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Startseite@mediasresLeser sind keine hyperaktiven Eichhörnchen16.11.2017

Marina WeisbandLeser sind keine hyperaktiven Eichhörnchen

Klassische Medien sollten gar nicht erst versuchen, Social Media Konkurrenz zu machen, findet unsere Kolumnistin Marina Weisband. Der Leser könne sich anhand der vielen Informationen gar kein richtiges Bild mehr machen. Da sei eher Orientierungshilfe gefragt.

Von Marina Weisband

Ein Eichhörnchen knabbert an einer Nuss. (picture alliance / dpa)
Das Eichhörnchen muss sich immer beschäftigen. (picture alliance / dpa)
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Ich muss jetzt nochmal über was sehr grundlegendes sprechen. Wenn andere diesen Gedanken schon formuliert haben, dann anscheinend nicht oft genug. Oder nicht eindringlich genug. Oder was auch immer der Grund dafür ist, dass Dinge immer noch so eklatant schief laufen.

Deshalb halte ich es noch einmal fest, unterstreiche es mit einem fetten Edding und verteile es auf den Schreibtischen aller Onlineredaktionen in Deutschland:

Klassische Medien sollten nicht versuchen, Social Media in Sachen Geschwindigkeit Konkurrenz zu machen.

Eine Institution, die Nachrichten einordnet, wäre schön

Wir leben ohne jeden Zweifel in einer komplizierter gewordenen Welt. Stärkere globale Vernetzung bedeutet auch, dass potentiell mehr Ereignisse für unser Leben relevant sind. Zunehmend solche, die wir mit eigenen Augen und Ohren nicht nachvollziehen können, für die wir auf Nachrichten angewiesen sind. Die Vielfalt der Quellen von Nachrichten im Internet ist atemberaubend. In der Aufmerksamkeitsökonomie verbreiten sich deshalb verstörende Überschriften mit leicht widerlegbaren Inhalten sehr schnell. Deshalb handelt eine Unzahl von besorgten Veranstaltungen und Podien auch davon, wie mit "Fake News" umzugehen sei. Aber wie ist überhaupt damit umzugehen, dass ich zu jeder Frage 2000 Antworten finde, darunter immer auch gegensätzliche? Wie soll ich mich orientieren?

Schön wäre es da, wenn man jemanden hätte, der sich auskennt, welchen Quellen man vertrauen kann und welchen nicht. Der Dinge prüft. Der Fact-checking betreibt. Vor allem aber: die Dinge einordnet. Was ist wichtig? Was ist eine Nebelkerze? Was soll ablenken von etwas Wichtigerem? Schön wäre es, wenn diese Institution das professionell macht, mit studierten Menschen. Ein Fels in der Brandung der verwirrenden News, ein langsames, aber zuverlässiges Instrument der Orientierung.

Erstmal Zeitgeschehnisse einordnen

Nun sehen sich gerade diese Institutionen aber vielfach unter Anpassungsdruck durch die Veränderung. Die Digitalisierung ist gekommen und mit ihr muss alles digitaler und schneller gehen. Facebook hat mehr Klicks als Spiegel Online und das ist schlimm. Das müssen wir ändern. Deshalb muss auf Spiegel Online alle 2 Stunden die Hauptschlagzeile wechseln. Also etwas, das vor 2 Stunden noch wichtig genug war, um in riesigen Lettern auf dem Bildschirm zu erscheinen, ist jetzt nur noch unter ferner liefen. Bildet das wirklich die Welt ab?

Bei den Koalitionsverhandlungen, die zweifelsohne wichtig sind, sitzen Redaktionen in Habachtstellung und schreien alle paar Stunden das neueste Gerücht in die Welt, die neuesten Subtilitäten und wer welche Krawatte trug. Inhaltlich gab es ja eher nicht so viel zu berichten. Würde es uns nicht allen besser tun, mit Ruhe an die Sache ran zu gehen und statt auf jeden kalkuliert empörenden Halbsatz von irgendjemandem anzuspringen, lieber wichtige Zeitgeschehnisse einzuordnen?

"Paradise Papers" sind positives Beispiel für qualitative Arbeit

Das ist, als würde die Schildkröte beim Rennen gegen den Hasen versuchen, damit zu punkten, dass sie schneller ist. Ein Wettbewerb, den man verlieren muss, wenn man sich nicht auf seine eigentlichen Stärken besinnt.

Positive Beispiele gibt es ja allemal. Das jüngste ist die hervorragende Aufbereitung der "Paradise-Papers". Wo Redaktionen sich bewusst Zeit lassen, recherchieren, grafisch aufwendig aufarbeiten, einordnen und erzählen. Anstatt in Sekundenschnelle Eilmeldungen rauszuhauen und dann drei Korrekturen nachzuschieben.

Der Leser muss nicht immer nur auf Neues klicken

Vielleicht wirft das Fragen an das Finanzierungsmodell moderner Medien auf. Vielleicht sollten wir einen Betrag für die Produktion von Inhalten im Netz erheben, die dafür wohlrecherchiert und journalistisch hochwertig eingeordnet sind. Wie bei den öffentlich-rechtlichen, die sich aber aus irgendeinem Grund auch von Einschaltquoten abhängig machen. Gedanken zum öffentlich-rechtlichen Internet gibt es ja allerhand.

Vielleicht gehört dazu aber auch einfach der Mut, sich den Leser nicht als hyperaktives Eichhörnchen vorzustellen, das sowieso vergessen hat, was es vor fünf Minuten gelesen hat und nun schnell auf was neues klicken muss.

Digitalisierung kann auch Entschleunigung bedeuten

In diesen unruhigen Zeiten sehnen wir uns alle nach Orientierung. Das fachliche Talent und das tiefe journalistische Verständnis sind in diesem Land vorhanden. Aber Geschwindigkeit und Klickzahlen sind die falschen Messlatten und sie werden beim Kampf um das Fortbestehen der klassischen Medien nicht zum Sieg führen. Digitalisierung kann auch Entschleunigung bedeuten. Und das ist, was wir jetzt dringend brauchen.

Und deshalb ist es nicht schlimm, wenn dieser Gedanke wiederholt geäußert wird. Das ist nichts als das Festhalten an einer notwendigen Debatte in einer schnelllebigen und verwirrenden Welt.

Wenn Sie mich jetzt entschuldigen. Mein Edding und ich haben Arbeit zu tun.

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