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Maroons in SurinamVon den Zuckerrohr-Plantagen in den Dschungel

Bis 1975 gehörte Surinam als Niederländisch-Guyana zu Holland. Seit der Unabhängigkeit hat es einen Militärputsch und einen Bürgerkrieg hinter sich gebracht. Im Landesinnern leben die Maroons. Nachfahren entlaufener Sklaven, die sich über Jahrhunderte gegen die holländischen Kolonialherren behaupten konnten.

Von Gerd Brendel | 24.05.2015

Mann aus Kajan in einem Einbaum manoevriert in einer Stromschnelle des Marowijne Flusses, Surinam
Mann aus Kajan in einem Einbaum manoevriert in einer Stromschnelle des Marowijne Flusses, Surinam (imago)
Abendstimmung auf der Plantage Frederiksdorp. Wo früher Zuckerrohr und Kaffee angebaut wurden, wohnen heute Touristen. Von der Veranda des Herrenhauses kann der jetzige Besitzer und Hotelier Ton Hagemeier das Ufer des Surinam Flusses sehen. Im ehemaligen Plantagengefängnis wird heute gefrühstückt, aber die Hütten der Sklaven sind längst verschwunden.
"Vielleicht 250 - aber nicht alle Sklaven arbeiten, da waren Frauen dabei und Kinder und Kranke .meistens war es so, dass ein Drittel arbeitete."
Sechs Tage die Woche. Von sechs Uhr morgens bis Sonnenuntergang. Die alten Lieder erinnern bis heute mit ihrem Rhythmus an die eintönige Plantagen-Arbeit. Körperliche Strafen waren an der Tagesordnung. Flucht blieb oft der einzige Ausweg für einen Sklaven.
"Er versucht das nicht, er tut det."
Funktionierende Parallelgesellschaft im 18. Jahrhundert entstanden
Die einzige Chance den Häschern zu entgehen, bot das Landesinnere mit seinem undurchdringlichen Regenwald. Hier weitab von den Plantagen der holländischen Kolonialherren hatten entlaufene Sklaven im 18. Jahrhundert eine funktionierende Parallelgesellschaft aufgebaut. Von den Holländern wurden sie Buschneger genannt oder Maroons vom spanischen Cimarrón - entlaufenes Haustür. Sie selbst gaben sich afrikanische Stammesnamen: Aukaner, Matawi oder Samaraccaner. Ihre Dörfer existieren bis heute und bis heute sind sie nur mit dem Flugzeug oder dem Boot erreichbar.
Die Siedlung Gujaba liegt eine Tagesreise von Paramaribo entfernt. Die Hälfte davon im Langboot. Auf dem Surinam-River. Als wir das Dorf erreichen ist es Nachmittag.
Die Frauen am Ufer hören für einen Moment auf mit Wäsche waschen und Geschirr. Ein paar Kinder winken aufgeregt. Am Dorfeingang schüttelt uns ein Mann die Hand.
"Ich habe gestern geträumt, dass ein paar Weiße unser Dorf besuchen werden und die Schule und dann mit den Kindern an der Hand durchs Dorf gehen werden."
Fremde kommen selten hier vorbei und ein Antrittsbesuch beim Ortsvorsteher ist Pflicht. Mit seiner traditionellen Kamiza einem Batik-Schultertuch, den kurzen Hosen und dem altmodischen Herrenhut gibt Kapitan Bellee ein großartiges Fotomotiv ab. Aber was er zu sagen hat, passt nicht in die Idylle. Er zeigt mit seinem Zepter auf einen Betonrohbau, der zwischen den kleinen Holzhäusern mit den hohen Giebeln wie ein Ufo wirkt.
"Was sich zum Guten geändert hat, ist dass es jetzt Krankenstationen gibt und Schulen, so wie hier. Aber im Großen und Ganzen ist alles schlechter geworden, weil wir abhängig geworden sind von der Hauptstadt.
100 Meter weiter ist die Dorfidylle noch intakt. Noch immer wohnen Männer und Frauen auch nach der Hochzeit in ihren eigenen Hütten. Ein Mann kann mehrere Frauen heiraten, vorausgesetzt er baut ihr ein Holzhaus. Die Kinder leben bei den Müttern.
