."

In Deutschland gibt es auch zehn Jahre nach Inkrafttreten des Stammzellengesetzes noch keine klinische Studie, die embryonale Stammzellen verwendet. Aber in den USA begannen erste Experimente. Die Biotechnologiefirma Geron aus Kalifornien preschte immer wieder vor. Seit 2008 beantragte sie mehrfach bei den zuständigen Behörden die Genehmigung für eine klinische Studie mit Zellen, die aus embryonalen Stammzellen hervorgegangen waren. Es handelte sich um eine Behandlung für Rückenmarksverletzte. Und im Oktober 2010 erhielt Geron tatsächlich die Genehmigung. Die Studie konnte beginnen. Wissenschaftler der Firma hatten embryonale Stammzellen in Nervenvorläuferzellen umgewandelt. Nach der Vorbehandlung wurden die Zellen in das Rückenmark von Unfallopfern gespritzt. Zwölf gelähmte Patienten sollten behandelt werden. Aber dazu kam es nicht mehr. Ein Jahr später – erst wenige Patienten waren behandelt worden - wurde die Studie abgebrochen, angeblich aus finanziellen Gründen. Von Schäden durch die Behandlung, aber auch von eventuellen Erfolgen der Zelltherapie ist nichts bekannt. Und so klafft zwischen den Erfolgen im Labor und der Anwendung in der Klinik nach wie vor eine gewaltige Lücke.

"Achten Sie auf die Lücke!" warnt die Lautsprecherdurchsage in der Londoner Untergrundbahn. Nirgends sonst sind so viele Menschen mit Augenverbänden, Augenklappen oder Blindenstöcken unterwegs wie an der U-Bahn-Haltestelle "Old Street" im Zentrum Londons. Nicht weit von hier befindet sich das Moorfields Eye Hospital, die größte Augenklinik Großbritanniens. In den Fluren der Klinik überall Wartebereiche, wo Patienten mit Augenleiden geduldig ausharren.

"My name is Professor James Bainbridge from Moorfields Eye Hospital and University College, London."

Als erster in Europa wagt James Bainbridge nun den Schritt in Richtung Klinik. In einer Studie an der Augenklinik sollen embryonale Stammzellen zum Einsatz kommen.

"Wir glauben, dass insbesondere das Auge von diesen Zellen profitieren kann. Denn das Auge ist gut vom Immunsystem abgeschirmt. Dadurch wird eine mögliche Abstoßungsreaktion durch Immunzellen verhindert. Außerdem ist das Auge in verschiedene Bereiche unterteilt, so dass wir die Zellen sehr gezielt an den richtigen Ort im Auge bringen können."

James Bainbridge bekommt die embryonalen Stammzellen gar nicht zu Gesicht. Von der US-Firma Advanced Cell Technology, ACT, erhält er Retinale-Pigment-Epithelzellen, kurz RPE-Zellen genannt. Sie wurden dort aus embryonalen Stammzellen gezüchtet. Für das Biotechnologie-Unternehmen ACT ist es bereits die zweite klinische Studie, bei der solche Zellen zum Einsatz kommen. Bei der ersten Studie, die seit 2011 in den USA durchgeführt wird, werden Patienten behandelt, die an der altersabhängigen Makula-Degeneration leiden. Diese Form des Sehverlustes ist weit verbreitet. Sie tritt bei Menschen im Alter über 50 auf. Für die zweite Studie in England wählten die Londoner Ärzte und die amerikanische Firma eine nicht so häufige Augenkrankheit.

"Wir haben für unsere Studie eine Krankheit mit dem Namen Stargardt-Makula-Degeneration ausgewählt. Das ist die häufigste Form der erblichen Netzhautzerstörung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen - eine wichtige Ursache für den Verlust der Sehkraft."

Die Hauptaufgabe der RPE-Zellen besteht darin, die eigentlichen Sehzellen in der Netzhaut zu unterstützen. Bei den Stargardt-Patienten gehen die RPE-Zellen zugrunde. Die Sehfähigkeit schwindet. Die Hoffnung der Ärzte besteht nun darin, dass mit den frischen Unterstützer-Zellen hinter der Netzhaut der Verlust der Sehfähigkeit gebremst oder gestoppt werden kann. Vielleicht lässt sich die Sehkraft der Patienten sogar wieder verbessern, aber sicher ist das nicht. Bainbridge:

"Die Studie hat gerade erst begonnen. Wir haben kürzlich einen Patienten behandelt. Aber in naher Zukunft werden wir weitere Patienten in die Studie aufnehmen."

