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StartseiteGefährlicher TransitMarokko: Zwischen Wüste und Meer29.04.2006

Marokko: Zwischen Wüste und Meer

Die Universität von Oujda liegt etwas außerhalb der Stadt auf einer Anhöhe. Ein großer Komplex von Institutsgebäuden ist weiträumig über das riesige Gelände verteilt. Oujda liegt im Norden Marokkos und direkt an der Grenze zu Algerien. Melilla ist knappe zwei Autostunden entfernt - jene spanische Enklave in Marokko, die wie Ceuta von tiefen Gräben und hohen Zäunen umgeben ist und bewacht wird wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Wer es schafft, die Sperranlagen zu überwinden, ist in Europa angekommen.

Von Rüdiger Maack

Afrikanische Flüchtlinge in einem Lager in der spanische Exklave Mellila (AP)
Afrikanische Flüchtlinge in einem Lager in der spanische Exklave Mellila (AP)

Ibrahim kommt aus Benin und wartet in Oujda: Seit zweieinhalb Jahren schon. Er ist illegal hier - und hält sich mit ein paar Dutzend anderen Illegalen in der Nähe der Universität versteckt. Jeder weiß das. Auch die Polizei. Doch immer, wenn ein Fremder kommt, ist Ibrahim besonders vorsichtig.

" Wenn Fremde kommen, die mit uns sprechen wollen, und wenn wir wissen, dass das keine Afrikaner, sondern Europäer sind, dann müssen wir sehr aufpassen. Die Polizisten mögen es nicht, wenn wir mit Journalisten reden. Die Reporter können wieder gehen - aber wir müssen hier bleiben. Die Reporter wissen nicht, was uns passieren kann, wenn sie wieder weg sind. "

Wenn Reporter oder Angehörige von Menschenrechtsgruppen da waren, gehen oft die Schikanen los, erzählt Ibrahim. Dann gibt es Razzien. Und die Polizei zerstört das Camp im Wald, nimmt die Illegalen fest und schiebt sie ab. Zurück nach Algerien. Die marokkanische Regierung mag die Berichte über Illegale in ihrem Land gar nicht - und deshalb ist Ibrahim so vorsichtig. Deshalb war es auch so schwierig, ihn zu treffen. Er hat uns per Handy an der Universität vorbei zu einem Parkplatz auf einer Anhöhe gelotst und plötzlich "Stopp" gesagt.

Nach fünf Minuten Fußweg, an einer Stelle, wo er das Gelände übersehen kann, ohne selbst gesehen zu werden, beginnt Ibrahim zu erzählen.

" In den letzten Tagen ist es etwas ruhiger geworden. Bis vor kurzem ist die Polizei praktisch jede Nacht gekommen. Naja, die tun auch nur ihre Arbeit, sie haben ihre Befehle. Es gibt ja auch ein paar Nette bei denen - die stecken mir ab und zu ein bisschen Brot zu und sagen: nimm das und iss. "

Die Nacht ist sternenklar. Das Mondlicht legt sich über die Flachdächer der Universität.
Es ist frisch. Die Luft riecht nach Jasmin. Ibrahim ist unruhig. Irgendjemand hat ihm erzählt, dass eine große Razzia unmittelbar bevorsteht.

" Hier in Marokko ist das Leben ziemlich hart, weil es keine Arbeit gibt. Auch die jungen Marokkaner finden keine Arbeit. Und als Ausländer frage ich mich natürlich, wie ich denn Arbeit finden soll, wenn es schon für die Marokkaner keine gibt. "

Ibrahim sagt, er gehe nicht betteln. Sein Geld verdiene er sich auf seine Weise.

" Es kommt zum Beispiel jemand, der mich bittet, jemanden für ihn in Algerien zu besuchen. Ich mache mich auf den Weg und komme wieder zurück. Vor kurzem ist ein Mädchen zu mir gekommen, das genug hatte und wieder zurück in ihre Heimat wollte. Ich habe sie bis nach Maghnia in Algerien gebracht und ihr gesagt, wie sie weiter nach Westafrika kommt. "

Im Jahr 2000 hat Ibrahim seine Familie in Benin verlassen, im Streit, wie er sagt. Seither ist er unterwegs und schlägt sich durch. Einmal hat er es schon fast geschafft: Da stand er vor dem Zaun in Melilla, der spanischen Enklave. Das war im letzten September.

