Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 02:07 Uhr Klassik live
StartseiteCorso"Ich spiele den ganzen Tag Tetris mit Worten"26.08.2017

Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld"Ich spiele den ganzen Tag Tetris mit Worten"

Erst mit Ende 40 wagt sich der Musiker, Texter und Multiinstrumentalist Martin Bechler mit eigenen Songs in die Öffentlichkeit. An aktueller deutscher Popmusik stört den Kopf von Fortuna Ehrenfeld eine gewisse Gleichförmigkeit: "Alle berufen sich auf Dylan - und keiner macht's", sagte er im Dlf.

Martin Bechler im Corsogespräch mit Fabian Elsäßer

Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld bei einem Auftritt am 05. August 2016 in Hamburg (Bild: imago stock&people / Manngold)  (imago stock&people / Manngold)
Martin Bechler ist Kopf und Herz von Fortuna Ehrenfeld (imago stock&people / Manngold)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Christoph Kähler alias Zwanie Jonson "Ich bin kein Shouter"

Der Hamburger Musiker Andreas Dorau "Wir wollen in die Albumcharts kommen"

Jetzt!: "Liebe in großen Städten" Album-Debüt mit dreißig Jahren Verspätung

Fabian Elsäßer: Fortuna Ehrenfeld ist eine Ein-Mann-Unternehmung. Texter, Sänger und Multiinstrumentalist Martin Bechler macht alles selbst, nur bei der Produktion hatte er Unterstützung; und zwar von René Tinner. Eingeweihte kennen ihn, er hat lange das Can-Studio geleitet, auch mit Lou Reed und Ry Cooder gearbeitet. Und jetzt ist Martin Bechler bei uns im Studio. Willkommen zum Corsogespräch!

Martin Bechler: Hallo, guten Tag.

"Fortuna Ehrenfeld ist ein kreativer Raum"

Elsäßer: Martin, wir senden nunmal bundesweit, deswegen müssen wir über diesen Namen sprechen: der hat ja eindeutige Kölnbezüge, aber mit einer Kombination, über die auch kölsche Ureinwohner stutzen dürften. "Fortuna" und "Ehrenfeld" - wat soll dat denn?

Bechler: Ich wohne in Ehrenfeld, mir geht es gut da. Allerdings ist mir jede Vereinsmeierei eigentlich zuwider. Und als es darum ging: Wie nennen wir das Kind denn? Da war es mir eigentlich wichtig, das ein bisschen von meiner Person wegzukriegen. Und Fortuna Ehrenfeld beschreibt für mich einen Raum, das ist ein kreativer Raum, da halte ich mich auf, da hält sich René drin auf und da halten sich zuweilen auch andere tolle Leute drin auf - wie jetzt zum Beispiel meine zauberhaften Musiker, mit denen ich auf Tour gehe. Und wir spacken uns da das Zeug zusammen.

Elsäßer: Kommen wir vielleicht erst mal zum ersten Album. Damit sind Sie vor einem Jahr mehr oder weniger aus dem Nichts erschienen. Das ist aber nicht so wirklich beachtet worden, muss man leider sagen.

Bechler: Naja, also, alles braucht seine Zeit, ne? Wenn man in meinem Alter rumrennt und sagt so: "Guten Tag zusammen, ich mach jetzt hier Songs", dann schaut man oftmals erst in leere Augen, und deswegen haben wir das letztes Jahr mal veröffentlicht. Hat eine Menge Spaß gemacht und die Reise beginnt jetzt erst, mit dem zweiten. So langsam ist richtig Wind in den Segeln und es macht Höllenspaß. Und dazu muss man ja irgendwann mal anfangen mit dem Mist.

"Manchmal muss man stur bleiben"

Elsäßer: Vielleicht noch ein paar Worte zur Person: Martin Bechler, Sie sind studierter Musikwissenschaftler, Ende 40, haben eine eigene Produktionsfirma, haben auch als Tonmann lange gearbeitet oder tun es vielleicht immer noch? Nennen Sie uns doch mal einen Namen, hinter dem Sie stehen oder gestanden haben als Produzent.

Bechler: Naja, ich hatte das Glück, über viele Jahre mit tollen Leuten zu arbeiten. Ich sag jetzt mal: Rainald Grebe, Wiglaf Droste, das waren Leute, die immer einen sehr tollen Input geliefert haben, und da konnte ich eben auch lernen, mit welcher Selbstverständlichkeit man so was hinstellen kann. Also gerade beim Grebe war das so. Der macht das, egal wie schräg das ist und sagt dann: so, live with it! Und das konnte ich mir da jahrelang abgucken, da bin ich sehr dankbar für, dass man manchmal auch einfach stur genug bleiben muss, um was zu etablieren.

Elsäßer: Und es gibt ja auch schon eine ganze Menge Reaktionen. Also Gisbert zu Knyphausen empfiehlt die Musik, Olli Schulz hat das Album, glaube ich, sogar als "lebensrettend" bezeichnet.

