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Mattheuer-Ausstellung in Rostock
Zeitzeuge des Kalten Krieges

In diesem Jahr wäre der Maler Wolfgang Mattheuer 90 Jahre alt geworden. Eine Retrospektive in der Kunsthalle Rostock zeigt deshalb 80 seiner Werke. Bis heute ist der Maler stark umstritten - nicht nur wegen seiner DDR-Vergangenheit.

Von Carsten Probst | 02.07.2017
    Eine Mitarbeiterin geht in der Kunsthalle in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) an den Bilder "Richard, der Indianer" (r) und "Der Nachbar, der will fliegen" (1983, l) von Wolfgang Mattheuer vorbei. Die Retrospektive "Bilder als Botschaft" zu Wolfgang Mattheuer (1927 - 2004) findet aus Anlass des 90. Geburtstags des Mitbegründers der Leipziger Schule statt.
    Die Kunsthalle Rohstock zeigt eine Retrospektive zu Wolfgang Mattheuer. (Jens Büttner/dpa-Zentralbild)
    Auf dem großformatigen Gemälde "Hinter den 7 Bergen", dem im Westen vielleicht bekanntesten Werk Mattheuers, blickt man auf eine Autobahn, die sich durch eine hügelige Landschaft bis zum weiten Horizont schlängelt. Und dahinter taucht, wie eine Fata Morgana, eine riesige Freiheitsgöttin auf. Sie erinnert an die Figur der Liberté auf Eugène Delacroix' berühmtem Revolutionsgemälde "Die Freiheit führt das Volk" von 1830. Doch statt Bajonett und französischer Flagge trägt diese Freiheitsgöttin einen Blumenstrauß und fünf bunte Luftballons.
    Im Werkverzeichnis zu Mattheuers malerischem Gesamtwerk, das anlässlich seines 90. Geburtstags erscheint, wird dieses Gemälde als Reaktion des Malers auf die Niederschlagung des Prager Frühlings von 1968 beschrieben.
    Im Westen hielt man es eher für eine Metapher auf die Tristesse des sozialistischen Alltags, dem die Flucht in den bunten Westen als Verheißung winkt.
    In der DDR hingegen betrachtete man es als Abrechnung mit den Scheinfreiheiten des Kapitalismus. So gaben Mattheuers Bilder immer wieder Rätsel um ihre wahre Bedeutung auf – für seinen heutigen Galeristen Karl Schwind eine direkte Folge des Kalten Krieges, in dem jede künstlerische Aussage sofort politisch umgedeutet wurde.
    "Das ist das Problem, dass man den Künstler aus der DDR immer mit politischen Themen verbindet - und auch gerne in diese Schublade reinschiebt. Zum Beispiel Mattheuer, da beträgt ungefähr der Anteil dieser Bilder in seinem Oeuvre zehn Prozent, der Rest sind Landschaften, Akte und andere Bilder. Aber wahrgenommen wird er immer nur als der politische Maler."
    Politisch waren die Bilder unvermeidlich
    Politisch waren Mattheuers Bilder unvermeidlich, gerade, weil er sich mit seinem malerischen Ansatz immer auf künstlerische und literarische Traditionen des 19. Jahrhunderts bezog, die er unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts neu interpretierte. Zitate der deutschen Romantik, vor allem Caspar David Friedrichs, durchziehen weite Teile seines Werkes, immer wieder spielt Mattheuer mit der Lichtmetaphysik von Sonnenuntergängen, weiten oder einsamen Landschaften oder der surreal anmutenden Montage von Einzelmotiven.
    "Also da ist durchaus eben auch Landschaft als politische Landschaft zu verstehen, wie Friedrich, das hat er aufgegriffen, und in dem Sinne ist er irgendwo auch ein Romantiker, ein deutscher. Also, dass er absolut die deutsche Kunst verkörpert, auch für jeden im Ausland sichtbar, das haben wir in Miami gesehen. Da waren wir auf der Kunstmesse, hatten Mattheuer-Bilder, und da jeder Amerikaner vorbei und meinte: "Very strong german art!"
    Dass Mattheuer als malerischer Autodidakt selbst zunehmend einen stark national gefärbten Kunstbegriff vertrat, sich betont als deutschen Maler betrachtete, dass er nach der Wende bekannte, die "Junge Freiheit" zu lesen und in der westlichen Demokratie vor allem eine Auslöschung des Nationalen sah, das schlug auf die Rezeption seines Werkes durch.
    Systemkritiker von ganz rechts
    Mattheuer, ein Systemkritiker von ganz rechts, so hieß es – kein Wunder also, dass sich keine Institution im Westen dazu durchringen kann, den einst bekanntesten Maler aus der DDR kunsthistorisch neu zu untersuchen?
    Die Kunsthalle Rostock gibt einen Überblick aus allen Werkphasen, auch den nach der Wende entstandenen, kaum gezeigten Arbeiten, die ihre gesellschaftskritischen Themen der Vorwendezeit weiter fortsetzen: Flucht und Vertreibung, technologischer Fortschritt, soziale Isolation, Ausbeutung der Natur.
    Mattheuers Werk ist ein durchaus aktuelles Zeitzeugnis deutscher Idiosynkrasien des Kalten Krieges. Doch ergeht es ihm anscheinend ähnlich wie einst dem deutschen Symbolismus des 19. Jahrhunderts: Lange hielt man diesen für eine Vorform nationalsozialistischer Kunst – bis sich die Hamburger Kunsthalle in den 1980er-Jahren zu einer großen Aufarbeitung alter Vorurteile entschloss.
    Ob die Zeit zu Mattheuers 100. Geburtstag dann reif sein wird für eine neue, unbefangene Betrachtung auch im Westen?