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StartseiteCampus & Karriere"Investition in ein Übergangssystem lohnt sich"03.01.2019

Maßnahmen für Schulabgänger"Investition in ein Übergangssystem lohnt sich"

Das Übergangssystem für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz sei besser als sein Ruf, sagten die Bildungsexperten Anne Christine Holtmann und Axel Plünnicke im Dlf. Allerdings profitierten davon vor allem Schulabbrecher - im Gegensatz zu Jugendlichen mit Abschluss.

Anne Christine Holtmann und Axel Plünnecke im Gespräch mit Kate Maleike

Ausserbetriebliche Ausbildungsstätte der Handwerkskammer (HWK) Dortmund. Ausbildung zum KFZ Servicemechaniker. Hier: Auszubildende führen ihr Berichtsheft in der Werkstatt. Dortmund, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, 22.09.2006 | Verwendung weltweit (picture alliance/JOKER)
Jeder zweite Jugendliche, der eine sechsmonatige bis zweijährige Übergangsmaßnahme absolviert, findet anschließend einen Ausbildungsplatz. (picture alliance/JOKER)
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Kate Maleike: Die Schule abzubrechen, sie ohne einen Abschluss zu verlassen, ist in Deutschland keine Seltenheit. Etwa 300.000 Jugendliche nehmen anschließend an Maßnahmen teil, um entweder den Abschluss nachzuholen oder sich beruflich vorzubereiten mit Blick auf eine Lehrstelle. Sie landen im sogenannten Übergangssystem, das in der Vergangenheit immer wieder als Warteschleife, Sackgasse oder sogar Abstellgleis bezeichnet wurde, weil sich für viele der Eintritt in den Arbeitsmarkt oder die Ausbildung nicht oder nur mit großer Verzögerung bewahrheitet hat. Doch dieser Ruf sei nicht gerechtfertigt, er sei besser, sagen Forscher des WZB, des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Dr. Anne Christine Holtmann gehört zu diesem Forschungsteam, grüße Sie!

Anne Christine Holtmann: Hallo!

Maleike: Wie gut ist denn das Übergangssystem nach Ihrer Analyse?

Holtmann: Als wir am Anfang mit der Forschung begonnen haben, dachten wir, dass Übergangsmaßnahmen wahrscheinlich Warteschleifen für die Jugendlichen sind und ihre Ausbildungschancen gar nicht verbessern. Aber nach unseren Analysen haben wir herausgefunden, dass gerade für Jugendliche mit besonders schlechten Chancen nach der Schule sich ihre Chancen, eine Ausbildung zu finden, stark verbessern nach einer Übergangsmaßnahme.

Maleike: Können Sie das in Zahlen benennen?

Holtmann: Am allerstärksten profitieren Schulabgänger ohne Schulabschluss, und deren Chancen erhöhen sich ungefähr um 32 Prozentpunkte, und das ist echt ein ziemlich großer und starker Effekt.

Maleike: Wenn jeder zweite Jugendliche den Weg in die Ausbildung findet, so haben Sie es ja herausgefunden, bedeutet das ja auch, dass jeder zweite den Weg nicht findet. Konnten Sie herausfinden, warum nicht?

Holtmann: Man muss ja vielleicht zuerst sagen, dass das halt oft Jugendliche sind, für die es besonders schwer ist schon direkt nach der Schule. Ich glaube, unsere Studie zeigt eher, warum es einigen Jugendlichen halt doch gelingt, nämlich entweder indem sie einen Schulabschluss nachholen oder indem sie beispielsweise viel Zeit im Betrieb verbringen und dort zum Beispiel sich beweisen können und zeigen können, was sie eigentlich können.

Chance für Schulabbrecher, Warteschleife für gute Schüler

Maleike: Ja, dann frag ich mal andersrum: Wem eröffnet das System jetzt Chancen und wem nicht?

Holtmann: Besonders eröffnet es Jugendlichen Chancen, die nach der Schule fast gar keine Chance haben, einen Ausbildungsplatz zu finden, und das sind besonders Jugendliche ohne Schulabschluss, und noch mal besonders auch Jugendliche von Förderschulen, die profitieren sehr stark von Übergangsmaßnahmen. Man muss aber sagen, dass wenn Jugendliche eigentlich schon ganz gute Noten und einen ganz guten Abschluss haben, dass es für sie dann eher eine Warteschleife ist.