Bechler: Ich weiß nicht, was Olli Schulz braucht, um sein Leben zu retten. Nee, ich habe das große Glück, in ein ganz tolles Label jetzt gekommen zu sein: nämlich Grand Hotel van Cleef aus Hamburg. Das ist ein piekfeiner Verein und die sehr seriös und leidenschaftlich arbeiten. Und irgendwie ist das da eingeschlagen wie eine Bombe. Und die helfen mir gerade sehr, das auf die Straße zu bringen.

"Du hast sie nicht mehr alle - wir machen das"

Elsäßer: Sie haben mir gerade was in die Hand gedrückt, davon war ich einigermaßen überrascht. Ein ungefähr, was ist das, Din-A5-formatiges sehr schönes Heftchen, sieht ein bisschen altmodisch aus, ein Liederbuch.

Bechler: Ja. Das ist kein Heftchen, das ist ein Buch.

Elsäßer: Sogar mit Noten drin! Ich könnte es nachspielen. Also ich könnte es nicht, aber man könnte es nachspielen.

Bechler: Genau. Es ist ein Buch über diese Platte, über diese Produktion, mit ganz vielen Manuskripten auch drin und Fotos. Also das ist jetzt nicht nur interessant für Leute, die das nachspielen wollen. Und das kam so: Mein Label, das sind totale Vinyl-Freaks. Also da wird prinzipiell jede Produktion als Vinyl gemacht und dann noch auch als Limited Edition. Ich bin fast vom Stuhl gefallen neulich: Da klingelt es an der Tür und die Limited Edition kam zu mir. Und die war grünes Vinyl, Kenner wissen, wie wir Lausbuben uns über so was freuen können.

Und das ist generell im Zuge, wo wir einfach uns damit auseinandersetzen müssen, dass die physischen Tonträger einfach an Bedeutung verlieren und wir uns immer mit dem ganzen MP3-Schrott da auseinandersetzen müssen, der einfach scheiße klingt und sonst auch nur nervt. Das ist das Ende eines Gedankengangs: Wie gehen wir in Zukunft damit um? Und ich stehe auch total auf haptische Sachen und Produkte, die Spaß machen die anzufassen und mit nach Hause zu nehmen. Und ich hab gesagt: So, ich mache jetzt ein Buch.

Elsäßer: Und die haben gesagt: Gerne?

Bechler: Die haben gesagt: Du hast sie nicht mehr alle - wir machen das.

"Texte sind wichtig"

Elsäßer: Musikalisch, ja, ist es wahrscheinlich irgendwo Pop, im weitesten Sinne.

Bechler: Unbedingt!

Elsäßer: Allerdings, wenn man von Gisbert zu Knyphausen gelobt wird, dann steht da ganz schnell die Gefahr der Liedermacher-Einordnung im Raum, oder?

Bechler: Liedermacher ist ja auch ein bisschen… ist ja fast zum Schimpfwort verkommen. Wir haben eine Schwemme, das ist mit Sicherheit so, es kommt sehr viel auf den Markt. Da gleicht sich natürlich auch vieles. Und es war vollkommen klar, dass wir hier so eine gewisse Antihaltung fahren. Und Texte sind wichtig und meine Meinung ist nach wie vor, dass dann die Musik nicht auch noch nerven darf. Also die Idee ist, ganz einfache Songs zu schreiben, auf der diese Texte einfach fahren können und wo man in Ruhe zuhören kann.

"Wir suchen immer nach irgendwas 'Schäbbigem'"

Elsäßer: Wobei Sie schon auch, habe ich den Eindruck, so einen gewissen Spaß daran haben, Instrumente oder auch Klänge zu verwenden, die man erst mal so ein bisschen als ungewöhnlich oder vielleicht auch als aus der Zeit gefallen verstehen könnte. Zum Beispiel im gerade gehörten Song, "Das letzte Kommando", dieses Elektroschlagzeug am Anfang, da dachte ich: Ist das eine Bontempi-Orgel?

Bechler: Fast. Ich wünschte, ich hätte eine. Ich suche verzweifelt danach. Auch da ist eine ganz einfache Logik dahinter. Wir wollen anders klingen. Sind wir mal ehrlich: Die ganze Musikproduktion ist digital geworden und in letzter Konsequenz arbeiten alle mit denselben Tools. Und deswegen klingt auch alles gleich. Das heißt, wir suchen immer nach irgendwas Schäbigem, nach was Kleinem, nach irgendwas, was einen besonderen Raum aufmacht, wo das eben nicht so eine glattgebügelte Poplogik hat. Und das sind oft ganz billige Drumcomputer, das sind oft die Synthesizer, die sonst keiner mehr anpackt, weil wir sie aus 25 Jahre alten, feuchten Proberäumen ziehen.

Elsäßer: Suchen Sie gezielt danach?

Bechler: Nein, aber wenn mir was über den Weg läuft, nehme ich es sofort mit, auch unter Androhung von Gewalt. Und wir, wenn ich sage wir, dann meine ich René Tinner und mich, wir versuchen immer, möglichst schäbigen, kleinen, unwichtigen Raum zu finden, um möglichst viel Platz für die Texte zu schaffen.

