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Startseite@mediasresDas schwierige Sprechen über Sexismus30.11.2017

Matthias DellDas schwierige Sprechen über Sexismus

Die deutsche mediale Debatte über Sexismus bewegt sich auf niedrigem Niveau, findet unser Kolumnist Matthias Dell. Sexismus, den gebe es anscheinend nur in Hollywood oder England. Und statt zu recherchieren, würden oft nur unterkomplexe Meinungen ventiliert.

von Matthias Dell

Eine Hand auf der "#MeToo" und "#Balancetonporc" ("Schwärz' dein Schwein an") (AFP / Bertrand Guay)
In Frankreich löste die Sexismus-Debatte nach dem Fall Weinstein ein besonders großes Echo aus. (AFP / Bertrand Guay)
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Wir müssen über Sexismus reden. Genauer gesagt: Wir müssen darüber reden, wie wir über Sexismus reden können. Über sexualisierte Gewalt, über sexuelle Belästigung, über Vergewaltigung. Es gibt verschiedene Grade, aber es gibt ein Problem: Wie kann man davon öffentlich davon sprechen?

Seit sieben Wochen ist Sexismus in all seinen Facetten ein Thema in den Medien, ausgelöst durch den Fall des Filmproduzenten Harvey Weinstein. Der Fall scheint so klar zu liegen, dass er als Ventil für die Debatte taugt. Es gibt eine lange Liste von Frauen, die Weinstein ausgenutzt hat aufgrund seiner herausgehobenen Position als wichtiger Filmproduzent. Die Reaktion des Systems, in dem Weinstein lange erfolgreich gearbeitet hat, fällt entsprechend gnadenlos aus. Weinsteins Reputation ist in dem Keller, in dem der Marktwert des Schauspielers Kevin Spacey sich befindet.

Öffentlich über Sexismus sprechen ist ein Risiko

Mancher mag das übertrieben finden, aber zuerst ist es ein Symptom. Ein Symptom dafür, wie schwer es ist, über Sexismus zu sprechen. Denn dank der hartnäckigen, intensiv recherchierenden amerikanischen Journalisten wissen wir auch, wie lange nicht über Weinsteins Demütigungen geredet wurde. Wie viel Geld und Aufwand der Filmproduzent investierte, um lange Zeit erfolgreich Geschichten über seinen sexualisierten Machtmissbrauch zu verhindern.

Daran wird deutlich: Über Sexismus kann entweder nie oder nur mit einem Mal öffentlich gesprochen werden. Sexismus ist der Herbst 1989 in der DDR, in dem die Mauer nur plötzlich fallen kann, die Macht sich nur auf einen Schlag auflöst. Geschichten über Sexismus verlaufen nicht in der linearen Logik von Politaffären, wo es Recherchen gibt, Dementis, Aufmerksamkeit, weitere Recherchen, Konsequenzen. Geschichten über Sexismus unterliegen einer Dramaturgie des Sprungs. Jahrelang wollte oder konnte niemand darüber öffentlich reden – und dann wird mit einem Mal eine Tür aufgestoßen.

Selbst prominente, einflussreiche Frauen fürchten Erniedrigung

Der Sprung ist das Problem. Er ist ein Risiko, weil die Person, die öffentlich über Erfahrungen mit Sexismus redet, nicht sicher sein kann, dass die Überwindung, die es kostet, von der erlittenen Scham zu sprechen, Konsequenzen hat. Dass sich etwas ändert.

Anfang 2013 veröffentlichte die Journalistin Laura Himmelreich ihre Geschichte über die Sexismen des FDP-Politikers Rainer Brüderle. Das war ein Sprung, weil danach nicht Himmelreich, sondern Brüderle ein Problem mit seiner Reputation hatte. Weil, neben allen abwehrenden Texten, lauter Frauen in Medien von ähnlichen Erfahrungen berichteten.

Wie nachhaltig das war, welche Konsequenzen das hatte – das kann man daran sehen, dass jetzt, nach Weinstein, in Deutschland über Sexismus genauso geredet wird wie damals bei Brüderle. Es gibt keine Geschichte, die Erfahrungen akkumuliert; es geht immer wieder bei null los.

Mediale Debatte auf niedrigem Niveau

Und immer wieder bei #metoo. Die Publizistin Thea Dorn hat sich darüber mokiert, dass Angelina Jolie erst dann von ihren Erfahrungen mit Weinstein erzählt hat, als viele es taten. Dabei kann man gerade dadurch verstehen, wie schwierig es ist, über Sexismus zu sprechen – wenn selbst eine reiche, einflussreiche und von vielen bewunderte Frau wie Jolie nicht sicher davor sein kann, von noch mächtigeren Leuten wie Weinstein erniedrigt zu werden.

Die deutsche mediale Debatte bewegt sich auf niedrigem Niveau. Sexismus gibt es, kann man den Eindruck haben, nur in Hollywood oder England, und statt zu recherchieren, ventilieren selbsternannte Totalitarismusforscherinnen wie Dorn altbekannte Standard-Meinungen. Definieren unterreflektierte Kommentatoren Sexismus zu der Frage um, ob man noch Komplimente machen dürfe. Werden Schauspielerinnen gefragt, ob sie schon mal sexuell belästigt worden sind, als ob man über ein so schamvolles Thema so locker vom Hocker redet wie über das Buch, das man im nächsten Urlaub lesen will.

Zumal man eben nicht sicher sein kann, ob das zum Sprung führt oder doch nur Selbstviktimisierung reproduziert – die einem von den Schlaumeiern aus dem Feuilleton dann als Opferrolle oder Masochismus um die Ohren gehauen wird.

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