Maleike: Denn Sie haben trotz dieser größtenteils positiven Befunde ja auch festgestellt, dass für die Hälfte der Jugendlichen ohne mittleren Schulabschluss die Teilnahme an diesen Maßnahmen eben keinen Erfolg hat und auch – und das finde ich einen sehr besorgniserregenden Befund –, dass diejenigen, die einen abgeschlossenen Hauptschulabschluss haben, auch keine guten Ausbildungschancen haben. Richtig?

Holtmann: Zumindest muss man sagen, dass etwa die Hälfte von ihnen direkt nach der Schule keinen Ausbildungsplatz findet und dann auch nach der Übergangsmaßnahme etwa nur insgesamt die Hälfte der Jugendlichen einen Ausbildungsplatz findet.

Maleike: Mitgehört, Frau Holtmann, hat Professor Axel Plünnecke. Er ist Bildungsexperte beim Institut der Deutschen Wirtschaft, das auch regelmäßig sozusagen auf das deutsche Bildungssystem guckt mit seinem Bildungsmonitor. Guten Tag, Herr Plünnecke!

Axel Plünnecke: Guten Tag!

Erheblicher Förderbedarf bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Maleike: Was sagen Sie denn zum WZB-Befund?

Plünnecke: Ja, es ist in der Tat wichtig auch, der Befund des WZB, dass im Übergangssystem viele Jugendliche dann bessere Chancen haben, später einen Ausbildungsplatz zu finden. Das führt auch dazu, dass man sagen kann, diese Investition in ein Übergangssystem lohnt sich ökonomisch, denn mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung sind später auch Einzahlungen, Steuern, Sozialbeiträge natürlich deutlich höher, als wenn Personen ohne Abschluss am Arbeitsmarkt dann geringere Produktivität haben. Von daher ganz wichtig festzuhalten: Aus ökonomischer Sicht ist die Investition in ein Übergangssystem dann wertvoll.

Maleike: Aber nehmen wir doch mal den letzten Befund, den wir gerade angesprochen haben, dass eben Jugendliche mit einem Abschluss an einer Hauptschule weniger Chancen haben auf einen Ausbildungsplatz – das ist doch ein ziemlich krasser Befund.

Plünnecke: Ja, insgesamt ist es natürlich wichtig, das Übergangssystem auch noch weiter zu optimieren und zu schauen insgesamt, wie kann man Jugendliche besser auf eine Berufsausbildung vorbereiten. Wir sehen da gerade auch, wenn wir auf das Thema Migration schauen, dass es da einen erheblichen Förderbedarf, Integrationsbedarf gibt, Jugendliche mit einem Migrationshintergrund noch stärker zu fördern, zu besseren Schulabschlüssen zu führen und damit auch den Übergang in die Ausbildung zu erleichtern. Und gerade hier haben wir auch an den Hauptschulen noch besonderen Förderbedarf.

Maleike: In Ihrem letzten Bildungsmonitor, der im Sommer veröffentlicht wurde, haben Sie genau das auch noch mal aufgezeigt, dass sich die Quote der Schulabbrecher unter Migranten im Vergleich zu 2016 noch mal deutlich gesteigert hat, um gut 14 Prozent. Wie ist das zu erklären?

Berufsschulpflicht bis zum 21. Lebensjahr notwendig

Plünnecke: Ja, wir haben natürlich jetzt aktuell auch deutlich mehr Jugendliche, die erst in höherem Alter als Migranten zugewandert sind, in der Flüchtlingsmigration beispielsweise viele 13-, 14-, 16-, 18-Jährige, die dann ins Bildungssystem einmünden, nur wenig Jahre im deutschen Bildungssystem verbringen und ohne Abschluss dort wieder rauskommen. Und es ist wichtig, diese Schüler auch länger zu fördern, beispielsweise über eine Berufsschulpflicht bis zum 21. Lebensjahr, um ihnen dann auch im Übergangssystem noch zweite Chancen zu ermöglichen, später erfolgreich über eine Ausbildung in den Arbeitsmarkt zu kommen.

Maleike: Das fordern Sie als Wirtschaft, also sozusagen die Ausweitung der Schulpflicht bis 21 – ist das realistisch?