Der erste von insgesamt zwölf Stammzellen-Patienten, die mit Zellen aus embryonalen Stammzellen behandelt werden, ist ein 34-jähriger Besitzer einer Gaststätte in der englischen Grafschaft Yorkshire. Sein Name ist Marcus Hilton. Die Stargardt-Krankheit ist bei ihm bereits fortgeschritten. Er kann noch etwas sehen, aber seine Sehfähigkeit lässt nach. James Bainbridge:

"In dieser Phase geht es in erster Linie um die Sicherheit des Verfahrens. Deshalb haben wir zunächst Patienten ausgewählt, bei denen der Sehverlust bereits weit fortgeschritten ist. So wollen wir verhindern, dass Nebenwirkungen zu weiterem Sehverlust führen. Die Chance, dass die Behandlung die Sehfähigkeit verbessert, ist bei diesen bereits weitgehend erblindeten Patienten eher gering. Die Teilnehmer der Studie wissen das, aber sie wissen auch, dass die Studie wichtig ist, um eine neue Behandlung zu entwickeln, die hoffentlich in Zukunft sehr wertvoll sein wird."

Es ist etwas Besonderes ein Pionier zu sein, erklärte Marcus Hilton gegenüber der Financial Times. Er weiß zwar, dass es in erster Linie um die Sicherheit der Methode geht, aber natürlich hofft er auf eine Verbesserung seiner Sehkraft, als Bonus – wie er sagt. Allerdings erhielt nur eines seiner Augen die Behandlung mit etwa 50.000 Zellen aus dem Labor. Das andere Auge blieb unbehandelt – zur Sicherheit und als Vergleich. Nun muss Marcus Hilton regelmäßig zur Untersuchung nach London zu Professor Bainbridge an die Augenklinik kommen.
"Wir haben gerade erst mit der Studie begonnen. Aber es ist schon ermutigend, dass bisher keine ersthaften Nebenwirkungen aufgetreten sind. Wir haben Hinweise, die andeuten, dass die Zellen im Auge des Patienten überleben. Die Sehfähigkeit könnte sich verbessert haben, aber es ist im Moment noch zu früh, um eine sichere Aussage zu treffen."

Die Parallelstudie in den USA ist schon etwas weiter. Im Frühjahr 2012 veröffentlichten Stammzellenforscher und Augenärzte in einer medizinischen Fachzeitschrift ungewöhnlich früh erste Zwischenergebnisse. Sie stammen aus der Untersuchung von lediglich zwei Studienteilnehmern. Die US-Forscher äußern sich optimistisch, aber aus so wenigen Daten lasse sich noch nicht viel ablesen, betont der Oberarzt Tim Krohne von der Universitäts-Augenklinik Bonn.

"Die ersten Daten deuten darauf hin, dass die Anwendung wirklich sicher sein könnte. Im weiteren Verlauf muss jetzt natürlich noch getestet werden, ob die Patienten auch davon profitieren, ob das Sehen in der Tat besser wird oder wenigstens stabilisiert werden kann, ob die Krankheit gestoppt werden kann."

Für seine eigenen Forschungen benutzt Tim Krohne keine embryonalen Stammzellen. Er setzt auf Stammzellen der nächsten Generation, so genannte "induzierte pluripotente Stammzellen", kurz IPS-Zellen. 2006 wurden IPS-Zellen erstmals von dem japanischen Stammzellenforscher Shinya Yamanaka im Labor gezüchtet, zunächst bei Mäusen und dann bei Menschen. Auch sie gelten als pluripotente "Alleskönner"-Zellen – wie die embryonalen Stammzellen. Aber sie haben nicht deren Nachteile. Für die Herstellung der IPS-Zellen muss kein Embryo getötet werden. Krohne:

"Der Hauptvorteil dieser induzierten pluripotenten Stammzellen ist, dass sie aus patienteneigenem Gewebe gewonnen werden können. Das heißt: Es handelt sich um ein eigenes Transplantat, es findet keine Abstoßung statt. Es muss keine immununterdrückende Medikation gegeben werden, um eine Abstoßung zu verhindern nach der Transplantation. Und zum anderen vermeidet man damit natürlich die ethischen Probleme, die mit einer Verwendung von embryonalem Gewebe einhergehen."

Die Technik zur Herstellung der IPS-Zellen heißt "Reprogrammierung". Sie macht gealterte Körperzellen wieder jung, nahezu embryonal. Die Forscher schleusen Gene oder biochemische Substanzen in reife Zellen eines Patienten, und die reifen Zellen erhalten ihre verlorene Vielseitigkeit zurück. Wenn alles wie geplant funktioniert, könnten die IPS-Zellen in späteren Studien die embryonalen Stammzellen ersetzen.

"Aus diesen Stammzellen kann dann im Labor der gewünschte Zelltyp der Sehzellschicht – in diesem Fall Retinale-Pigment-Epithelzellen – generiert werden, und dieses sozusagen patienteneigene Netzhautgewebe kann dem Patienten dann zurücktransplantiert werden, um den Fortlauf der Erkrankung möglicherweise zu stoppen."

