Mittwoch, 24.04.2019
 
Seit 02:30 Uhr Lesezeit
Startseite@mediasresWie umgehen mit Hassbotschaften?13.02.2019

Marina WeisbandWie umgehen mit Hassbotschaften?

"Hate Speech" ist nicht Hass, meint unsere Kolumnistin Marina Weisband. Vielmehr handele es sich um politische Kampagnen, die Journalistinnen und Journalisten, Aktivistinnen und Aktivisten und marginalisierte Menschen zum Schweigen bringen sollen. Als solche Kampagnen müssten diese auch behandelt werden.

Von Marina Weisband

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der Hashtag «#Hass» ist auf einem Bildschirm eines Computers zu sehen. (dpa/ picture-alliance/ Lukas Schulze)
Der Umgang mit Hass in sozialen Medien: Ein echtes Problem, findet auch Marina Weisband. (dpa/ picture-alliance/ Lukas Schulze)
Mehr zum Thema

Alle Kolumnen von Dell, Weisband, Burmester und Ulmen

Kampf gegen Hate Speech Die EU setzt weiterhin auf Freiwilligkeit

Trollen gegen Journalisten Lügen, bestehlen, erpressen

Medien und Rechtspopulismus "Ich bin immer der Ausländer für solche Leute"

Twitter. Eigentlich ganz schön. Bis ich mal meine Blockfilter ausstelle und meine Erwähnungen lese. Ah, die Freude. Hetze gegen Minderheiten, Vergewaltigungsdrohungen gegen mich und Kritik an der Form meiner Nase, alles wild durcheinander. Kaum etwas wird so viel besprochen wie "Hate Speech" auf sozialen Medien - und bei kaum einem Thema ist es so schwer, es richtig zu besprechen.

Es ist schwer, darüber zu sprechen, ohne sich einerseits in die Opferrolle zu begeben und den Hassern damit genau in die Hände zu spielen, und andererseits ohne das Problem klein zu reden, um selbst tough auszusehen. Denn es ist ein echtes Problem.

Keine echte Emotionalität

Auf Konferenzen und in Talkshows wird gern gefragt, was an sozialen Medien eigentlich "das Schlimmste an uns hervorkehrt". Doch in den meisten Fällen handelt es sich gar nicht um echte Emotionalität. Vieles, was aussieht wie spontane Ausbrüche von Wut, sind in Wirklichkeit koordinierte Online-Angriffe auf einzelne Personen, um sie zu entmutigen, zu sprechen.

Während es ohne Zweifel ein Problem ist, dass Diskussionen in sozialen Netzwerken nicht immer sachlich sind, weil man das Gesicht des Gegenübers nicht sieht, ist doch die Regelmäßigkeit auffällig, mit der völlig bestimmte Akteure mit völlig bestimmten Themen diese "spontanen Wutausbrüche" provozieren. Wann immer eine Feministin spricht, scheint das in vielen "spontane Wut" hervorzurufen. Mit völlig erwartbarer Regelmäßigkeit! In Wirklichkeit gibt es längst völlig etablierte Netzwerke, die Tweets, Artikel und andere Beiträge in ihren eigenen Foren teilen, um Gleichgesinnte auf sie aufmerksam zu machen und dann gemeinsam anzugreifen.

Koordinierte Angriffe, auffällig oft von rechter Seite

Viele der Accounts, von denen Beleidigungen ausgehen, sind Bots oder Sockenpuppenaccounts, also Zweit- und Drittaccounts, über die wenige Menschen eine große Reichweite simulieren können. Studien haben inzwischen anhand von Kommentaren und Likes auswerten können, dass bei Hatespeech eine kleine Minderheit eine große Menge Menschen simuliert. Dies ist keine Offenlegung der hässlichen Seiten des Menschen auf Social Media. Hatespeech ist nicht Hass. Dies sind vielmehr politische Kampagnen, die Journalistinnen und Journalisten, Aktivistinnen und Aktivisten und marginalisierte Menschen zum Schweigen bringen sollen. Als solche müssen sie auch behandelt werden.

Auffällig oft gehen diese sehr koordinierten Angriffe von rechter Seite aus, von Netzwerken wie Reconquista Germanica, den Identitären und anderen rechtslastigen Organisationen. Mir muss mal jemand erklären, warum gerade die so gut das Zusammenspiel von Social Media und klassischen Medien durchschaut haben und der Rest der Zivilgesellschaft anscheinend nicht.

Nachrichten schnell löschen, den Nazi lange schreiben lassen

Wie gehe ich also mit Hassbotschaften um? Wenn sie offensichtlich gegen das Gesetz verstoßen oder Hinweise darauf geben, dass meine Privatadresse oder Aufenthaltsort bekannt sind, zeige ich die Urheber an. Den Rest melde ich und schalte rigoros stumm. Ich ziehe Stummschalten dem Blocken vor, weil die Stummgeschalteten nicht wissen, dass ich sie danach nicht mehr sehen kann, und sie weiterhin ihre Zeit damit verschwenden, mich zu drangsalieren.

Ich versuche, ehrlich darüber zu sprechen, dass ich mich mal ein halbes Jahr lang von Twitter ferngehalten habe, weil ich jeden Morgen zu Mord- und Vergewaltigungsdrohungen aufgewacht bin. Inzwischen bin ich dazu übergangen, weiterhin meine Meinung offen zu sagen und nicht zu dramatisieren.

Wenn ich zum Beispiel eine dieser seitenlangen Mails von Nazis bekomme, in denen sie mir genau erklären, warum ich ausgelöscht gehöre, lese ich nur die ersten paar Zeilen und lösche die Mail pragmatisch einfach. Ein Nazi hat mehrere Stunden lang geschrieben, ich habe nur ein paar Sekunden darauf verschwendet - der Gewinn liegt deutlich auf meiner Seite.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk