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StartseiteBüchermarktRinder-, Fußball-, Dichter-Wahn06.05.2020

Martín Caparrós: "Väterland"Rinder-, Fußball-, Dichter-Wahn

Rinder, Kokain, Fußball - im Argentinien der 1930er-Jahre florierten die Geschäfte. Der politisch engagierte Schriftsteller Martín Caparrós beschreibt eine in Korruption und Wahlmanipulationen versinkende Gesellschaft - die Argentiniens Niedergang einleitete.

Von Dirk Fuhrig

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Buchcover: Martín Caparrós: „Väterland“ und Plaza Colon y vista Parcial del Puerto in Buenos Aires 1930er Jahre (Buchcover: Verlag Klaus Wagenbach, Hintergrund: imago images / Arkivi)
Martín Caparrós erzählt vom Buenos Aires der 1930er-Jahre (Buchcover: Verlag Klaus Wagenbach, Hintergrund: imago images / Arkivi)
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Der deutsche Titel "Väterland" führt in die Irre. "Alles fürs Vaterland" - wie die wörtliche Übersetzung des spanischen Originals lauten würde - trifft den Kern des Buchs genau: Es geht nämlich um eine Epoche, in der nationales Denken auch in Südamerika in autoritäre politische Strukturen führte. Die Weltwirtschaftskrise 1929 hatte Argentinien enorm getroffen. Während in Europa Mussolini und Hitler an die Macht kamen, putschte in Buenos Aires das Militär, schaffte die Demokratie faktisch ab und leitete damit die von Korruption und  Wahlmanipulationen geprägte "infame Dekade" ein. Nach einem Jahrzehnt, in dem sozialdemokratische Regierungen die Geschicke bestimmt hatten, wurden national-konservative Werte wieder betont:

"Ich bin ein Ehrenmann. Vielleicht verstehen Sie nicht, was das bedeutet. Aber versuchen Sie es. Ich weiß, dass ihr mich vernichten wollt, weil ich die Hoffnung der anständigen Menschen in diesem Land bin, die dieses Land vor dem Pöbel schützen wollen, vor Leuten wie euch beiden."

Nation als Bollwerk

Carlos María de Olavieta ist ein erzkatholischer und reaktionärer Patrizier vom alten Schlag, der hinter jeder Form von Opposition linksradikale Umtriebe wittert; die Nation als Bollwerk gegen Internationalismus und Kommunismus.

"Wir sind bereit, alles für das Vaterland zu geben. (…) Ich will keinen Skandal, aber ich werde nicht dulden, dass zwei arme Schlucker mein Lebenswerk zerstören. Ihr solltet schön vorsichtig sein, immer schön vorsichtig. Wenn das Vaterland erst einmal marschiert, zermalmt es das ganze Ungeziefer, das ihm in die Quere kommt."

Für solches "Ungeziefer" hält de Olavieta den Protagonisten des Romans: Andrés Rivarola, ein mittelloser junger Mann, der statt Jura zu studieren Gedichte schreibt. Er verliebt sich in Raquel - eine junge Frau aus jüdischer Familie, die moderne Herren-Anzüge trägt und auch in Liebesdingen unkonventionell auftritt.

Der Roman führt in jene Zeit des Umbruchs, die Argentiniens Niedergang einleitete. Caparrós zeigt eine zerbröckelnde Welt der Konventionen, Hierarchien und Tabus, die sich ihrer Auflösung mit Gewalt entgegenstemmt. Die Macht im Land ist in den Händen von zwielichtigen Geschäftemachern. Ein finsterer Chef der Unterwelt thront in seinem Büro im städtischen Schlachthof.

"Ich kaufe und mäste Rinder, opfere sie auf dem Altar der Nation, der sich zufälligerweise genau hier befindet. Auf diese Weise trage ich dazu bei, das Wesen, die Wiesen, das Fundament unseres Vaterlandes rein zu halten. Das wahre Vaterland sind die Rinder, mein Sohn."

Drogen und Deals aller Arten

Auf dem Großmarkt werden nicht nur Rinder zerteilt, sondern Deals abgeschlossen. Es geht um Kokain, aber auch um eine andere Art von "Droge", die damals modern wird: den Fußball. Die in Argentinien vergötterte Sportart entwickelte sich zum Massenvergnügen. 1931 wurde die nationale Fußball-Liga gegründet. Caparrós lässt den Star des schon damals legendären Vereins "River Plate" über eine schwindelerregende Ablösesumme verhandeln: Bernabé Ferreyra, genannt die "Bestie", einer der teuersten Fußballspieler aller Zeiten; eine reale Figur. Im Roman wird er erpresst wegen einer Rauschgift-Affäre - und weil man ihn des Mords an der Tochter von de Olavieta verdächtigt.

Die Gemengelage wird allerdings noch komplizierter: Denn Andrés Rivarola, der Protagonist der Romans, ist ja ein verkappter Dichter, der Anschluss an die Intellektuellen-Szene sucht. Im Café "Richmond" in der Florída-Straße traf sich in den 20er- und 30er-Jahren die Avantgarde von Buenos Aires. Die berühmte Autorin und Mäzenin Victória Ocampo stand diesem Zirkel von Kaffeehaus-Literaten zeitweise nahe. Sie taucht in der Geschichte ebenso auf wie Jorge Luis Borges. Martín Caparrós lässt den Übervater der argentinischen Literatur, damals ein schüchterner junger Mann, als Witzfigur mit dem Spitznamen "Georgie" durch seinen Roman geistern:

"Ausgerechnet Georgie, wie ich nur darauf komme, ob ich nicht wüsste, dass viele glauben, der arme Georgie sei noch Jungfrau, er sei schon immer ein alter Mann gewesen, er sei alt geboren worden. (…) Er ist Schriftsteller, habe ich dir doch erzählt, einer von dieser Florída-Gruppe. Ich mag’s, ihnen hin und wieder zuzuhören, sie zu beobachten, so gebildet, wie die sind, so vornehm."

Motive des argentinischen Pantheons

Der Roman ist ein Spiel mit Motiven des argentinischen Pantheons: der Fußball, die Rinder, der Dichter Borges. Diese strahlenden Nationalsymbole versinken in einem Morast aus Gewalt, mafiösen Abhängigkeiten, Korruption und Bestechung – begleitet von einer schamlosen "Lügenpresse", die Gerüchte streut und Stimmung macht.

Kriminalroman und satirische Vaterlands-Vernichtung: Wer sich mit Argentiniens Geschichte in jener Epoche und mit der patriotischen Ikonographie des Landes nicht so genau auskennt, wird einige Probleme haben, die Handlungsfäden zwischen Rinder-, Fußball- und Dichter-Wahn schlüssig zu entwirren.

"Väterland" ist nicht unbedingt der stärkste Text des politisch engagierten Martín Caparrós, der 2015 mit "Der Hunger" eine brillante und erschütternde Reportage über das soziale Elend in unserer globalisierten Welt veröffentlicht hat. Auch sprachlich-stilistisch ist der Roman - jedenfalls in der Übersetzung von Carsten Regling - etwas schwergängig. Der gnadenlose Blick auf die argentinische Gesellschaft, die humoristische Grundhaltung, die Respektlosigkeit gegenüber dem Land der Väter, vor allem aber der tölpelhafte Loser-Held Andrés machen "Väterland" dennoch zu einer anregenden und an vielen Stellen erheiternden Lektüre.

Martín Caparrós: "Väterland".
Aus dem argentinischen Spanisch von Carsten Regling.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin. 288 Seiten, 20 Euro.

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