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StartseiteBüchermarktÜber Verlust und Neuanfang21.04.2020

Marina Frenk: "ewig her und gar nicht wahr"Über Verlust und Neuanfang

Migrationsgeschichten in der deutschen Gegenwartsliteratur haben Konjunktur. Die Künstlerin Marina Frenk kam vor 25 Jahren aus Moldawien nach Deutschland. In ihrem autofiktionalen Debütroman geht es um die Hürden auf dem Weg zur eigenen Identität.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Die Autorin Marina Frenk und ihr Roman "ewig her und gar nicht wahr"Emanuela Danielewicz (Buchcover  Wagenbach Verlag / Autorenportrait (c) Emanuela Danielewicz)
Marina Frenk: Wie wird man zu dem, was man ist? (Buchcover Wagenbach Verlag / Autorenportrait (c) Emanuela Danielewicz)
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Marina Frenk war gerade sieben Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihren Eltern von Chisinau in Moldawien ins Ruhrgebiet umsiedelte. In Moldawien sprach man plötzlich wieder Rumänisch und nicht mehr Frenks Muttersprache Russisch. Die Sowjetunion war Vergangenheit. Aber das neue demokratische System brachte zunächst vor allem politisches Chaos und wirtschaftliche Unsicherheit. "ewig her und gar nicht wahr", als Titel ihres autofiktionalen Romans hat Marina Frenk eine russische Redewendung für die untergegangene Sowjetunion gewählt. Das Buch erzählt von einer Familie, deren Geschichte ihre Protagonistin Kira erst aufspüren muss. Marina Frenk:

"Dieses ‚ewig her und gar nicht wahr’ ist eben auch ein großes Fragezeichen für die Gesamtgeschichte. Ist das eigentlich alles passiert? Das ist ja auch ein Problem der Figur oder auch ein Konflikt, dass sie eben versucht, das zu fassen. Stimmt diese Vergangenheit, weiß sie eigentlich, was da passiert ist? Hat sie das erfunden? Was hat das mit ihrer Gegenwart zu tun? Ist das wichtig oder nicht wichtig? Und was bedeutet das für die Zukunft?"

Keine blühende Zukunft in Europa 

Die Frage, was Kira mit ihrer Vergangenheit verbindet, ist der Kern dieses Romans. Kira heult "Verlorenheitstränen", weil es das Land ihrer Kindheit nicht mehr gibt und man dort noch nicht einmal mehr ihre Sprache spricht. Zugleich droht die Beziehung der Eltern nach der Ankunft in Deutschland zu zerbrechen an der Erkenntnis, dass die sowjetische Vergangenheit endgültig vorüber und die blühende Zukunft in Europa nicht in Sicht ist.

"‚In der Sowjetunion waren wir jung, hier sind wir, wie sagen die das? Ich kann es nicht aussprechen. Kira, sag mal...was benutzen die für ein Wort dafür?’, fragt Papa.
‚Midlifecrisis. Englisches Wort, Papa’ (...)
‚Ich habe keine Krise. Nie gehabt. Wie kommen die darauf, dass ich eine Krise habe? Und woher wollen die wissen, wo die Mitte meines Lebens ist? Sind die Gott oder was? [...] Die stecken selbst in der Krise, ihr ganzes Scheißeuropa, das ist eine einzige Krise.’ (...)
‚Das hat er über die Sowjetunion auch gesagt’, fügt Mama an.
‚Ich weiß’, antworte ich."

Die Nostalgie der ersten Einwanderer-Generation ist der Autorin Marina Frank, wie sie erzählt, ebenso fremd wie ihrer literarischen Wiedergängerin Kira.

"Das ist eher eine Nostalgie, die sich an sie dranklebt, aber sie gehört ihr nicht. Und diese Fragen finde ich eben auch wichtig, wenn man schon über all diese Herkunfts- und Migrationsthemen spricht. Was interessiert mich denn daran wirklich, was gehört denn jetzt wirklich mir, oder was ist mir angedichtet und anerzählt, oder was wird mir immer wieder übergezogen, was ich gar nicht sein will und auch gar nicht bin."

Zwischen Wahrheit und Lüge

Und so ist Kiras Geschichte zuallererst nicht die einer Migrantin, sondern die der Abnabelung von der eigenen Familie. Zum Leidwesen der Eltern schreibt sich Kira für ein Kunststudium ein und lässt sich später in Berlin als neuer Star der Szene vermarkten. Aus der glitzernden Kunstschickeria der Hauptstadt steigt die vielversprechende Malerin jedoch schnell wieder aus. Sie arbeitet stattdessen als Kunstlehrerin und hat nun mit ihrem Sohn ihre eigene kleine Familie. Der Vater des Kindes, ein von Selbstzweifeln gequälter Journalist namens Marc, hat längst das Interesse an Kira verloren. Die junge Frau stellt plötzlich alles infrage. Wie sieht sie ihre Rolle als Mutter? Was bedeutet ihr die Beziehung zu Marc? Was verbindet sie mit ihren Eltern und ihrer Vergangenheit? Und wie positioniert sie sich als Malerin gegenüber einer Karriere in der Kunstszene, die vor allem auf mondän inszenierten Ausstellungs-Events und dem schönen Schein der überdrehten Galeristen-Gesellschaft aufzubauen scheint? Stück für Stück lernt Kira, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, so sagt es Marina Frenk.