" Wir wollten uns gerade auf den Weg zum Zaun machen, da haben wir erfahren, dass eben sechs Menschen getötet wurden. [....] Wir hatten schon die Leitern und alles andere vorbereitet, aber da haben wir uns gesagt: Nein, das riskieren wir nicht. Danach hat die Polizei uns entdeckt, sie hat uns verhaftet und in der Wüste ausgesetzt. Wir sind dann über die Grenze nach Algerien gelaufen, und über Maghnia bin ich wieder hierher gekommen. "

Ibrahim hat sich unter einem Busch auf einen Stein gesetzt. Drei Hunde liegen neben ihm. Sie bewachen die Illegalen, die ihnen kuriose Namen gegeben haben: Vermieter, heißt der eine, Universität der andere, und der dritte heißt Schulverwaltung. Ibrahim hat es satt, sich permanent verstecken zu müssen.

" Das stört mich sehr. Warum muss sich ein Mann wie ich permanent verstecken und die anderen leben in Freiheit? Das ist doch kein Leben, wenn man sich dauern verstecken muss - als ob ich ein Verbrecher wäre oder gar nicht auf der Welt. Wenn die Studenten nicht da sind, ist das ganze Gelände hier wie die Wüste. Dann muss man ein paar Kilometer gehen, bevor man den nächsten Menschen zu Gesicht bekommt. "

Ereignislos verstreichen die Tage.

" Ich lebe da hinten im Wald. Tagsüber kann ich in die Stadt. Dann gehe ich ins Internetcafé und höre afrikanische Musik. Ich versuche, mit meinen Brüdern zuhause zu chatten. Ansonsten bin ich mit meinen illegalen Freunden hier zusammen. Wir reden viel miteinander, und so vergeht der Tag. Ab und zu kommen Studenten zu uns. Sie üben ein bisschen Englisch mit uns und dann haben sie auch etwas davon. Das ist gut, wenn Menschen miteinander sprechen. "

Ibrahim sagt, er bräuchte 2000 Euro, um nach Melilla zu kommen. Aber Ibrahim hat keine 2000 Euro - und er weiß nicht, ob er sie jemals haben wird.

" Es geht mir schlecht. Ich leide, weil Gott das so will. Das muss ich so hinnehmen. Ich habe schon einen Winter draußen im Freien verbracht. Den zweiten werde ich auch noch schaffen."

Auch nach fast 6 Jahren ist Ibrahim noch immer nicht am Ziel seiner Reise angelangt. Und ob er überhaupt jemals nach Europa kommen wird, ist fraglich. Trotzdem hat er nie daran gedacht, nach Benin zurück zu gehen.

" Wer in den Krieg zieht, wirft seine Waffen nicht weg. Und das hier ist Krieg. Man darf sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Ich mache das für meine Zukunft, ich möchte es einmal besser haben. Ich will einen Arbeitsplatz finden, mein Geld verdienen, und damit machen, was ich will. Aber einfach so zurückgehen, nach fünfeinhalb Jahren? Nein, das geht nicht! "

Dass er auch in Europa ein Illegaler wäre, beschäftigt ihn nicht. Dass er auch dort im Untergrund leben müsste, immer in der Angst geschnappt und abgeschoben zu werden, immer angewiesen auf die Hilfe anderer: Das kommt ihm nicht in den Sinn.

" Wenn ein Europäer sieht, dass Du keine Arbeit hast, aber etwas tun könntest; wenn er merkt, dass Du intelligent bist und der Gesellschaft etwas zu geben hast: dann wird er Dir helfen und Dir seine Hand reichen. Das ist nicht so wie hier. "


Hunderte warten wie Ibrahim in den Bergen zwischen Oujda, Nador und Tanger auf ihre Chance. Sie glauben, dass sie nur diese 2000 Euro brauchen, um den Schlepper zu bezahlen, der sie nach Melilla bringt. Sie hungern. Sie haben kein Geld. Und doch geben sie die Hoffnung nicht auf.

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