Plünnecke: Ich denke, man sollte darüber nachdenken und eine öffentliche Debatte starten, wie man diese wertvollen Befunde, auch des WZB, nutzen kann, über das Übergangssystem diesen Jugendliche, gerade auch Geflüchteten, noch bessere Chancen zu bieten. Es gibt da tolle Erfahrungen auch aus Bayern, wo es da sehr schöne Programme gibt, wo man Jugendliche über das Übergangssystem dann in Arbeit, in Ausbildung bringt. Das auf Bundesebene noch stärker auszuweiten, wäre, glaube ich, ein ganz wichtiger Impuls.

Maleike: Frau Holtmann, wie werten Sie diesen Vorschlag? Haben Sie auch speziell auf die Migrantenjugendlichen geguckt bei Ihrer Analyse?

Holtmann: Nein, das war nicht der Schwerpunkt unserer Analyse, aber ich würde da, glaube ich, auch einhaken und sagen, das Übergangssystem kann man durchaus noch verbessern, weil man sieht halt, dass nur etwa 25 Prozent der Jugendlichen im Übergangssystem es schaffen, einen höheren Schulabschluss zu erreichen. Gerade das ist was, was den Jugendlichen wirklich hilft, nachher eine Ausbildung zu finden. Und der zweite Weg, der den Jugendlichen hilft, eine Ausbildung zu finden, ist, viel Zeit in Betrieben zu verbringen. Aber der größte Teil der Maßnahmen im Übergangssystem, in denen holen Jugendliche weder einen Schulabschluss nach, noch verbringen sie viel Zeit im Betrieb, und deshalb denke ich, da ist noch Platz für weitere Verbesserungen.

Maleike: Das beste Übergangssystem wäre natürlich eins, das es gar nicht gäbe, weil alle möglichst ihren Abschluss machen oder Qualifikationen schon vorher bekommen. Aber wenn wir jetzt schon in die Zukunft gucken, wir haben jetzt sozusagen die Analysen gehört, besser geht ja immer, Sie haben ein paar Vorschläge gemacht, was man tun kann: Herr Plünnecke, was wären Ihre Vorschläge zur Verbesserung des Übergangssystems?

"Direkten Kontakt in die Betriebe stärken"

Plünnecke: Ich denke, dass man zum Ersten mal im Bildungssystem selbst ansetzen muss, schon im Schulbereich, dass wir gerade, Stichpunkt Migration, noch besser werden, was Fördermaßnahmen an Grundschulen, an weiterführenden Schulen angeht, was Sprachförderung angeht, Maßnahmen zur Unterstützung von Eltern, von Lehrern, Ausbildung, Weiterbildung in dem Bereich, da müssen wir besser werden. Und dann, was wir sehen mit dem Einstiegsqualifizierungen, wo man schon Kontakt hat in die Unternehmen in der Tat, auch da würde ich zustimmen, dass es wichtig ist, den direkten Kontakt in die Betriebe noch stärker in diesem Übergangssystem in den Fokus zu nehmen, denn da entstehen Netzwerke, entstehen Erfahrungen, entstehen Kontakte, wo man auch besser dann später in den Beruf starten kann.

Maleike: Wie wichtig sind denn so Wertigkeiten? Also wenn man immer nur hört, dass man im Abstellgleis ist, dass man auf der Resterampe ist, wenn man die Hauptschule besucht, das macht ja nicht unbedingt ein positives Gefühl. Ist die Wirtschaft nicht da auch gefordert, stärker noch die Arme aufzumachen, Chancen zu bereiten?

Plünnecke: Ich denke, ja. Wenn Sie Netzwerke sehen – Schule, Wirtschaft beispielsweise –, wo es Kontakte gibt, enge Kontakte zwischen Schulen und Betrieben, ist es wichtig, über Berufsorientierung an den Schulen Kontakte aufzubauen. Und in der Tat, ein guter Hauptschulabschluss kann viele Perspektiven bieten, und wir haben gerade Fachkräfteengpässe in den Ausbildungsberufen, in den Handwerksberufen, und da bietet sich eigentlich auch viel Perspektive für diese jungen Menschen an.

Maleike: Das berufliche Übergangssystem in Deutschland ist besser als sein Ruf. Darüber haben wir gesprochen, aber wir haben auch darüber gesprochen, wie man es noch verbessern kann – mit Dr. Anne Christine Holtmann vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Professor Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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