Klinische Studien am Menschen plant Tim Krohne vorerst nicht. Tierversuche müssen noch beweisen, dass die Methode wirkt und dass das Risiko gering ist. Die US-Firma ACT drängt jedoch bereits darauf, auch IPS-Zellen möglichst bald am Menschen zu erproben. Wenn es nach ACT geht schon im nächsten Jahr. Deutsche Wissenschaftler, wie Oliver Brüstle vom Institut für Rekonstruktive Neurobiologie der Universität Bonn, halten diese Ankündigungen jedoch für verfrüht.

"Wir wissen trotz allem heute immer noch zu wenig über die Sicherheit von induziert pluripotenten Stammzellen. Ganz sicher ist es natürlich so: Wenn Sie eine Zelle entnehmen von einem 50- oder 60jährigen, dann diese Zelle umprogrammieren in eine pluripotente Stammzelle, dann ist das Genom zunächst einmal dasselbe. Das heißt: die Mutationen, die sich natürlicherweise über Jahrzehnte in unseren Zellen ansammeln, die letzten Endes mit den Alterungsprozess ausmachen, die bleiben in diesen Zellen bestehen."

Oliver Brüstle arbeitet seit mittlerweile zehn Jahren mit embryonalen Stammzellen und seit fünf Jahren auch mit IPS-Zellen. Als Leiter des Instituts für Rekonstruktive Neurobiologie der Universität Bonn erhält er immer wieder Post von Patienten. Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben oder an Parkinson oder Multipler Sklerose leiden, wollen von ihm wissen, ob und wann sie mit einer Stammzellentherapie rechnen können. Dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als über Fortschritte in der Forschung zu berichten und zur Geduld zu mahnen. Zehn Jahre von einer Idee zu einer Therapie, das sei nicht viel, meint er.

"Das ist ein akzeptabler Zeitraum, wenn man daran denkt, dass Medikamente von der Erstkonzeption zur medizinischen Erprobung auch etwa zehn Jahre beanspruchen. Hier haben wir es mit wesentlich komplexeren Entwicklungen zu tun. Es geht darum, Erkrankungen mit Hilfe von Stammzellen zu behandeln. Da ist ein Zeitraum von zehn Jahren plus minus drei Jahre durchaus akzeptabel."

Oliver Brüstle verweist dann gerne auf neue Erfolge aus der Grundlagenforschung. Bald – so hofft er – können defekte Nervenzellen im Gehirn von Patienten durch Zellen aus dem Labor ersetzt werden.

"Ich erwarte, dass in den nächsten Jahren die Verfahren zur Herstellung von spezifischen Körperzellen, etwa bestimmte Nervenzellen, für die Parkinsonsche Erkrankung, möglicherweise auch für andere Erkrankungen, erhebliche Fortschritte machen werden. Das kann man bereits jetzt im wissenschaftlichen Umfeld sehen. Es hat lange gedauert, aber jetzt kommen diese Entwicklungen richtig in die Gänge. Ich würde auch erwarten, dass in den nächsten fünf Jahren Zellen aus humanen pluripotenten Stammzellen in Patienten transplantiert werden – auch im Bereich neurologische Erkrankungen."

Viele Betroffene wollen jedoch nicht mehr warten. Sie hören von Gerüchten, durchstöbern das Internet und werden immer wieder fündig. In China, Südkorea oder in der Ukraine werden Stammzellentherapien für unheilbar chronisch Kranke angeboten. Betroffene, die es sich leisten können, reisen zu Tausenden um die Welt und zahlen fünfstellige Euro- oder Dollarbeträge an dubiose Kliniken. Oliver Brüstle hat sich über einige Verfahren informiert und rät ab.

"Oft sind es noch nicht einmal Stammzellen, sondern Zellen die irgendwie aus dem Knochenmark gewonnen werden oder aus dem Blutsystem gewonnen werden, und dann an verschiedene Stellen im Körper quasi injiziert werden, in der Hoffnung, dass sie da irgendwelche Effekte erzielen."

Könnten die umstrittenen Stammzellenkliniken ihren Patienten tatsächlich helfen, würden sie auch auf Fachkongressen oder in seriösen Wissenschaftszeitungen darüber berichten. So aber gibt es keinerlei verlässliche Informationen, die den Erfolg von Stammzellen-Therapien belegen. Brüstle:

"Es besteht überhaupt kein Grund zu der Annahme, dass erfolgreiche Therapien geheim gehalten würden. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass eine erfolgreiche Behandlung, eine erfolgreiche, neue Therapie sich über Nacht weltweit verbreitet, und auch an die Öffentlichkeit gelangen wird. Das heißt: Therapien, die quasi durch die Hintertür angeboten werden, die von der Lehrmeinung nicht unterstützt werden, sind auch keine Therapien."