"Bei uns ist es der Brauch, dass unsere Männer mehr als eine Frau nehmen können. Was sollen wir machen, so ist es nun mal Brauch, wir müssen das Beste draus machen", sagt Juen Asudanu, als Schwester des Kapitans ist sie quasi die First Lady des Dorfes - vor der Ehefrau.
Die Erbfolge läuft über ihre Kinder. Die matrilineare Tradition hat sich seit 300 Jahren unter den Maroons bewahrt, genauso wie die Stammesstruktur, die eigene Sprache und die Religion.
Maroon-Museum von Pikin Slee
Zwei Stunden weiter flussaufwärts wird das kulturelle Erbe dokumentiert. Im kleinen Maroon-Museum von Pikin Slee. Auch eine Kopie des ersten Abkommens zwischen dem niederländischen Gouverneur und dem Graman, dem Häuptling der Samaraccan-Maroons als gleichberechtigter Vertragspartner aus dem 18. Jahrhundert hängt hier. Er garantierte den entlaufenen Sklaven begrenzte Autonomie.
Und weil Vinnije Haarbow stolz auf seine Maroon-Wurzeln ist, unterstützt er das Museum. Auch er trägt den traditionellen Kamiza, das bunte Schultertuch, aber zuhause ist der Poli seinem Dorf schon lange nicht mehr. Haarbow ist nach dem Studium in den Niederlanden in Europa geblieben.
"Holland hat mein Denken geformt, aber nicht meine Gefühle. Ich bin auf die Universität gegangen um zu lernen, wie man Ordnung in die Welt bringt, aber mein Herz ist hier geblieben."
Haarbow gehörte Anfang der 80er-Jahre zur ersten Generation, die in seinem Dorf zur Schule gingen. Später ging er in Paramaribo auf ein katholisches Gymnasium und wohnte im Priesterseminar. Wie viele kennt er beides: das Leben im Dschungel und in der Stadt, die offizielle christliche Sonntagsreligion und den alten Glauben an eine beseelte Welt voller Götter.
"Wir Saramaccaner sind Animisten, Die sehen überall Götter. Dieser Baum zum Beispiel hat eine Seele und kann ein Gott werden. Wenn ich ihn einen Ast abschneide muss ich das mit Sorgfalt tun. Oder ich schlage eine Schlange tot, dann kann es passieren dass der Geist der Schlange von mir Besitz ergreift. Dann sorgen die Priester die Obiamen dafür, dass meine Besessenheit der Gemeinschaft dient, weil ich vielleicht dann plötzlich Wissen über Schlangengift oder Ähnliches besitze."
Jahrhunderte lang haben die Maroons so im Dschungel überlebt. In der modernen Welt sind andere Strategien gefragt. Unter ihrem Regenwald liegt Bauxit, ihre Flüsse bergen Gold. Schon jetzt fressen sich die Bauxit-Mienen immer tiefer in das Landesinnere und das Quecksilber mit dem die Goldwäscher das Edelmetall aus dem Flusskies lösen, vergiftet immer mehr Fische und Menschen.
"Das ist die Art von Fortschritt, die wir fürchten. Hierher in diese Gegend führt noch keine Straße, und deswegen haben wir hier noch keine Probleme mit Goldgräbern, Holzfällern oder Bergbaufirmen."
Aber ohne Infrastruktur keine Arbeit - mit Jagd und Ackerbau haben die Maroons seit Generationen überlebt. Aber den Diesel für die Stromgeneratoren und die Mobiltelefone, die auch hier im Dschungel längst zum täglichen Leben gehören, können ihre Nachfahren damit nicht bezahlen. Seit ein paar Jahren finden immerhin finden ein paar von ihnen im Tourismus ihr Auskommen. In der Abenddämmerung grillen die Angestellten der bescheidenen Lodge ein paar Stromschnellen hinter dem Museum für die Gäste Hamburger. Nach dem Barbecue singen sie die alten Lieder für die Touristen - mit neuen Texten.
"Ich hab einen Holländer getroffen, und will mit ihm in ein Flugzeug steigen und wegfahren."