"Es ist eigentlich eine Krise von allen Seiten, und dann noch der Versuch, diese Vergangenheit zusammenzukriegen, die sie eigentlich schon losgelassen hat, aber die sie jetzt wieder aufnimmt quasi, um sich selbst zu verstehen, um leben zu können."

Ihre Lebenskrise führt Kira wie in einem klassischen Entwicklungsroman auf die Suche nach ihrer Identität. Ausgehend von der Gegenwart in Berlin rekonstruiert sie auf verschiedenen Zeitebenen mithilfe verblasster Erinnerungen, alter Fotos und bruchstückhafter Erzählungen ihrer Eltern die Geschichte ihrer Vorfahren.

Eine literarische Irrfahrt

Die Reise an die Wurzeln ihrer Herkunft führt sie zurück zu ihren Großeltern, die beim Einmarsch der rumänisch-faschistischen Kollaborationstruppen in Moldawien von der Roten Armee evakuiert wurden. Getrieben von den Wirren der europäischen Geschichte verstreut sich die Familie nach Israel, in die USA und nach Tadschikistan. Kira selbst verlässt Moldawien 1993 gemeinsam mit ihren Eltern auf einer abenteuerlichen Reise in einem alten Lada in Richtung Ruhrgebiet. Marina Frenk unternimmt eine literarische Irrfahrt durch die europäische Geschichte.       

"Es war von Anfang an Kollage, Kaleidoskop, Fragmente, weil dieses Leben und diese Geschichte, die sie da erzählt von sich und von den Vorfahren, die eben aus der ehemaligen Sowjetunion stammen und nach Israel ausgewandert sind, nach Amerika, nach Deutschland, die ist ja auch sehr fragmentiert. Die Geschichten sind ja irgendwie zersplittert und haben sich dann eben verteilt an unterschiedlichen Orten. Viel anders kann ich das auch gar nicht erzählen, weil es eben nicht stringent ist."

Die Frage nach ihrer Herkunft, das wechselhafte Schicksal Moldawiens, das zwischen Bessarabien, Russland und Rumänien viele Systeme, Besetzungen und Herrscher erlebte, hat die Musikerin und Schauspielerin Marina Frenk bereits in einem Hörspiel und auch auf der Theaterbühne durchgespielt. Der Roman, so sagt sie, sei die beste Form, um ihre vielschichtige Familiengeschichte zu fassen zu kriegen. Zahlreiche Zeit- und Ortsebenen, Traumsequenzen und Zukunftsfantasien, mehr als zwanzig Figuren und der Wechsel zwischen Ich-Erzählung und Bericht in der dritten Person stellen an die Leser einen gewissen Anspruch.

Jenseits von Nostalgie und Wehmut

Wer sich darauf einlässt, dem ist ein großes Lesevergnügen sicher. Denn Marina Frenk hat ein beeindruckendes Gespür für unverbrauchte Bilder und ebenso sinnliche wie harte Metaphern. Klar und unverschnörkelt erzählt sie eine nachdenkliche und psychologisch ausgeklügelte Geschichte, die zugleich von gieriger Lebensenergie zeugt. "ewig her und gar nicht wahr" ist die Geschichte einer Migration, aber eben doch kein Migrationsroman, wie Marina Frenk selbst klarstellt:

"Ich glaube es geht darum, eine Geschichte zu erzählen, und jede Geschichte, die in irgendeiner Hinsicht interessant ist und gut ist und besonders ist – und ich glaube, das ist jede Lebensgeschichte, kommt nur drauf an, wie man sie erzählt – ist wichtig und darf erzählt werden. Und ob das jetzt Migrantenliteratur ist oder nicht Migrantenliteratur, das ist dann eher die politische Debatte, glaube ich. Ich identifiziere mich schon lange nicht mehr als Migrant. Ich finde das nicht wichtig, sondern ich finde es eher wichtig, differenziert die Geschichte zu erzählen. Und das habe ich bestmöglich versucht."   

Dieser Debütroman ist erstaunlich, und er ist unbedingt lesenswert. Denn Marina Frenk hat eine Geschichte zu erzählen und die literarischen Mittel, sie aufzuschreiben. Ganz ohne Nostalgie und Wehmut liefert sie einen intimen Bericht darüber, wie ein Mensch trotz aller Zweifel und Konflikte einen Weg findet, die Bilder der Vergangenheit mit der gelebten Gegenwart zu verbinden.

Marina Frenk: "ewig her und gar nicht wahr".
Wagenbach Verlag, Berlin.
235 Seiten, 22 Euro.                                                                                                     

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