In Deutschland sind nur wenige Stammzellentherapien zugelassen. So werden Blutstammzellen aus dem Knochenmark zur Behandlung von Krebspatienten eingesetzt. Außerdem hat ein Produkt aus Zellen, das den zerstörten Knorpel in den Gelenken wieder aufbauen soll, die offizielle Zulassung erhalten. Stammzellen, die nach einem Herzinfarkt die Heilung unterstützen sollen, werden in mehreren Studien untersucht, mit unterschiedlichen Ergebnissen. All dies sind Ansätze mit so genannten adulten Stammzellen. Also körpereigene Zellen, die bestimmte Gewebe bilden können, aber längst nicht alle. Klinische Studien mit embryonalen Stammzellen sind in Deutschland nicht geplant. Unterdessen liefert die Grundlagenforschung im Monatsrhythmus neue spektakuläre Ergebnisse. Nur ein paar Türen entfernt von Oliver Brüstles Büro – im Life and Brain-Zentrum auf dem Bonner Venusberg - wird daran gearbeitet.

Die Wissenschaftlerin Julia Ladewig öffnet einen Brutschrank. Darin wachsen verschiedene Zelltypen bei 37 Grad Celsius. Embryonale Stammzellen von Maus und Mensch, IPS-Zellen, aber auch ganz gewöhnliche menschliche Hautzellen.

"Die Hautzellen werden in diesen Inkubatoren kultiviert, in diesen Schälchen hier. Ganz einfach wachsen die auf dem Boden dieser Plastikschale. Diese gelbe oder eher rosa Lösung ist eine Nährlösung."

Ein Blick durch das Mikroskop reicht, und Julia Ladewig kann Hautzellen von Nervenzellen unterscheiden.

"Hautzellen sind sehr flache und große Zellen. Aus diesen wollen wir Nervenzellen machen. Und Nervenzellen sind im Gegensatz dazu sehr kleine Zellen, sehen morphologisch anders aus, haben kleine Fortsätze. Das kann man mit dem Auge erkennen, was eher wie eine Hautzelle aussieht und was eher wie eine Nervenzelle aussieht."

Durch genetische und biochemische Kommandos kann Julia Ladewig die verschiedenen Zelltypen ineinander umwandeln. Aus Hautzellen werden in der Zellkulturschale Nervenzellen. Die genetischen Faktoren gelangen mit Hilfe von Viren in die Zellen hinein, die biochemischen werden über die Nährlösung von den Zellen aufgenommen. Wenn die Mischung stimmt, entstehen Schritt für Schritt aus Hautzellen Nervenzellen. Ladewig:

"Und das kann man sich unter dem Mikroskop angucken, diesen Prozess. Nach ungefähr sieben Tagen kann man sehen, dass die Zellen nicht mehr die gleiche Morphologie haben. Sie sehen ein bisschen anders aus, man findet kleinere Zellen, findet Zellen mit ersten kleinen Fortsätzen, und dann können wir hinterher diese Zellen anfärben, und es färben sich nur die Nervenzellen an."

Wissenschaftlich eine spannende Entwicklung. Viele Fachleute hatten diese Umwandlung nicht für möglich gehalten. Nun gehört sie zu den gängigen Hoffnungsträgern in der Medizin. Und sogar noch mehr scheint machbar. In Zukunft könnte diese Umwandlung von Zellen direkt im Körper des Patienten stattfinden. Keine Zellenzüchtung im Labor, kein Umweg über Stammzellen. Noch mehr Möglichkeiten, noch mehr Ideen, noch mehr Hoffnungen. Oliver Brüstle:

"Gelingt es, die Zellen direkt im Körper ineinander umzuwandeln, also zum Beispiel im Gehirn aus Bindegewebszellen oder Gefäßzellen neue Nervenzellen entstehen zu lassen - Im Moment ist in diesem Feld eine große Aktivität in diese Richtung zu beobachten. Das ist vor allem interessant für Gewebe, die sich schlecht regenerieren, also insulinproduzierende Zellen, Herzmuskelzellen und natürlich Nervenzellen. Und man darf sehr gespannt sein, ob solche direkten Zellumwandlungen dann auch im Körper funktionieren und zukünftig möglicherweise klinisch eingesetzt werden können."

Zehn Jahre Forschung mit embryonalen Stammzellen haben keine schnellen Erfolge gebracht. Der Weg aus dem Labor in die Klinik dauert länger als viele erwartet haben. Stattdessen hat sich ein neues Forschungsfeld entwickelt. Nach dem Vorbild der embryonalen Stammzellen lassen sich heute Körperzellen umprogrammieren. Jede Zelle ist zur Stammzelle geworden. Möglicherweise werden die embryonalen Stammzellen für die Regenerative Medizin der Zukunft gar nicht mehr gebraucht.