"Ich möchte, dass sich die Geschichte erst im Kopf des Hörers zusammenschraubt"

Elsäßer: Und diese Texte sind hochinteressant. Da sind sehr ungewöhnliche Sprachbilder für romantische Zustände drin. Zum Beispiel: "Wenn sich zwei hier im Weltall auf einmal verstehen, dann hat Houston die Arbeit und wir das Problem". Fand ich sehr schön. Was sind Ihre Inspirationsquellen für Texte?

Bechler: Mein Kopf. Ich spiele den ganzen Tag Tetris mit Worten. Und eigentlich hat sich so eine Technik verselbstständigt, den ersten Gedanken immer vorbeiziehen zu lassen, weil ich den zu einfach finde. Und dann nehme ich den zweiten, den jage ich vom Hof. Den dritten verbrenne ich und der vierte? Da wird es langsam spannend. Und dann wird einfach mal so ein Bild da hingestellt. Das macht so Spaß, diese Dreistigkeit, so ein Bild einfach mal da hinzustellen. Und das dann noch mit einem anderen kollidieren zu lassen. Und dann warten wir mal zwei Tage und schauen, wie das dann aussieht. Und wenn mir das dann immer noch gefällt, wird es ein Song. Wenn nicht, schmeiße ich es weg.

Elsäßer: Und dann steht da auf einmal so eine Zeile, meine Lieblingszeile auf diesem Album: "Ich war der Zahnarzt von Darth Vader, ich hatte immer gut zu tun". Es geht um das Fühlen auch und um das Zeigen von Gefühlen – aber eben nicht pathetisch. Sie haben vorhin schon mal gesagt, dass heute vieles gleich klingt. Hat der deutsche Pop im allgemeinen ein Pathosproblem?

Bechler: Ein Pathosproblem? Sagen wir mal so, ich finde, die nordamerikanische Popkultur turnt uns eigentlich seit 50 Jahren ein unheimlich breites Spektrum an poetischen Ansätzen vor. Und da musst du in Deutschland eigentlich lange nach suchen. Alle berufen sich auf Dylan, aber keiner macht's. Es gibt Lieder von Dylan, die habe ich bis heute nicht die Bohne verstanden, aber die tragen zwei Zeilen in sich, die mir so das Hirn wegbretzeln, dass ich sie ein Leben lang mit mir rumschlage. Das heißt: Ich will eigentlich eine Blaupause liefern, ich will hier nichts eins zu eins erklären. Ich möchte, dass sich eine Geschichte erst im Kopf des Hörers zusammenschraubt. Und das kann total unterschiedlich ausfallen. Und dann ist es für mich Pop-Art. Und alles andere ist es nicht.

"Ich muss hier gar nix, ich will"

Elsäßer: Sie sind ganz klar der Kopf, das Zentrum, das Herz von Fortuna Ehrenfeld. Aber nicht live, da setzen Sie dann schon auf Verstärkung.

Bechler: Naja, live geht das ja überhaupt nicht alleine. Auch live muss unbedingt vermieden werden, dass ich der Junge mit der Gitarre bin, der traurig am See entlang spaziert und Steine in den nebligen… sehen Sie? Da haben wir es schon, wie problematisch das alles ist. Und wir spielen das als Trio, wir legen das live auch sehr elektronisch an und wir wollen dann natürlich auch ein bisschen die Sau rauslassen, das heißt, da geht es um Fallhöhe. Und es geht darum, die Leute nicht zu penetrieren mit "guck mal, noch ein Song und noch ein Song und noch ein Song und da war ich traurig, da ist mein Dackel gestorben". Wir wollen da schon einen großen Unterhaltungsfaktor herstellen und dafür habe ich zwei ganz tolle Leute gefunden, mit denen ich jetzt auf die Straße gehe.

Elsäßer: Sie dürfen sie gerne namentlich erwähnen.

Bechler: Das ist Paul Weissert, der spielt Schlagzeug und wird gezwungen, sich mit anderen Instrumenten zu beschäftigen, die er noch nie in der Hand gehabt hat…

Elsäßer: Maracas!

Bechler: Im schlimmsten Fall! Und Jenny Thiele, die verwaltet eigentlich das ganze Universum. Das ist eine Keyboarderin, die aber einen Spieltisch, sagen wir mal, neben sich hat, mit den abstrusesten elektronischen Geräten, und dann schauen wir mal, was die so ausspucken, wenn wir sie anwerfen.

Elsäßer: Man kann sich eigentlich kaum vorstellen, dass Sie vorher nie was eigenes aufgenommen haben.

Bechler: Na, sehen Sie? Das ist dann auch der Vorteil meines Alters: Ich muss hier gar nix, ich will. Und ich bin tiefenentspannt, was das angeht. Ich habe immer schon geschrieben, mein Leben lang. Aber bis ich das gefunden habe, was ich jetzt quasi wie Fließtext runterschreiben kann, das hat einfach gedauert.

Elsäßer: Heute im Corsogespräch, Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld. Das zweite Album "Hey Sexy" ist gerade erschienen, die Tour folgt ab dem 4.9. – herzlichen Dank für das Gespräch.

Bechler: Ich danke für die Einladung, Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk